Tippinpoint: Swissquote hat Yuh komplett übernommen. Da stellt sich die Frage, wie lange ein eigenständiger Auftritt noch Sinn macht. Die UBS hat die Credit Suisse sehr schnell verschwinden lassen.
Jan De Schepper: Viele Banken versuchen heute, mit einer Marke möglichst alles abzudecken – vom klassischen Banking bis zu Krypto, Trading und Vorsorge. Das führt aber oft zu Kompromissen und am Ende verliert man Fokus und Glaubwürdigkeit. Wir glauben bewusst an komplementäre Marken. Yuh ist unsere Einstiegs- und Alltagsmarke. Dort geht es um einfaches Banking, Zahlungen, Sparen und einen unkomplizierten Zugang zum Anlegen. Swissquote dagegen fokussiert sich stärker auf Vermögensaufbau und anspruchsvollere Anleger, wo man Zugang zu Millionen Finanzinstrumenten weltweit hat. Die beiden Marken ergänzen sich deshalb sehr gut.
Zwei Marken zu führen kostet Geld, wie können Sie sich das leisten angesichts grosser Konkurrenten wie Revolut?
Revolut war am Anfang auch sehr einfach. Mittlerweile sind so viele Sachen reingepackt worden, dass die User Experience gelitten hat. Es ist immer ein Abwägen: Wie viele Funktionen integriert man, ohne die Einfachheit zu verlieren? Genau dort wollen wir diszipliniert bleiben. Manche Services passen besser zu Swissquote als zu Yuh. Aber ja, das hat natürlich einen gewissen Preis, weil wir zweimal eine Marke aufbauen müssen. Aber wir sind überzeugt, dass sich dieser Preis rechtfertigen wird.
Wie wird Yuh innerhalb der Gruppe gesteuert?
Yuh hat eine eigene Erfolgsrechnung und eigene Budgets. Wir präsentieren unsere Planung der Geschäftsleitung und dem Verwaltungsrat. Natürlich investieren wir derzeit noch stark in Wachstum, Produktentwicklung und Marketing. Profitabilität ist wichtig, aber aktuell nicht die oberste Priorität. Gleichzeitig muss die Gesamtgruppe profitabel bleiben. Swissquote ist börsenkotiert und verfolgt weiterhin das Ziel einer hohen Vorsteuer-Marge.
Derzeit verwässert Yuh die Profitabilität der Gruppe. Wie lange noch?
Kurzfristig ist das so. Das muss man auch Analysten immer wieder erklären. Aber wir sehen Yuh klar als Investition in die Zukunft. Wir haben bereits über 400’000 Kunden aufgebaut – viele davon relativ jung. Das ist ein enorm wertvoller Kundenstamm für die Zukunft.
Wann wird sich das auszahlen?
Der Weg zur Profitabilität hat mehrere Dimensionen. Einerseits müssen wir unsere Kosten skalierbarer machen. Andererseits wollen wir die Nutzung der Plattform weiter erhöhen. Yuh soll nicht nur ein Zweitkonto bleiben, sondern zunehmend zur Hauptbankverbindung werden.
Welche Kennzahlen sind für Sie zentral?
Besonders wichtig sind aktive Kunden. Uns interessieren nicht einfach möglichst viele eröffnete Konten. Wir wollen Kunden, die Yuh wirklich nutzen. Deshalb schauen wir stark auf die täglichen aktiven Nutzer. Aktuell liegt dieser Anteil bei rund 25 Prozent, was im internationalen Vergleich sehr hoch ist.
Welche Rolle spielt künstliche Intelligenz künftig bei Yuh?
Wir sehen KI als die nächste grosse Revolution im Banking. Früher ging man an den Bankschalter, später nutzte man Online-Banking am Computer, danach kamen Smartphone-Apps. Jetzt verändert generative KI die Kundenbeziehung erneut fundamental. Kunden werden künftig nicht mehr durch Menüs navigieren, sondern direkt mit ihrer Bank sprechen – per Text oder Sprache.
Deshalb haben Sie den KI-Chatbot «Yuhlia» lanciert?
