Digital Assets Briefing
Ein Experte erklärt, welche Rolle der Defi-Handelsplatz im Erdölhandel und der Tokensierung spielt – und wie der Vergleich mit Ethereum aussieht. +++ Dazu: Wette nicht auf Dich selbst +++ Die Grundidee des Bitcoins verliert sich im Nebel.
23. April 2026 • Werner Grundlehner

Während der Bitcoin auf Jahressicht im Minus liegt, hat Hyperliquid mehr als 100 Prozent zugelegt. Die dezentrale Plattform war 2025 mit einem Umsatz von 70 Millionen Dollar pro Mitarbeiter das weltweit produktivste Unternehmen. Mit dem Erdölhandel während des Nahostkrieges rückte die dezentrale Börse ins breite Rampenlicht. Der Coinshares-Experte Luke Nolan erklärt, worum es bei Hyperliquid geht.



Und in den Short Cuts diese Woche:
• Wette nicht auf Dich selbst
• Die Grundidee des Bitcoins verliert sich im Nebel


Herr Nolan, mit dem Angriff auf den Iran und dem daraus resultierenden Ölpreisanstieg war ein starker Anstieg des Handelsvolumens bei Öl auf der DeFi-Börse Hyperliquid zu verzeichnen. Wieso?

Hyperliquid hebt die zeitliche Beschränkung des Handels auf. Der Terminmarkt für Öl schliesst am Freitag und öffnet am Montag wieder. Es gibt zwar einige illiquide Möglichkeiten, am Wochenende zu handeln, aber diese sind nicht zuverlässig und nicht allgemein zugänglich. Hyperliquid füllt diese Lücke, indem es eine liquide Handelsplattform bietet, auf der man zu jeder Zeit und an jedem Tag mit quasi sofortiger Abwicklung handeln kann. Die Ermittlung des Handelspreises ist ziemlich clever. Wenn er zu sehr vom tatsächlichen Preis abweicht – sagen wir an einem Freitag –, steigt die Funding-Rate und umgekehrt, was die Dinge weitgehend im Gleichgewicht hält. Das bedeutet nicht, dass der Preis nicht schwanken kann. Aber er liefert einen Hinweis darauf, wie der Erdölpreis bei Wiederaufnahme des Handels aussehen wird. Der Preis wird genauer, je mehr Volumen, je mehr Teilnehmer auf die Plattform kommen – je mehr Liquidität, desto besser die Spreads. Es gab Wochenenden, an denen bis zu 2 Milliarden Dollar in unbefristeten Terminkontrakten, sogenannte Perpetuals, gehandelt wurden. Ein weiterer Vorteil ist das Hedging. Institutionen oder Market Maker können über Hyperliquid am Wochenende Hedging-Aktivitäten durchführen, um das Risiko einzuschränken.


Dies ist nicht die erste Ölkrise, warum kommt Hyperliquid gerade jetzt aufs Parkett?

Hyperliquid ermöglichte den Handel mit tokenisierten Wertpapieren über HIP3, den Hyperliquid Improvement Proposal 3. Das gibt es seit acht oder neun Monaten, am Anfang war es noch sehr experimentell. Es gab nicht viel Vertrauen, dass die Plattform genaue Preise liefern könne oder dass die Korrelation mit den realen Vermögenswerten bestehen bleiben würde. Mit dem Angriff auf den Iran explodierte das Volumen und es bewährte sich als zuverlässiger Handelsplatz.


Waren es die traditionellen Ölhändler oder neue Spekulanten, die Hyperliquid nutzen?

Es ist ein bisschen von beidem. Die Daten deuten an, dass viele auf Kryptowährungen spezialisierte Händler zu Erdöl wechselten, wo das Volumen und die Volatilität hoch waren. Aber auch traditionelle Handelsdesks entdeckten Hyperliquid. Es gibt eine ganze Reihe von Händlern, die nicht auf Anlageklassen festgelegt sind, die einfach dorthin gehen, wo etwas los ist.


Wenn ich in der Schweiz Tokenisierungsprojeket betrachte, dann brauchen die immer Zeit und nochmals Zeit. Wieso konnte Hyperliquid im Februar so schnell reagieren?

