Stablecoins gehören je länger, je mehr zur Transaktionsinfrastruktur und bleiben kein eigenständiges Zahlungsprodukt. Das zeigt die Übernahme von Mitte März dieses Jahres: Mastercard übernimmt mit BVNK ein Unternehmen, das eine Infrastruktur bereitstellt, die traditionelle Zahlungssysteme mit der Abwicklung auf Stablecoin-Basis verbindet. Mastercard bezahlt dafür 1,8 Milliarden Dollar – damit ist der BVNK-Kauf eine der drei grössten Transaktionen, die Mastercard in den vergangenen zehn Jahren vorgenommen hat.
Und in den Short Cuts diese Woche:
• Coinbase kämpft gegen Clarity Act
• Mara ist kein Hodler mehr
BVNK könnte man als universellen Adapter für Geld vorstellen, ähnlich wie ein einziger Stecker, der in die unterschiedlichsten Steckdosen passt. BVNK ermöglicht es Unternehmen, über eine einzige Schnittstelle nahtlos zwischen Bankkanälen und Stablecoins zu wechseln – also etwa Euro annehmen, Tether ausgeben und wieder Dollar zurücknehmen. Mastercard kauft sich so eine Schnittstelle.
Bankservice auf der Blockchain
Gregor von Bergen, Head of Payments, Cards & Digital Assets, beim Beratungsunternehmen Capco beschreibt es so: «Die Produkte von BVNK ermöglichen es Unternehmen Stablecoin-Zahlungen zu empfangen, zu senden, Stablecoins in virtuellen Konten aufzubewahren, in andere Währungen zu konvertieren und über traditionelle Zahlungsverkehrssysteme wie etwa SWIFT auszuzahlen. Sie bieten damit ähnliche Optionen wie sie heute von traditionellen Banken erbracht werden – mit dem klaren Fokus auf die Blockchain-Technologie».
Das Acquiring-Angebot von Mastercard werde durch den Zukauf ergänzt. Mit Acquiring ist das Abwickeln von Kreditkartentransaktionen gemeint. Händler können sich zukünftig ihre Einnahmen aus Kartentransaktionen als Stablecoin auszahlen lassen. «Dies ist insbesondere für Regionen mit unterentwickeltem Zugang zu klassischen Bank-Services interessant. Ein Händler könnte zukünftig auch ein Karten-Terminal besitzen, ohne eine Bankbeziehung zu haben», ergänzt von Bergen. Mastercard nehme somit eine vertikale Integration vor. Kartennetzwerke verfügen bereits über umfassende Erfahrung mit Stablecoins, insbesondere im Treasury-Bereich.
Behaupten sich die Kartennetzwerke?
«Mit der BVNK-Übernahme positioniert sich Mastercard explizit als Brückenbauer zwischen klassischen Zahlungsrails und blockchainbasierten Settlement- Mechanismen. Ziel ist es, Stablecoins und tokenisierte Einlagen in bestehende Zahlungsprozesse einzubinden – insbesondere für grenzüberschreitende Zahlungen, Payouts und B2B-Use-Cases», ergänzt Markus Fehn, Leiter Strategy & Innovation bei Chartered Investment. Dabei gehe es weniger um einen Ersatz bestehender Kartensysteme als um zusätzliche Settlement Optionen im Hintergrund. Die Nutzer und Händlererfahrung bleibe kartentypisch, während die Abwicklung auch über Stablecoin Rails erfolgen könne.
Den teuren Kreditkarten wurde schon bei anderen Fintech-Innovationen das Ende vorhergesagt. Können sich die Kartennetzwerke auch dieses Mal behaupten? «Kartenzahlungen werden auch zukünftig relevant sein am Point-of-Sale (POS) und im Distanzgeschäft. Sie stehen in Konkurrenz zu alternativen Rechnungsstellungsmöglichkeiten von Händlern, wie z.B. Vorabüberweisung oder Zahlen per Rechnung», erklärt der Capco-Experte. Der Kauf von BVNK ist aus seiner Sicht ein strategischer Schritt zum Erhalt und gegebenenfalls zum Ausbau der starken Position.
«Kartennetzwerke wie Visa und Mastercard behaupten sich weniger über das reine Bewegen von Geld, sondern über Funktionen wie globale Akzeptanz, Betrugsprävention, Rückabwicklung, regulatorische Einbettung und operative Standards», sagt Markus Fehn. Stablecoins adressierten vor allem Effizienz und Settlement Themen, während Netzwerke weiterhin Vertrauen, Reichweite und Governance lieferten. In diesem Zusammenspiel könnten Kartennetzwerke eine zentrale Rolle behalten.
Die Musik spielt vorerst in den USA
Wieder einmal scheint es so, dass die Innovationsmusik in den USA spielt. Dem hält Fehn entgegen: «Zwar kommen viele Impulse aktuell aus den USA, doch die regulatorische und infrastrukturelle Entwicklung ist klar global. In Europa hat MiCAR einen einheitlichen Rechtsrahmen für regulierte Stablecoins geschaffen, während in anderen Regionen - etwa Asien oder dem Nahen Osten - ebenfalls aktiv an regulatorisch eingebetteten Stablecoin-Modellen gearbeitet wird». Internationale Zahlungsnetzwerke reagierten genau auf diese globale Dynamik, indem sie Lösungen aufbauen, die über Rechtsräume hinweg funktionieren und regulatorisch anschlussfähig bleiben.
