«Satoshis Anonymität ermöglichte es Bitcoin, sich als dezentrales Open-Source-System ohne zentrale Autorität oder Galionsfigur zu entwickeln», sagt der Bitcoin-Pionier Adam Back gegenüber tippinpoint.ch. Eine der grundlegenden Stärken von Bitcoin sei, dass er nicht von Satoshi oder einer einzelnen Person abhängig sei. Schon diverse Recherchen wollten herausgefunden haben, dass Adam Back der Verfasser des Whitepapers und damit Erfinder des Bitcoins sei. Zuletzt glaubte die «New York Times» das grösste Rätsel der Kryptowelt gelöst und Back enttarnt haben. Als Indizien führt die Zeitung seinen technischen Hintergrund mit dem Hashcash-Protokoll, computer-gestützte Sprachanalysen sowie auffällige zeitliche Überschneidungen an.
Es ist nachvollziehbar, dass Back nicht zugeben würde, wenn er Nakamoto wäre. Letzterer besitzt Wallets mit über einer Million Bitcoins im Wert von rund 80 Milliarden Dollar, die noch nie bewegt wurden. «Das Eigentumsrecht an diesen Bitcoins ändert nichts an den Konsensregeln von Bitcoin, die unabhängig vom Netzwerk durchgesetzt werden», sagt Back dazu.
Anonymes Leben auf dem Dorf
Back wäre sich das Leben in unterschiedlichen Persönlichkeiten gewohnt. An der englischen Küste -seiner ursprünglichen Heimat – wohnt er in bescheidenen Verhältnissen auf einer Farm, auf der Schafe gehalten werden. Die Schafszucht übernehmen dort vor allem seine Frau und seine Tochter. Seine zwei Söhne sind als Banker und Architekt tätig. Im Dorf in der Grafschaft Devonshire kennen die Bewohner Adam Back jedoch nicht, denn der praktizierende Quäker lebt dort unter anderem Namen in einem einfachen Haus in dem sich «die Tapeten von den Wänden lösen», wie ein Nachbar sagt. Mondäner geht es dagegen auf der Mittelmeerinsel Malta zu und her, wo Back ein grosszügiges Appartement besitzt, und das Leben des Bitcoiners der ersten Stunde lebt.
Unbestritten ist, dass Back wie Wei Dai, Nick Szabo und Hal Finney seit den 1990er-Jahren zur Cypherpunk-Szene gehört, die sich über digitales Geld und Privatsphäre austauscht. Back entwickelte 1997 das Hashcash-System, ein Proof-of-Work-Verfahren, das E-Mail-Korrespondenz sicherer machen und Denial-of-Service-Angriffe eindämmen sollte. Bitcoin verwendet das gleiche Prinzip im Mining und Back wird im Whitepaper 2008 dazu zitiert. Back korrespondierte mit Nakamoto und wies ihn auf Wei Dais Vorschlag «b-money» hin, den Nakamoto daraufhin ins Whitepaper aufnahm. Back war zudem einer der ersten Empfänger einer Bitcoin-Transaktion.
Zuerst Lugano, dann Europa
Adam Back will mit Blockstream seine Präsenz in der Schweiz ausbauen. Das 2014 gegründete kanadische Unternehmen unterstützt Institutionen, Unternehmen und Privatpersonen beim Aufbau einer sicheren Finanzinfrastruktur auf Basis von Bitcoin. Das Unternehmen bietet Dienstleistungen wie Bitcoin-Verwahrung, -Abwicklung, -Zahlungsverkehr sowie Emission von Vermögenswerten und Selbstverwahrung an. Blockstream hatte bereits im vergangenen Jahr die Schweizer Bitcoin-Unternehmen Elysium Lab und Berglinde übernommen. Im Rahmen der Kooperation mit Luganos Plan B-Initiative eröffnete Blockstream ein eigenes Forschungs- und Entwicklungszentrum im Tessin.
