Exklusiv

Softwarepanne und Kontrollversagen: Neue Details zum Finma-Verfahren gegen die Zurich

Was lief schief im Lebengeschäft der Zurich Insurance? Recherchen deuten auf ein Softwareproblem und eine anschliessend zögerliche Aufarbeitung hin. In der Versicherungsbranche sorgt der Fall für Kopfschütteln.

Softwarepanne und Kontrollversagen: Neue Details zum Finma-Verfahren gegen die Zurich
Zurich-Chef Mario Greco. Quelle: HO

Die Zurich-Versicherung befindet sich im Visier der Finma. Ende Juli wurde bekannt, dass die Aufsichtsbehörde ein Enforcement-Verfahren gegen den Versicherungskonzern eingeleitet hat. Zurich-Konzernchef Mario Greco musste in Interviews einräumen, dass das interne Kontrollsystem versagt habe. Er bezeichnete es als «bedauerlich», dass das Problem trotz aller internen Audits und Prüfungen nicht selbst entdeckt und korrigiert worden sei, sondern erst durch die Aufsichtsbehörde ans Licht gekommen sei. Im Zusammenhang mit dem Verfahren wurden zwölf Mitarbeitende entlassen.

Laut Greco liegt die Ursache des Verfahrens darin, dass Kunden Lebens- und Rentenversicherungspolicen zu tieferen Preisen angeboten wurden, als zuvor mit der Finma vereinbart worden war. Konkret geht es um die Prämien für die Absicherung von Risiken in der beruflichen Vorsorge. Diese unterscheiden sich je nach Branche erheblich.

Wenn der Branchencode über die Prämie entscheidet

Eine entscheidende Rolle spielt dabei die sogenannte NOGA-Klassifikation. Das Bundesamt für Statistik teilt den verschiedenen Wirtschaftszweigen entsprechende Codes zu. Diese dienen unter anderem als Grundlage für die Risikoeinstufung in der beruflichen Vorsorge.

So wird ein Dachdeckerbetrieb anders klassifiziert als ein Handelsunternehmen. Das hat direkte Auswirkungen auf die Risikoprämien. In der zweiten Säule werden unter anderem die finanziellen Folgen von Invalidität und Tod abgesichert.

Viele Pensionskassen und Lebensversicherer arbeiten mit risikobasierten Tarifen, die sich an der Branchenzugehörigkeit orientieren. Während ein Handelsbetrieb für die reine Risikoabsicherung beispielsweise 1 bis 1,5 Prozent des versicherten Lohns aufwenden muss, können es im Dachdecker- und Baugewerbe 3 bis 5 Prozent oder mehr sein. Die Prämien können damit drei- bis viermal so hoch ausfallen.

Wie Recherchen von Tippinpoint ergeben haben, soll es bei der Zurich genau bei dieser Klassifizierung zu Fehlern gekommen sein. Gemäss mehreren Quellen wurden bei einem Softwareupdate Branchencodes falsch übertragen. Das führte offenbar dazu, dass einzelne Risiken nicht korrekt eingestuft und entsprechend zu tiefe Prämien berechnet wurden. Zurich deckt den Risikoteil für die teilautonome Sammelstiftungen Vita ab. 

«Dass einzelne Mitarbeitende die Codes manipuliert haben, um für ihre Kunden bessere Konditionen herauszuholen, halte ich für ausgeschlossen», sagt eine mit den Vorgängen vertraute Quelle. Vielmehr soll es sich um ein systemisches Problem gehandelt haben.

An der zu langen Leine?

Brisant ist auch, was nach der Entdeckung der Unregelmässigkeiten geschah. Als die Finma auf die Fehler aufmerksam wurde, sollen die zuständigen Mitarbeitenden nicht schnell genug auf die Anfragen der Aufsichtsbehörde reagiert haben. Dies habe offenbar zur Eskalation des Falls beigetragen.

In der Versicherungsbranche sorgt insbesondere dieser Teil der Geschichte für Verwunderung. Dass ein internationaler Versicherungskonzern wie die Zurich den Umgang mit der Aufsichtsbehörde nicht besser im Griff hatte, ist nur schwer nachvollziehbar. Denn Anfragen, Schreiben und Nachforschungen der Finma sind in der Regel vom ersten Tag an Chefsache. Sie werden über das Chief Risk Office koordiniert, unter Einbezug der zuständigen Führungskräfte und weiterer Kontrollfunktionen.

Das gilt auch für international tätige Versicherungskonzerne. Kommt es in einer Ländergesellschaft wie der Schweiz zu einem aufsichtsrechtlich relevanten Vorfall, werden die entsprechenden Informationen auch mit der Konzernleitung geteilt. Umso mehr stellt sich die Frage, auf welcher Führungsebene die Probleme bei der Zurich bekannt waren und weshalb es offenbar nicht gelang, sie rechtzeitig zu beheben.

Ein Zurich-Sprecher lehnte eine Stellungnahme ab und verwies auf die Interviews von Zurich-CEO Mario Greco zum Fall.

Empfehlungen

Neueste Artikel

Newsletter anmelden

Das wöchentliche Briefing für einen Überblick ohne News-Stress

Bitte bestätigen Sie Ihre Anmeldung per E-Mail.

Die Anmeldung hat nicht geklappt. Bitte versuchen Sie es erneut.