Bulle: Eine harte Zeit für dich und deine Edelmetallfreunde, lieber Bär. Ich hab extra nachgeschaut: Am 28. Januar markierte Gold sein Höchst von 5599 Dollar je Unze, am Freitag hat es nach einem Absturz auf etwa 3875 Dollar geschlossen. Silber am 29. Januar auf 121.65 Dollar je Unze, am Freitag noch bei 49.11 Dollar.
Bär: Als Goldbug bin ich mir Schadenfreude gewohnt. Ich kann damit leben, genauso wie mit Rückschlägen.
Bulle: Aber das sind keine kleinere Rückschläge. Gold gut 30% und Silber 60% unter dem Höchst. Und das in einer Zeit, in der wir Krisen und Krieg im Nahen Osten und in der Ukraine haben. Nichts da von wegen Gold ist ein sicherer Hafen. Während unser Schweizer Aktienindex SMI letzte Woche ein neues Allzeithoch erreicht hat, sind die Edelmetalle im Sinkflug. Im Bären- statt im Bullenmarkt.
Bär: Das sind nötige Korrekturen. Anfangs 2024 war der Goldpreis noch bei 2000 Dollar je Unze. Nur zwei Jahre später lag er 180 Prozent höher, es ging immer steiler nach oben. Da war viel zuviel Euphorie im Markt. Bei Preisen über 5000 Dollar schwurbelten Gurus und Influencer schon von 10'000 Dollar. Ist der Markt derart überhitzt, wird eine Korrektur überfällig. Das war immer so.

Bulle: Aber meines Wissens gelten 4000 Dollar je Unze beim Gold und 50 Dollar bei Silber als kritische Marken, auch psychologisch. Werden sie unterschritten, wie jetzt gerade passiert, droht ein noch stärkerer Abverkauf.
Bär: Da hast du nicht ganz unrecht. Fallen diese Marken, können etwa auch Stop-Loss-Orders, also automatische Verkaufsaufträge, den Rückgang verschärfen, vorübergehend mindestens. Beim Silber dürfen wir nicht vergessen, das 50-Dollar-Niveau markierte die Höhepunkte früherer Haussephasen in 1980 und 2011. Diese Obergrenze wurde erst im Herbst vor einem Jahr nachhaltig überschritten.
Bulle: Und jetzt sind wir wieder auf diesem Niveau, sogar darunter. Diese Korrektur, wie du sagst, wird an den Nerven der Edelmetallfreunde arg zehren. Wie lange soll sie denn noch dauern, deiner Ansicht nach?
Bär: Heute sind alle so ungeduldig. Man kann nicht erwarten, dass nach einem so enormen Anstieg eine Korrektur nach ein paar wenigen Monaten beendet ist. Gut möglich, dass sie sich bis weit ins 2027 hineinzieht, unter einem Auf und Ab, bevor die nächste Haussephase startet.

Bulle: Da dürfte einigen noch der Geduldsfaden reissen, was ich verstehen könnte. Ich sah grad auf Youtube ein Video mit einem Chartanalysten, der offenbar in eurer Gold-Community noch bekannt ist. Er will mit Gold-Käufen zuwarten, bis der Preis in seinen Sweet-Spot von 3100 bis 3300 Dollar je Unze gesunken ist. Das hiesse, es muss weitere 15 bis 20 Prozent runtergehen, bis es kaufenswert wäre.
Bär: Die Chartanalysten, die vermehren sich wie die Kaninchen. Der eine sagt dies, der andere das. Ich bleibe geduldig und konzentriere mich vor allem auf die fundamentalen Faktoren.
Bulle: Aha, aber steigende Zinsen, wie wir sie jetzt gehabt haben, sind doch nicht gut für ein Edelmetall, das weder Zinsen noch Dividende bringt.
Bär: Das mag kurzfristig so sein. Aber man muss schon einkalkulieren, wie hoch die Zinsen real sind, nach Abzug der Inflation. Und die wird hartnäckig hoch bleiben, sage ich. Ein für mich zentraler Punkt ist die hohe Verschuldung allerorten. Irgendwann brechen diese Schuldenberge über uns zusammen. Das heisst, letztlich führen alle Wege zu Gold, weg von den Papierwährungen zur harten Währung.
Bulle: Ich nehme an, Frankreich darf sich aktuell besonders angesprochen fühlen. Am Freitag hat die Ratingagentur Fitch den Ausblick für das Kreditrating unseres Nachbarlandes von ‘stabil’ auf ‘negativ’ gesenkt. Schwierigkeiten bei der Kontrolle der Verschuldung, die kennen das, schon Sonnenkönig Louis XIV hinterliess einen riesigen Schuldenberg.
Bär: Europa, Japan oder die USA, bei denen die Zinszahlungen die jährlichen Verteidigungsausgaben im Fiskaljahr 2026 wieder übertreffen. Ein kritischer Wendepunkt. Da sollen US-Staatsanleihen ein sicherer Hafen sein? Von der risikofreien Rendite einer US-Staatsanleihe wird dir einmal nur noch ein renditefreies Risiko bleiben. Da werden alle in Gold den sicheren Hafen sehen.
Bulle: Und wer kauft die Edelmetalle, die Asiaten, voran die Chinesen? Davon spricht man ja immer.
Bär: Es gilt das Sprichwort, ‘Gold als König der Metalle ist traditionell das Metall der Könige’. Heisst, wo der Reichtum wächst, dahin geht das Gold. Also voran in den Osten, bei uns im Westen wachsen die Schulden.
Bulle: Und wieviel Gold hat China inzwischen angehäuft?
Bär: Das kann man nur schätzen. China geht nach einem langfristigen Plan vor. 1983 wurde der Volksbank PBOC die Kontrolle über die nationale Gold- und Silberakkumulation wie den Handel damit übertragen. China hat seine Reserven stetig ausgebaut, gestreut auf verschiedene staatliche Stellen zwecks Verschleierung. Übrigens war es chinesischen Bürgern länger nicht erlaubt, Goldbarren und Münzen zu besitzen und zu handeln. 2004 hob man das Verbot dann auf.
Bulle: Das Fazit, mein lieber Bär, wäre dann: Du bleibst ein unerschütterlicher Optimist bezüglich der Edelmetalle, aufgrund einer pessimistischen Sicht auf die Welt, vor allem auf den Westen.
Bulle und Bär sind zwei langjährige, erfahrene Wirtschaftsjournalisten aus der Schweiz.