Bei den auf Hyperliquid gehandelten Kontrakten handelt es sich um unbefristete Kontrakte ohne zugrundeliegende Eigentumsrechte am Öl. Es ist ein synthetisches Engagement, das man mit der Gegenpartei schafft. Im Vergleich zum gesamten Erdölmarkt ist das Volumen noch gering. Im Vergleich zu traditionellen Öl-Futures sind es in der Spitze etwa drei oder vier Prozent. Ich war ziemlich überrascht, dass an einem Tag über 1,5 Milliarden Dollar gehandelt wurden. Es gibt noch eine regulatorische Bremse. Viele Institutionen können nicht auf einem dezentralen Handelsplatz handeln. Doch das wird sich ändern.


Wird das Erdölvolumen auf Hyperliquid weiterwachsen?

Das Ölvolumen wächst nicht unbegrenzt, irgendwann wird die Krise überwunden sein. Aber das tokenisierte Volumen, bei dem man die 24/7-Effizienz nutzt, wird zunehmen. Welche Anlageklasse das ist, kann ich noch nicht sagen.


Was ist der grösste Vorteil beim Handel über Hyperliquid?

Es ist eine Mischung aus verschiedenen Faktoren. Der Handel rund um die Uhr über eine einheitliche Plattform mit sofortiger Abwicklung. Wenn man bei einem traditionellen Broker handelt und eine Position verkauft, muss warten, bis das Geld verbucht ist. Die Kapitaleffizienz ist deutlich geringer. Es kann aus den unterschiedlichsten Gründen zu Abwicklungsfehlern oder Verzögerungen bei der Abwicklung kommen. Auf einer sehr liquiden Plattform kann man unmittelbar vom Handel mit Öl zum Handel in ein anderes Asset, etwa zu Altcoins, wechseln. Diese Vereinheitlichung ist wichtig ebenso wie die Möglichkeit, Ihre Kontrakte auch mit einer Vielzahl von Vermögenswerten zu besichern.


Für welchem Vermögenswert sehen Sie das grösste Potenzial für eine derartige Tokenisierung?

Der logische nächste Schritt wäre, Dinge zu tokenisieren, die weniger liquide oder geradezu illiquide sind. Etwa einen Private-Equity-Fonds, der sehr hohe Mindestanlagebeträge hat. Das bedeutet, dass die Preisbildung kontinuierlich ist. Ein Private-Equity-Fonds legt seine Preise vielleicht einmal pro Quartal fest. So entsteht in den Zeiträumen dazwischen eine Preisbildung. Das gilt auch für Pre-IPO-Aktien wie Anthropic oder SpaceX. Das ist keine 100-prozentig genaue Preisbildung aber eine Annäherung auf Basis von informierten Marktteilnehmern.


Schon vor dem Nahostkrieg gab es einen Hype um Hyperliquid, und die Blockchain entwickelt sich seit Monaten besser als Bitcoin. Was war damals der Hintergrund?

Das Besondere an Hyperliquid ist seine Tokennomics-Struktur. Sie generiert täglich zwischen 1 und 5 Millionen Dollar Erträge über die Handelsplattform. Mit rund 95 Prozent dieser Einnahmen werden systematisch eigenen Token zurückgekauft. In volatilen Zeiten steigert Hyperliquid ihren Wert. Im Gegensatz zu andern Blockchain lässt sich Hyperliquid Aktien-ähnlich bewerten. Der Token wird zu etwa dem 50- bis 20-fachen des Preises im Verhältnis zu den annualisierten Gebühren gehandelt. In Zeiten hoher Volatilität, insbesondere bei Kursrückgängen, bietet die systematische Rückkaufpolitik eine zusätzliche Stütze, was ziemlich einzigartig ist.


Hyperliquid verfügt über eine eigene Layer-1-Blockchain. Kann das von einer dezentralen Börse auf Ethereum kopiert werden?

Derzeit ist das nicht möglich, was einerseits ein Vorteil, andererseits aber auch ein Nachteil ist. Wenn wir an etwas Dezentrales denken, denken wir normalerweise an Open Source, aber Hyperliquid ist Closed Source. Das bedeutet: Wenn ich wollte, könnte ich die Ethereum-Blockchain exakt kopieren. Sie ist vollständig öffentlich zugänglich. Der Hyperliquid-Code ist nicht allgemein verfügbar. Das ist einzigartig aber auch eine Art Black Box. Sollte etwas schiefgehen, hat man keinen Einblick, was schiefgelaufen ist und warum. Ich könnte mir vorstellen, dass Hyperliquid nach einigen Jahren Online-Betrieb mit hohem Liquiditäts- und Netzwerkeffekte Open Source werden können, weil sie dann einen Schutzwall haben.


