Tether und Circle dominieren den Dollar-Stablecoin-Markt und damit auch den globalen Stablecoinmarkt. Die beiden Dollarcoin-Anbieter kontrollieren rund 90 Prozent des gesamten Marktes. Das könnte sich nun ändern. Der Markt steht vor einer strukturellen Veränderung. Ein neu gegründetes Branchenkonsortium namens «Open Standard», dem über 140 Unternehmen angehören – darunter Finanzgiganten wie Blackrock, Visa, Mastercard und Stripe sowie Krypto-Plattformen wie Coinbase –, hat die Lancierung des des Stablecoins OpenUSD (OUSD) angekündigt. Das digitale Zahlungsmittel soll in der zweiten Jahreshälfte erfolgen.
Das erinnert stark an das rasch wachsende Netzwerk des Euro-Stablecoins Qivalis. 25 europäischen Banken – darunter etwa ING, Unicredit, BBVA, BNP Paribas, ABN AMRO und Erste Group wollen ebenfalls in der zweiten Hälfte des Jahres einen Euro-Stablecoin lancieren. Der MiCA-konforme Euro-Stablecoin soll unter der Aufsicht der De Nederlandsche Bank (DNB) auszugeben werden. Doch es gibt bedeutenden Unterschiede im Aufbau von Qivalis und dem OpenUSD.
Netzwerkpartner werden bezahlt
Der OpenUSD verfügt über eine Eigenschaft, die ihm schnell zum Durchbruch verhelfen könnte. Die Zinserträge auf den Reserven, die bislang der Emittent – also etwa Circle und Tether – behält, fliessen bei OUSD nach Abzug einer Management-Gebühr an die Netzwerkpartner. Nutzniesser sind die 140 Partner — Banken, Zahlungsdienstleister, Börsen und Wallets. Sie bekommen den Ertrag, weil sie die Distribution liefern, also Nutzer und Volumen ins Netzwerk bringen. «Genau das ist ihr Anreiz, mitzumachen. Ob beim Kunden etwas ankommt, ist da die eigentlich spannende, offene Frage. Möglich wäre dies über tiefere Gebühren, Cashback oder bessere Konditionen», sagt Markus Fehn - Head of Strategy & Innovation von Chartered Investment.
Die neue US-Regulierung dürfte dem Projekt keinen Strich durch die Rechnung machen. Eher im Gegenteil, glaubt Fehn. Das Projekt habe aus dem Scheitern des Facebook-Projekts Libra/Diem, das primär am regulatorischen und politischen Widerstand gescheitert sei, gelernt. «Mit dem GENIUS Act, der seit Juli 2025 in Kraft ist, existiert erstmals ein Bundesgesetz für Payment-Stablecoins, das solche Projekte überhaupt erst ermöglicht», sagt der Experte. Der grösste Pluspunkt sei aber die Trägerschaft: Hinter OUSD stehen rund 140 etablierte, überwiegend regulierte Unternehmen, darunter Grossbanken, Kreditkartennetze und börsenkotierte Konzerne. Man darf gemäss Fehn davon ausgehen, dass die rechtlichen und regulatorischen Fragen im Vorfeld durchdacht und abgestimmt wurden. Das sei qualitativ etwas anderes, als wenn sich ein einzelner Akteur etwas ausdenke. «Regulierung wirkt hier also als Treiber, nicht als Bremse; sie prägt eher die Ausgestaltung, etwa das Verbot der Halter-Verzinsung, als dass sie das Projekt gefährdet», erklärt Fehn.
Wer soll den Coin nutzen?
