Nachruf
Der Aargauer Ökonom stand 35 Jahre er in den Diensten der Nationalbank – die letzten fünf als Präsident. Er verstarb am 17. Juni im Alter von 90 Jahren.
27. Juni 2026 • Balz Bruppacher

Es kam vor, dass Hans Meyer an einem Samstagmorgen vor sieben Uhr einsam in einem Café in Bern sass. Der Grund: Der Präsident der Schweizerischen Nationalbank (SNB) hatte sein Kader für eine frühmorgendliche Sitzung in den Bankratssaal des benachbarten Kaiserhauses zusammengetrommelt. Das passte ins Bild des Generalstabsobersten, der von seiner Truppe Disziplin und stete Einsatzbereitschaft verlangte. Der Aargauer Ökonom lebte gleichzeitig dem Verfassungsauftrag an die Notenbank nach, eine Geldpolitik im Gesamtinteresse des Landes zu betreiben, und unterstrich bei jeder Gelegenheit den Wert des Gemeinsinns.

Im eigenen Haus kannte sich Meyer aus wie kein zweiter SNB-Präsident. 35 Jahre stand er in den Diensten der Nationalbank, die letzten 15 als Mitglied des dreiköpfigen Direktoriums und die letzten fünf bis Ende 2000 als dessen Präsident. Dem elften Präsidenten in der 119-jährigen Geschichte der Nationalbank sind die Erfolge aber nicht in den Schoss gefallen. Schon seine Wahl ins Direktorium im Herbst 1984 war von einer heftigen politischen Kontroverse begleitet gewesen. Der sozialdemokratische Finanzminister Otto Stich machte sich für das SP-Mitglied Kurt Schiltknecht, den damaligen Chefökonomen der SNB, stark. Präsident Fritz Leutwiler lobbyierte beim Bundesrat aber für seinen «Ziehsohn» Meyer und setzte sich durch. Auch elf Jahre später, als Meyer vom Bundesrat als Nachfolger von Markus Lusser zum Präsidenten ernannt wurde, rümpften viele die Nase. Meyer wurde als farblos, engstirnig und stur beschrieben und als «Steinzeit-Monetarist» abqualifiziert.

Aufmerksamer Zuhörer

Doch Meyer sollte die Skeptiker in mehrfacher Hinsicht Lügen strafen. Noch unter seinem Vorgänger Lusser eingeleitet, setzte Meyer die Lockerung der Geldpolitik fort und ermöglichte den Weg aus den wirtschaftlich «verlorenen» 1990er Jahren. Die Sorge um den Gemeinsinn und der Gesamtzustand der Gesellschaft zog sich wie ein roter Faden durch Meyers öffentliche Auftritte. Er suchte den regelmässigen Kontakt mit Wirtschaftsvertretern aller Branchen und mit den Sozialpartnern. Meyer war ein aufmerksamer Zuhörer und an den Einschätzungen seiner Gesprächspartner interessiert.

Die öffentlichen Auftritte des grossgewachsenen, hageren SNB-Präsidenten waren von nüchterner Korrektheit geprägt. In Meyers Reden musste man oft zwischen den Zeilen lesen, um die Botschaften zu entdecken. So antizipierte er im Sommer 1998 die Debatte ums Bankgeheimnis und wunderte sich später, dass dies kaum jemand bemerkt hatte. Von einsilbigen Durchhalteparolen, wie sie im Bundeshaus und auf dem Finanzplatz zum Bankgeheimnis zirkulierten, hielt Meyer wenig. Früh thematisierte er zudem die Rolle der Notenbank als «Lender of Last Resort» (letzter Kreditgeber) – ein Thema, dass seine Nachfolger und die Politik wegen der Schieflagen der Grossbanken bis heute beschäftigen sollte.

Goldschatz als Spielball der Politik

Für die grösste Überraschung – und zur Verärgerung seines Förderers Leutwiler – sorgte Meyer im Frühling 1997, als bekannt wurde, dass er es war, der die Idee zur Solidaritätsstiftung lanciert hatte. Als Befreiungsschlag in der Kontroverse über Nazigold und nachrichtenlos Vermögen gedacht, sollte sie mit sieben Milliarden Franken aus dem Erlös der nicht mehr benötigten Goldreserven geäufnet werden. Meyer ging es wohl auch darum, zu verhindern, dass die milliardenschweren stillen Reserven, die im Goldschatz der Notenbank schlummerten, vollständig zum Spielball der Politik wurden. Doch dies misslang gründlich. Das Stimmvolk verwarf am 22. September 2002 sowohl eine redimensionierte Solidaritätsstiftung wie auch eine Goldinitiative der SVP, die einen Teil des Nationalbank-Goldes der AHV vermachen wollte. Nach einem weiteren Hin und Her überwies die Nationalbank im Jahr 2005 schliesslich 24 Milliarden Franken aus dem Erlös der Goldverkäufe an den Bund und die Kantone.

Konsequenter als viele andere lebte Meyer seit seinem Rücktritt der Maxime nach: «Servir et Disparaître». Er übernahm keine Verwaltungsratsmandate und verzichtete auf öffentliche Auftritte mit Ratschlägen an seine Nachfolger. Seine Zeitungslektüre beschränkte Meyer auf den «Zolliker Boten», das Blatt seiner Wohngemeinde, und den «Economist», wie er an seinem letzten Medienauftritt sagte. Meyer verstarb am 17. Juni im Alter von 90 Jahren nach kurzer, schwerer Krankreit, wie es in der Todesanzeige seiner Familie heisst. Er hinterlässt eine Frau und zwei Töchter.