Auf die Frage, ob die derzeitige Integration von Bitcoin-Diensten in das Finanzsystem nicht ein Verstoss gegen das Prinzip der Dezentralisierung sei, das Cyberpunks wie er propagierten, antwortet Back: «Nein, bei der Dezentralisierung geht es darum, wie Bitcoin funktioniert, nicht darum, wer es nutzt. Bitcoin bleibt ein offenes, zugangsfreies Netzwerk, unabhängig davon, ob jemand seine eigenen Schlüssel besitzt oder über ein Finanzinstitut darauf zugreift.» Die institutionelle Akzeptanz erweitere den Nutzen von Bitcoin, ohne dessen zugrunde liegende Prinzipien zu verändern, fügt er an.
Die Erfahrung von Blockstream in Bitcoin-Kryptografie, Protokollentwicklung und Engineering würden dem Unternehmen das technische Know-how verleihen, um die Komplexitäten der Integration von Bitcoin in die traditionelle Finanzinfrastruktur zu bewältigen, heisst es im Pressetext zur Eröffnung der neuen Niederlassung in Lugano vor wenigen Tagen. Und weiter: Das Beratungsgeschäft werde in Verbindung mit dem neuen Büro in Lugano massgeschneiderte Bitcoin-Lösungen für Finanzinstitute in ganz Europa bieten.
Zu spät zur Party in der Schweiz?
«Die Schweiz verfügt über einen eigenen, etablierten Rechtsrahmen für digitale Vermögenswerte. Mit ihrem starken Bankensektor und ihrer Tradition finanzieller Innovationen ist die Schweiz ein wichtiger Markt für die Einführung von Bitcoin und für Bankgeschäfte in der gesamten EU», sagt der Blockstream-CEO zur Wahl der Schweiz als Standort. Back erwartet aber eher eine stärkere Integration zwischen der traditionellen Finanzwelt und der Bitcoin-Infrastruktur als eine vollständige Verschmelzung der beiden Branchen. «Finanzinstitute sind daran interessiert, Bitcoin und Funktionen für digitale Vermögenswerte in ihre bestehenden Dienstleistungen zu integrieren, insbesondere in Bereichen wie Verwahrung, Sicherheiten und Abwicklung. Mit zunehmender Akzeptanz wird die Bitcoin-Infrastruktur zu einem immer integraleren Bestandteil des globalen Finanzsystems werden», so Back.
Kommt diese Schweiz-Strategie angesichts der zahlreichen Dienstleister, die hierzulande bereits um institutionelle Kunden buhlen, nicht etwas spät? Darauf sagt Back: «Blockstream entwickelt bereits seit 2014 Bitcoin-Infrastruktur. Es besteht ein wichtiger Unterschied zwischen dem Angebot von Bitcoin-Anlageprodukten und dem Aufbau der zugrunde liegenden Infrastruktur, die es Banken ermöglicht, das Potenzial von Bitcoin voll auszuschöpfen».
Zwei gröbere Rückschläge
Doch die «Europa-Expansion» steht im Schatten von zwei Rückschlägen, die Adam Back beziehungsweise Blockstream hinnehmen mussten. Vor Kurzem konnten Angreifer von Backs Liquid-Netzwerk, einer 2018 gestarteten Layer-2-Bitcoin-Blockchain, rund 4000 Bitcoin im Wert von über 300 Millionen erbeuten. 3400 Bitcoin sind zwar zurückgekommen – doch Coins im Wert von 47 Millionen Dollar behielten die Hacker.
«Die Swap-Dienste des Liquid-Netzwerks wurden bereits wiederhergestellt. In Kürze werden weitere Schritte folgen, um die Peg-Out-Funktionalität für Föderationsmitglieder wiederherzustellen, doch für die Nutzer läuft alles wie gewohnt weiter», sagt Back. Liquid sei für einen anderen Zweck konzipiert als die Layer-2-Lösungen von Ethereum und biete eine UTXO-basierte Infrastruktur für die Ausgabe von Vermögenswerten, vertrauliche Transaktionen und die Abwicklung. (UTXO: Unspent Transaction Output, jener Teil eines Kryptoguthabens, der nach Abschluss einer Transaktion verbleibt). Der Fokus liege darauf, die Sicherheit und die Funktionen bereitzustellen, die Finanzinstitute benötigten, um Bitcoin-basierte Finanzdienstleistungen aufzubauen und zu betreiben.