Genau. «Yuhlia» wurde vor kurzem eingeführt und beantwortet Fragen zu Konten, Zahlungen oder Investments direkt innerhalb der App. Der Chatbot hat Zugriff auf die Kundenhistorie und kann dadurch deutlich präzisere Antworten liefern als klassische Bots. Bereits heute wurden rund eine Million Fragen gestellt.
Welche Fragen stellen die Kunden besonders häufig?
Sehr viele Fragen betreffen das Investieren. Kunden wünschen sich Unterstützung bei Anlageentscheidungen oder Portfolioanalysen. Das zeigt, welches Potenzial KI künftig im Finanzbereich haben kann.
Wie weit darf eine Bank bei KI-gestützter Beratung überhaupt gehen?
Das regulatorische Umfeld muss natürlich sauber geklärt werden. Es gibt Unterschiede zwischen «Execution only» und echter Anlageberatung. Aber ich sehe keinen Grund, warum KI Kunden nicht dabei helfen sollte, bessere Entscheidungen zu treffen – etwa mit Analysen, Szenarien oder Einschätzungen zum Risiko eines Portfolios. KI könnte langfristig eine Beratungsqualität erreichen, die mit klassischen Beratern vergleichbar ist oder diese teilweise sogar übertrifft. Das eröffnet enorme Möglichkeiten.
Etliche Ihrer Konkurrenten sind nicht Finma-reguliert, können aber trotzdem in der Schweiz Kunden anwerben oder Fussballvereine sponsern. Nervt Sie das manchmal?
Ich finde es gut, dass Schweizer Banken hohe regulatorischen Anforderungen erfüllen müssen und viel in Compliance, Geldwäschereibekämpfung und Transaktionsüberwachung investieren müssen. Was mich aber tatsächlich stört, ist, dass viele ausländische Anbieter in der Schweiz aggressiv Werbung machen und Kunden gewinnen, ohne denselben Aufwand tragen zu müssen. Das führt zu einem unfairen Wettbewerb.
Was stört Sie daran besonders?
Die Schweiz erlaubt diesen Anbietern einen sehr einfachen Marktzugang. Gleichzeitig ist Schweizer Banken das umgekehrt in der EU nicht erlaubt. Dort sind die regulatorischen Hürden viel höher – nicht mal ein Tram mit Yuh-Werbung darf in Basel über die Grenze! Während ausländische Anbieter heute bereits grosse Kundenbasen in der Schweiz aufbauen. Wenn später noch eine vollständige Regulierung dazukommt, verfügen sie bereits über enorme Reichweite.
Sie sehen darin eine Gefahr für Schweizer Banken?
Ja, definitiv. Das Problem entwickelt sich schleichend. Kunden behalten zwar oft noch ihr Konto bei einer traditionellen Bank, aber immer mehr profitable Dienstleistungen wandern zu digitalen Anbietern ab – etwa Trading, Zahlungen oder Vorsorge. Langfristig kann das erhebliche Auswirkungen auf die Profitabilität traditioneller Banken haben.
Auch für Swissquote und Yuh?
Yuh ist für uns nicht nur ein Wachstumstreiber, sondern auch eine Art Schutzschild. Wir wollen mit Swissquote nicht in einen aggressiven Preiskampf einsteigen. Swissquote bietet eine sehr breite Produktpalette und hohe Funktionalität – das hat seinen Preis. Yuh erlaubt uns dagegen, im einfacheren Segment sehr wettbewerbsfähig zu bleiben.
Wäre eine Expansion von Yuh ins Ausland ein Thema?
Grundsätzlich ja. Yuh wurde von Anfang an so aufgebaut, dass eine Internationalisierung möglich wäre. Aber dafür braucht es einen klaren Business Case, regulatorische Lösungen und lokale Anpassungen. Wahrscheinlich würde eine Expansion über Luxemburg erfolgen, wo Swissquote bereits über eine Banklizenz verfügt. Im Moment liegt der Fokus aber klar auf dem weiteren Ausbau in der Schweiz.