Bisher werden Tokenisierungsprojekte mit Ethereum gleichgesetzt.

Was Hyperliquid tokenisiert, sind lediglich Verträge, während Ethereums tatsächliche zugrunde liegende Vermögenswerte tokenisiert. So repräsentiert der auf Ethereum aufbauende Blackrock-Geldmarktfonds tatsächlich das Eigentum an dem Vermögenswert, der von BNY Mellon im Auftrag von Blackrock verwahrt wird. Bei der Tokenisierung realer Vermögenswerte dominiert Ethereum. Aber wenn es darum geht, einen Preis zu bieten, Liquidität zu verschaffen, dann kommt Hyperliquid ins Spiel. Es besteht aber kein Anspruch auf den Basiswert.


Gibt es kein Sicherheitsproblem, wenn man auf Hyperliquid nicht das bekommt, was man gekauft hat?

Ich sehe es nicht als Sicherheitsproblem, sondern als Korrelationsrisiko. Wenn jemand kommt und für 200 Millionen Dollar Nivida-Aktien über die Plattform verkauft oder shortet, wird sich der tatsächliche Kurs von Nvidia in diesem Moment vom Kurs auf Hyperliquid abkoppeln. Wenn sich der Kurs abkoppelt, wird die Funding-Rate negativ ausfallen, was Anreize zum Kauf schafft, durch das Eintreiben von Funding dazu beitragen, den Kurs wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Die Preisabweichungen können manchmal unattraktiv sein, etwa in der Absicherung, besonders wenn man in grossen Volumina handelt.


Ist es kein Problem, wenn Elon Musk sagt, dass er nicht möchte, dass SpaceX-Aktien auf Hyperliquid gehandelt werden?

Das ist das Schöne an einem dezentralen Markt: Es spielt keine Rolle, was jemand denkt. Er kann diesen Handel nicht verhindern. Wenn jemand, der Anteile an SpaceX besitzt, zu einem Unternehmen geht und sagt: Ich verkaufe euch meine Anteile und ihr tokenisiert diese, dann hat Elon einen Rechtsanspruch. Aber da es sich lediglich um einen unbefristeten Kontrakt handelt, hat er keine rechtliche Handhabe, weil es sich einfach um ein synthetisches Engagement handelt.


Aber gibt es ein Emittentenrisiko – weil die Plattform nicht Open-Source und nicht dezentralisiert ist?

Ja, aber es wurden zwei Massnahmen ergriffen, um dieses Risiko zu mindern. Zum einem hat Hyperliquid in den vergangenen Monaten eine Lobbyabteilung in Washington eröffnet, sodass sie sehr nah an den Regulierungsbehörden sind und sicherstellen, dass sie nichts Falsches tun. Zudem gibt es derzeit nur eine sehr begrenzte Anzahl von Validatoren. Ein Grossteil der Hyperliquid-Anteile ist an eine Stiftung delegiert. In seinem derzeitigen Zustand ist das System also zentralisiert. In der Vergangenheit gab es Fehler und das Geld wurde zurückgebucht. Aber der Validator-Pool soll erweitert werden, sodass sie die Gesellschaft nicht mehr die Mehrheit der Anteile kontrolliert und durch den engen Kontakt mit den Regulierungsbehörden ist das Regulierungsrisiko gesunken. Ein weiterer Beweis dafür, dass sie die regulatorische Lücke überbrücken, ist, dass sie es geschafft haben, eine Lizenz von den S&P 500 Dow Jones-Indizes zu erhalten, um einen offiziellen tokenisierten S&P 500 zu lancieren.


Wenn man die beiden Layer-1-Blockchains Ethereum und Hyperliquid vergleicht, welcher würden Sie mehr Potenzial und mehr Sicherheit zusprechen?