Auch der gross angekündigte Börsengang von BSTR Holding ist gescheitert. Im Juli 2025 gab Adam Back bekannt, er wolle über die Fusion mit der Mantelgesellschaft des Finanzdienstleisters Cantor Fitzgerald eine Bitcoin Treasury Gesellschaft mit dem Namen «Bitcoin Standard Treasury Company» (BSTR) starten. Zu diesem Zeitpunkt erlebten der Treasury-Pionier Strategy (ehemals MicroStrategy) und Nachahmerunternehmen einen regelrechten Hype. Back und Blockstream wollten rund 25'000 Bitcoins in die neue Gesellschaft einbringen, während bis zu 1,5 Milliarden Dollar über den Verkauf von Unternehmensanteilen an akkreditierte Investoren und Wandelanleihen eingenommen werden sollten. Über 930 Millionen Dollar davon waren schon zugesagt. «BSTR war ein eigenständiges Bitcoin-Treasury-Projekt, das aufgrund der Marktbedingungen nicht vorangetrieben wurde. Blockstream konzentriert sich weiterhin auf sein Kerngeschäft, nämlich die Entwicklung von Bitcoin-Infrastruktur und Finanztechnologie», sagt Back.
18 Jahre nach dem White Paper
Wenn jemand vor 18 Jahren am Verfassen des Bitcoin-Whitepaper mitgewirkt hat, ist es interessant zu erfahren, welche Entwicklungen des Bitcoins für ihn überraschend waren. Back sagt dazu: «Eine der bedeutendsten Entwicklungen war die Wandlung von Bitcoin von einem Peer-to-Peer-E-Cash-System zu einem weltweit anerkannten Wertspeicher, wobei die Kernprinzipien der Dezentralisierung und Zensurresistenz gewahrt blieben». Wir hätten zudem bedeutende technische Fortschritte erlebt: Technologien wie Lightning, Liquid und andere würden die Möglichkeiten von dem erweitern, was auf Basis von Bitcoin aufgebaut werden könne. «Und trotz sich ändernder Marktbedingungen und wachsender institutioneller Beteiligung sind die Grundprinzipien von Bitcoin unverändert geblieben», sagt der Blockstream CEO.
«Die nächste Wachstumsphase von Bitcoin wird durch die institutionelle Akzeptanz vorangetrieben werden», antwortet Back auf die Frage, was die Kryptowährung antreibe. Blockstream werde die Technologie und Forschung weiter vorantreiben, die den Nutzen von Bitcoin erweitern und seine Integration in das globale Finanzsystem unterstützen. Das feste Angebot und der dezentrale Charakter von Bitcoin bleiben gemäss dem Blockstream-CEO grundlegend für seinen langfristigen Wert und seine Akzeptanz. Und bestimmt das Halving weiterhin den Zyklus, fragt tippinpoint nach. Das Halving findet etwa alle vier Jahre statt und ist fest im Design von Bitcoin verankert. «Zwar wird es ein wichtiger Bestandteil der Bitcoin-Ökonomie bleiben, doch gehe ich davon aus, dass die institutionelle Nachfrage, die weltweite Akzeptanz und die allgemeinen makroökonomischen Rahmenbedingungen eine grössere Rolle bei der Gestaltung der langfristigen Entwicklung spielen werden», sagt Back.
Adam Back scheint zuletzt nicht vom Glück verfolgt zu werden. Einerseits gelingt es ihm (vorerst) nicht, Michael Saylors Strategy zu imitieren. Andererseits wird die «Nebenblockchain» des Kryptographie-Experten gehackt. Man darf gespannt sein, wie Blockstream die Schweizer Finanzdienstleister ins Boot holt.