Bis zum täglichen Einsatz in der Schweiz ist es aber noch ein Stück. An Stablecoin Use Cases wird nicht nur in den USA, sondern auch in der Schweiz und Europa gearbeitet. Bis anhin sind jedoch Aktivitäten zwischen den grossen Karten-Acquireren wie Wordline und Nexi zusammen mit Mastercard und Visa nur in den Innovations-Stadien zu finden. Ein produktiver Einsatz ist gemäss von Bergen noch nicht vollumfänglich vorhanden.
Das reine Zahlungsvolumen von Stablecoins betrug im vergangenen Jahr «nur» geschätzte 500 Milliarden Dollar, das sind weniger als 5 Prozent der gesamten Stablecoin-Ströme, die nach wie vor weitgehend vom Kryptohandel getrieben werden. BVNK wird mit einem Marktanteil von 5 bis 10 Prozent bei Stablecoin-Zahlungen für Mastercard noch keine wesentliche Rolle spielen.
Zusammen mit KI-Agenten
«Es wird noch eine Weile dauern, bis Stablecoin-Zahlungen den On-Chain-Handel ersetzen. Die unterschiedlichen Gebiete, an denen Banken und Unternehmen bereits heute arbeiten, zeigt jedoch, dass sich dies bald ändern könnte», sagt von Bergen. In allen Bereichen der Geschäftstätigkeit werde geprüft, ob der Einsatz von Stablecoins sinnvoll sei - bis hin zu KI-Agenten die zukünftig automatisiert Bestellungen erledigen könnten.
Gerade dort, wo klassische Zahlungsinfrastruktur teuer, langsam oder fragmentiert ist bieten Stablecoins gemäss Fehn einen funktionalen Mehrwert. «Dieser Wandel ist weniger ein kurzfristiger Trend als eine strukturelle Erweiterung des Einsatzspektrums. Gleichzeitig wird es wichtig sein, dass Stablecoins zu jeder Zeit, dass in sie gesetzte Vertrauen rechtfertigen».
Stablecoins verändern gemäss Chartered-Investment-Experte die Strategien, aber sie würden Kartennetzwerke nicht vollständig ersetzen. Vielmehr verschiebe sich deren Rolle: weg vom reinen Zahlungsabwicklern, hin zum Orchestrator verschiedener Zahlungs und Settlement-Rails. «Auch in einer Welt mit programmierbaren Zahlungen, KI-Agenten und Blockchain bleibt die Frage nach Haftung, Compliance, Identitätsprüfung und Standardisierung. Genau hier liegt eine Chance für etablierte Netzwerke, ihr Geschäftsmodell anzupassen», fügt Fehn an.
Anpassung lebensnotwendig
Stablecoin-Strategien sind gemäss Capco-Experte bereits heute obligatorisch für Kartennetzwerke, Banken und Zahlungslösungen wie Twint, um sich mit der drohenden Substitution auseinanderzusetzen. «Ein Wechsel weg von den Kartenprodukten ist jedoch noch ein langer Weg. Aus diesem Grund nutzen traditionelle Player Stablecoins initial zu Ergänzung und für bestimmte Use Cases, damit die Position von Mastercard & Co weiterhin bestehen bleibt», fügt von Bergen an. Somit ermöglichten sie auch Innovationen für Händler und Endkunden. Daran wird auch das Aufkommen von KI-Agenten wenig ändern. Denn für einen KI-Agenten spiele es keine Rolle, ob er eine Kreditkartennummer im Shop angebe, eine Instant Payment-Zahlung auslöse oder einen Stablecoin übermittle, sagt von Bergen. «Die KI-Agenten-Anwendungsfälle werden sich unabhängig von der Zahlungsart entwickeln».
Angesichts von agentengesteuertem Handel und maschineninduzierten Zahlungen fragt es sich, was die Kreditkartengesellschaften in Zukunft machen. Markus Fehn sagt dazu: «Neue Akteure wie Stripe, Bridge oder Tempo schaffen leistungsfähige neue Infrastrukturschichten, insbesondere für automatisierte und maschinelle Zahlungen. Das bedeutet jedoch nicht automatisch eine Ablösung bestehender Netzwerke.
Sinken die Kosten?
Entscheidend werde sein, welche Anbieter regulatorische Verantwortung, Betriebssicherheit und globale Skalierbarkeit dauerhaft gewährleisten könnten. In vielen Szenarien sei eher mit Koexistenz und Integration als mit vollständiger Verdrängung zu rechnen. Gleichzeitig muss gemäss Fehn jedes Unternehmen zwingend seine Geschäftsstrategie an die fundamentalen Veränderungen durch Stablecoins adjustieren - wer das nicht gewissenhaft tue, laufe Gefahr an Relevanz zu verlieren.