Auf welches Geschäftsfeld zielt der neue Dollar-Stablecoin? Es gibt zahlreiche Anwendungsfelder, etwa im Handel mit Kryptowährungen, als Liquiditätsreserve oder als Zahlungsmittel. Gemäss Fehn bringt der OUSD den grössten Nutzen im geschäftlichen Zahlungs- und Abwicklungsverkehr – «und zwar sehr greifbar». Unternehmen können Geld rund um die Uhr über Grenzen, ohne Korrespondenzbank-Gebühren und mit sofortiger Abwicklung. Im Händler-Settlement im E-Commerce will Stripe OUSD zum Standard für seine Firmenkunden machen. Der Experte führt Beispiele an: Shopify- und DoorDash-Händler könnten Auszahlungen direkt in OUSD abwickeln, eingebettet in Checkout und Payout. Auch für Remittances – grenzüberschreitende Überweisungen über Partner wie MoneyGram – und für Zahlungsabwickler lohnt es sich gemäss Fehn dort, wo Kartengebühren wegfallen. Am geringsten dürfte der Nutzen dagegen im Kryptohandel selbst sein – dort ist OUSD nicht positioniert. Der Stablecoin will Zahlungs- und Abwicklungsinfrastruktur für Unternehmen sein, kein Handelsinstrument.
<ü>Als Reaktion auf die Ankündigung des neuen Stablecoins brachen die Aktien von Circle, des Emittenten des Dollarcoins, ein und verloren rund 17 Prozent ihres Wertes. Grundsätzlich ist OUSD ein aber kompetitives Produkt zu allen Stablecoins – es greift die Ertragslogik des gesamten Marktes an, nicht nur jenes von Circle. Vor allem Tether dürfte die Konkurrenz des neuen Stablecoins zu spüren bekommen. Bei Tether gibt es aber keinen Aktienkurs, der die Verunsicherung der Anleger ausdrücken könnte.Tether hat seine Position
«Mit Blick auf Tether muss man aber präzise sein und in zwei Segmente trennen. Tethers Kernfranchise ist USDT – stark vor allem in Drittländern, wo es als niedrigschwelliges Werkzeug für Dollar-Zugang, Sparen und Alltagszahlungen dient, gerade bei hoher Inflation oder Kapitalverkehrskontrollen» erklärt Fehn. Diese Nutzung sei retail-getrieben, lebe von tiefer Liquidität, Marke und einfacher Verfügbarkeit auf vielen Blockchains – und sei ausdrücklich ausserhalb der US- und EU-Regulierung angesiedelt. In diesem Segment sei OUSD kaum direkte Konkurrenz: Ein reguliertes, compliance-lastiges B2B-Produkt für entwickelte Märkte passe schlecht zur permissionless, retail-getriebenen Nachfrage in Drittländern.
Zudem ist wichtig festzuhalten: Tether steht nicht still. Der Chartered-Investment-Experte führt aus: «Für den regulierten Markt hat Tether mit USA₮ (USAT) bereits einen eigenen, GENIUS-konformen Dollar-Stablecoin über Anchorage aufgesetzt – bewusst getrennt vom grossen Offshore-USDT». Im regulierten US- und Enterprise-Segment trete Tether OUSD künftig mit USAT direkt entgegen, während die USDT-Kernfranchise (offshore, retail, Schwellenländer) von OUSD westlich-institutionellem Vorstoss nur wenig unmittelbar berührt werde. Die eigentliche Bedrohung für Tether liegt daher nicht in verlorenen Marktanteilen, sondern im strukturellen Angriff auf das Modell: Emittent behält die Zinserträge auf den Reserven ein. Das ist Tethers grösste Ertragsquelle.
Die EZB warnt
Mit Hilfe eines EU-lizenzierten Emittenten könnte der neue Dollar-Stablecoin auch MiCAR-Konformität erreichen. Gemäss Fehn ist für den Euro-Raum nicht die Regulierung entscheidend, sondern das Gewicht im globalen Finanzmarkt. «Setzt sich ein starker, sehr präsenter Dollar-Stablecoin wie OUSD als Standard auf der Blockchain durch, laufen Zahlungen und Guthaben on-chain überwiegend in Dollar – und die Dollar-Dominanz vertieft sich, während entsprechend weniger Euro gehalten werden», erklärt der Experte. Die EZB warne davor, dass Stablecoins die die internationale Dominanz des Dollars weiter zementiere, es drohe gemäss Europäischer Zentralbank die digitale Dollarisierung. Es geht weniger um den Regulierungsstandard wie MiCAR, sondern um die Frage, welche Währung die tokenisierte Finanzwelt trägt – und die Implikationen für die europäische Währungs- und Geldpolitik.

