Steigende Firmengewinne und eine breiter abgestützte Kursrally werden europäische Aktien auf neue Höchststände treiben. Das ist die optimistische Einschätzung der Strategen der UBS. Gerry Fowler und Sutanya Chedda hoben ihr Jahresendziel für den Stoxx Europe 600 von 630 auf 690 Punkte an. Das entspricht einem Aufwärtspotenzial von rund 8 Prozent gegenüber dem aktuellen Niveau.
Mit ihrer neuen Prognose liegen sie über der bisherigen Spitzenprognose von 680 Punkten, die im vergangenen Monat von Mislav Matejka von JP Morgan veröffentlicht wurde. Für Ende 2027 erwarten die UBS-Strategen sogar einen Stand von 760 Punkten – ein Plus von rund 19 Prozent innerhalb der nächsten 18 Monate.
Frühere Einschätzungen seien zu vorsichtig gewesen, schreiben die Strategen. «Wir erhöhen unsere Kursziele für den Stoxx Europe 600, weil sich die Unternehmensgewinne als robuster und besser als erwartet erweisen.»
Gemäss Fowler und Chedda gibt es drei Gründe, weshalb sich die Erwartungen gegenüber früher verändert haben: Erstens seien die Gewinnanhebungen im Zusammenhang mit Künstlicher Intelligenz stärker ausgefallen als erwartet. Zweitens würden Banken weiterhin von positiven Gewinneinschätzungen profitieren. Drittens belasteten die grossen defensiven Sektoren den Index nicht länger, auch weil die Schwäche des Euro unterstützend wirke.
«Das reicht aus, um ein robustes Gewinnwachstum (>10 %) und eine höhere Bewertung (~16x) zu stützen», schrieben die UBS-Strategen in einer Mitteilung. Fowler und Chedda gehen davon aus, dass die bevorstehende Berichtssaison den positiven Trend weiter stützen wird.
Ermottis Pauschalkritik
Die optimistische Einschätzung steht im Widerspruch zur obersten Führungsetage der Bank. Sergio Ermotti warnt regelmässig vor einem Niedergang Europas. Zuletzt tat er das Ende Juni auf der Bühne der Point Zero in Zürich. Er kritisierte, dass der Kontinent nicht wachse, kaum Innovationen hervorbringe und kein neues Vermögen schaffe. Die Schweiz dürfe diesen wirtschaftlichen Weg keinesfalls einschlagen, da andernfalls Arbeitsplätze und Wettbewerbsfähigkeit verloren gingen.
Früher schien sich seine Kritik an Europa auf die Bankenregulierung zu beschränken. Er verortete auf dem alten Kontinent ein «sehr engstirniges Denken über Grossbanken», wie er vor zwei Jahren in einem Interview sagte. «Europa hat alles getan, was es konnte, um Banken daran zu hindern, grösser oder erfolgreicher zu werden», sagte Ermotti. Das war eine einigermassen kecke Aussage – nur ein Jahr nachdem UBS mit der Politik einen Deal aushandeln konnte, der es der Grossbank erlaubte, die Credit Suisse zu übernehmen und unter Aushebelung des Wettbewerbsrechts zur alles dominierenden Bank in der Schweiz zu werden.