Natürlich stellt sich der Kreditkarten-Kunde die Frage, ob diese Entwicklung den Zahlungsprozess günstiger machen wird. «Die Blockchain-Technologie hilft sicherlich, Kosten in gewissen Bereichen zu reduzieren – etwa internationale Auszahlungen an Händler. Bis die Karten-Schemes und Banken diese Kosteneinsparungen an Händler und damit an die Konsumenten weitergeben, wird es jedoch noch eine Weile dauern», relativiert von Bergen. Die Lösungen befinden sich zurzeit noch in der Entwicklung, erste Projekte werden lanciert. Die ersten Produkte im Bereich der Kartenschemas für Händler können gemäss Capco sicherlich Anfang 2027 erwartet werden.
Mit Partnerschaften im Rennen bleiben
Durch das Auftreten von Neobanken habe es bezüglich Kosten für die Anwender in den vergangenen Jahren bereits deutliche Verbesserungen gegeben, sagt Fehn. Stablecoins können das nächste Level sein. Sie senken die Kosten im Hintergrund - insbesondere bei grenzüberschreitenden Abwicklungen und B2B-Zahlungen. Ob diese Effizienzgewinne beim Endkunden ankommen, hängt von Marktstruktur und Wettbewerb ab. «Im Konsumentengeschäft spielen neben Settlementkosten auch Betrugsrisiken, Garantien, Rückabwicklungen und Bonusmodelle eine Rolle, die darauf Einfluss nehmen werden», gibt Fehn zu bedenken.
Der Aufstieg von Stablecoin-Zahlungen zwingt Visa, Mastercard, American Express und Stripe dazu, zu überdenken, wie Wert über die verschiedenen Abwicklungsschichten hinweg generiert wird. Die Kartenkonzerne setzen darauf, dass Partnerschaften, Krypto-Integrationen und KI-Tools sie im digitalen Handel im Zentrum halten werden, anstatt dass sie von kostengünstigeren Zahlungswegen verdrängt werden.
Short cuts: News aus der digitalen Welt
Coinbase kämpft gegen Clarity Act
Der Stablecoin-Markt entwickelt sich zu einem eigenständigen Wachstumstreiber innerhalb der Finanzindustrie. Davon haben etwa die Kryptobörse Coinbase und der Stablecoin-Emittent Circle profitiert. Doch der Gesetzesentwurf zum Clarity Act, zur Regulierung von Stablecoins, will die Ausschüttung von Zinserträgen beschränken. Konkret sollen Bilanz-basierte Vergütungen — also passive Zinsen auf geparkte Stablecoin-Guthaben — faktisch verboten werden. Aktivitätsbasierte Belohnungen, für Zahlungen und Transaktionen, blieben erlaubt. Die US-Banken hatten auf diese Lösung hingearbeitet. Denn passive Stablecoin-Renditen würden das traditionelle Bankenmodell bedrängen, da Kunden auch ausserhalb von Banken «sparen» könnten.
Im Jahr 2025 erzielt Coinbase annähernd 1,4 Milliarden Dollar an Stablecoin-Einnahmen. Der Grossteil stammt vom Dollar-Coin (USDC), aus einem Verteilungsabkommen mit Circle, dem Herausgeber dieses Stablecoins. Coinbase erhält alle Einnahmen auf USDC, die auf der Börse gelagert werden und die Hälfte der Renditen, wenn USDC ausserhalb der Plattform liegen. Am 25. März gab Coinbase bekannt, den aktuellen Gesetzesentwurf nicht mitzutragen. Bereits im Januar hatte die Kryptobörse eine Fassung abgelehnt und die geplante Abstimmung im Senat gekippt. Die Aktien von Coinbase Global und Circle Internet Group haben zuletzt deutlich eingebüsst.
Mara ist kein Hodler mehr
Auch wenn sich der Bitcoin etwas stabilisiert hat, ist das für einige Marktteilnehmer zu spät. Etwa für das weltgrösste Mining-Unternehmen Mara Holdings. Das Unternehmen gab noch im Sommer 2024 an, ab sofort ein Hodler zu sein. Das bedeutet, dass alle durch das Mining verdienten Bitcoins im eigenen Bestand gehalten würden. Doch im Verlauf des März hat Mara 15’133 Bitcoins für einen massiven Schuldenabbau verkauft. Der Miner hat den Rückkauf von unverzinslichen Wandelanleihen im Gesamtnennwert von rund 1 Milliarde Dollar angekündigt. Durch den Verkauf der Bitcoin-Bestände erzielte das in Miami ansässige Unternehmen einen Erlös von rund 1,1 Milliarden Dollar. Mara verbessert so die Kreditwürdigkeit und will sich in Zukunft über das reine Bitcoin Mining hinaus auch als Anbieter für digitale Energie- und Hochleistungsrecheninfrastruktur positionieren – insbesondere im Bereich Künstliche Intelligenz. Damit ist die einst populäre Bitcoin-Treasury-Strategie bei einem weiteren Unternehmen gescheitert.