Die beiden ergänzen sich. Hyperliquid bietet Ihnen ein Nischenengagement im Handelsbereich und in weitere Bereiche, in die sie expandieren wollen. Es ist wie eine Investition in ein Unternehmen, während es bei Ethereum darum geht, in eine Smart-Contract-Plattform zu investieren. Wenn wir an DeFi, Kreditmärkte, tokenisierte reale Vermögenswerte und Stablecoin denken, dann kommt Ethereum ins Spiel. Das sind die Märkte, in denen Hyperliquid Schwierigkeiten hätte, zu konkurrieren. Ethereum ist seit Einführung 2015 noch nie offline gegangen, noch nie kompromittiert worden. Ethereum verfügt über jene Sicherheitsgarantien, die viele Institutionen besonders am Herzen liegt. Hyperliquid offeriert ein Engagement in das wachsende Segment von Privatanlegern und institutionellen Händlern, die mit Finanzanlagen handeln.


Gibt es bei Hyperliquid irgendwelche Volumenbeschränkungen – das Potenzial für tokenisiert Assets ist riesig?

Einer der Vorteile der Zentralisierung besteht darin, dass die Hyperliquid-Blockchain extrem leistungsfähig ist: Blockzeiten im Millisekundenbereich, Tausende von Transaktionen pro Sekunde. Sie war noch nie mit Einschränkungen konfrontiert. Das geht jedoch zu Lasten der Skalierbarkeit: Wenn ich beispielsweise Ethereum validieren wollte, könnte ich das wahrscheinlich auf einem Laptop ausführen. Wenn ich Hyperliquid validieren wollte, bräuchte das einen extrem leistungsfähigen und teuren Server. Ethereum verfügt deshalb über mehr als eine Million Validatoren. Der Ansatz von Hyperliquid war hingegen: Lasst uns einfach die bestmögliche Blockchain schaffen. Wir fangen zentralisiert an und kommen dereinst zum Punkt, in der die Technologie eine stärkere Dezentralisierung zulässt.





Short cuts: News aus der digitalen Welt


Wette nicht auf Dich selbst

Zwei Kandidaten für den US-Kongress und ein amtierender Abgeordneter sind von der Prognosebörse Kalshi mit Geldstrafen und Sperren belegt worden. Die Blockchain-Prognosebörse hatte festgestellt, dass diese Politiker auf den Ausgang der eigenen Wahlkämpfe gewettet hatten. Prognosemärkte, wie Polymarket oder Kalshi, auf denen Nutzer auf den Ausgang zukünftiger Ereignisse wetten können, stehen wegen Insiderhandels und möglicher Verstösse gegen Glücksspielgesetze zunehmend unter Beobachtung des US-Gesetzgebers. Die Aufsichtsabteilung bei Kalshi erklärte, dass diese Fälle zwar gegen die Börsenvorschriften von Kalshi verstossen hätten, jedoch keine Weiterleitung an die US-Aufsichtsbehörde für den Terminhandel (CFTC) oder das Justizministerium zur weiteren Untersuchung und Strafverfolgung rechtfertigten.


Die Grundidee des Bitcoins verliert sich im Nebel

Dreht sich Satoshi gerade im Grab (wenn es ihn denn überhaupt gegeben hat und er schon verstorben ist)? Aber das soll hier nicht das Thema sein. Es geht darum, wie seine Grundidee von Bitcoin, der Schaffung eines dezentralen, digitalen Geldsystems, das ohne zentrale Instanzen wie Banken, Staaten oder Zwischenhändler funktioniert, je länger, je mehr aufgeweicht wird. Bereits vor einigen Jahren schieden sich die Geister darüber, ob es sinnvoll ist, ein Zertifikat auf Bitcoin zu emittieren und damit die dezentrale Währung ins Fiat-System zu holen. Dafür gab es Argumente: Ist doch etwa das Führen und Aufbewahren eines privaten Wallets und das selbständig Durchführen von Transaktionen nicht jedermanns Sache. Zudem gibt es Investoren, die an der Wertentwicklung von Bitcoin teilhaben wollen, ohne selbst auf der Blockchain zu sein. Doch das USD Garant Cap Zertifikat 06/2032 der UniCredit Bank ist neben anderen Produkten nochmals eine neue Kategorie. Das ist ein Kapitalschutzzertifikat auf den iShares Bitcoin Trust ETF. Ein Zertifikat mit Emittentenrisiko auf einen ETF mit Bitcoin als Basis ist wohl nicht das, was Satoshi im Blick hatte. Wenn man den Atem anhält und an der Blockchain lauscht, hört man Satoshi leise seufzen.

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