Die Website Coinmarketcap.com gibt die Zahl der erfassten Kryptotoken mit über 30,5 Millionen an. Zudem werden Kurs und Marktkapitalisierung von 8946 Kryptowährungen geführt – es dürfte aber noch mehr existieren. Die einhellige Meinung in der Kryptobranche ist, dass weit über 90 Prozent dieser Währungen eingehen müssen. Diese These hört man schon lange. Hat das grosse Sterben schon eingesetzt und wie sieht es im Crypto Valley aus – wo im letzten Jahrzehnt eine Flut von ICO (Initial Coin Offering) viele Emittenten und Anwaltskanzleien reich gemacht hat?
Und in den Short Cuts diese Woche:
• NYSE startet 24/7-Handelsplattform für tokenisierte Wertschriften
• Ethereum-Rekordvolumen! Wegen Betrugsfällen!
Vielleicht die bekannteste Pleite – die «FTX der Schweiz» sozusagen – dürfte die Handelsplattform Lykke sein. Ende 2025 wurde der Konkurs gegen die Plattform eingestellt, die von Richard Olsen, einem Urenkel von Privatbankier Julius Bär, gegründet wurde. Grund der Pleite soll ein Hackerangriff gewesen sein, bei dem im Sommer 2024 Bitcoin und Ethereum im Wert von 20 Millionen Franken entwendet wurden. Der Angriff wurde von einer britischen Zeitung der nordkoreanischen Lazarus-Gruppe zugeordnet. Doch der Diebstahl überdeckte grosse Probleme und hat wahrscheinlich das Ende nur beschleunigt.
Einige Investoren äusserten den Verdacht, dass die Pleite inszeniert war und von internen Unsauberkeiten ablenken sollte. Das Mutterhaus schrieb bereits 2019 und 2020 Millionenverluste und wies kaum mehr eigene Mittel auf. Seit 2020 wurden keine Geschäftsberichte mehr publik gemacht. Zu den vielen Schweizer Geschädigten gehört auch die TX Group, die im Jahr 2018 zwei Millionen Franken in Lykke investierte und dafür Lykke-Coins erhielt, die mittlerweile wertlos sind.
Mining im Container
Eine weiterer verschwundener Coin ist jener von Envion. Das in Zug domizilierte Unternehmen sammelte Ende 2017 mit dem ICO rund 100 Millionen Dollar bei Investoren ein und war nach Tezos (mehr dazu später) der zweitgrösste virtuelle Börsengang im Krypto-Paradies Schweiz. Envion wurde aber nie operativ tätig. Die Firma ging mit Servern, die in einem Container untergebracht waren, auf Werbetour bei Investoren. Die Envion-Container sollten dorthin transportiert werden, wo Strom günstig verfügbar ist, und mit tiefen Kosten Kryptowährungen schürfen. Das Unternehmen versprach, die so erwirtschafteten Gewinne über Jahre an die Token-Besitzer auszuschütten.
Der Sitz von Envion befand sich in Berlin. Die Gründer und einer bei Kapitalmassnahmen hinzugestossener Investor zerstritten sich schon bald und blockierten jegliche operative Tätigkeit. Envion schürfte gar nichts. Doch nicht nur die Situation in der Firmenführung war vertrackt. Im März 2019 schloss die Schweizer Finanzmarktaufsicht (Finma) ein im Juli 2018 eröffnetes Enforcement-Verfahren ab. Die Behörde stellte fest, dass Envion unerlaubt gewerbsmässig Publikumseinlagen von mindestens 37’000 Anlegern entgegengenommen hatte. Für ein Anleihe-ähnlich ausgestaltete Token-Emission hätte der Emittent eine Banklizenz benötigt. Weil bei der Envion die gesetzlich vorgeschriebene Revisionsstelle fehlte, wurde bereits vor dem Finma-Entscheid wegen «Organmangels» der Konkurs über das Unternehmen eröffnet.
Die Stiftung des Wunderkinds
Die Finma war der Totengräber von mehreren Schweizer ICO. Die Projekte scheiterten aufgrund von Regulierungsmassnahmen der Aufsichtsbehörde, wobei es sich häufig um unerlaubte Einlagen oder betrügerische Aktivitäten handelte. Zu den bekanntesten durch die Finma gestoppten Vorhaben gehört die Dohrnii Foundation von Krypto-Wunderkind Dadvan Yousuf. Im Mai 2022 eröffnet die Finma ein Enforcement-Verfahren gegen die Stiftung und deren lancierten Token. Die Finma kam zum Schluss, dass sich die Stiftung mit dem Verkauf von Dohrnii-Token ohne Bewilligung als Wertpapierhaus sowie als Finanzintermediär betätigt hatte.
Yousuf habe als Privatperson unerlaubt Publikumseinlagen entgegengenommen. Des Weiteren habe er sich während des Enforcement-Verfahrens nicht an die Auskunftspflicht und die Vorgaben der Finma gehalten und die Aktivitäten weitergeführt. Wegen schwerer Verletzung der aufsichtsrechtlichen Bestimmungen wurde Yousuf im März 2023 mit einer Unterlassungsanweisung belegt.
Ist der Token ein Wertpapier?
Zahlreiche solche Verfahren gab es in den USA auch gegen dortige Coin-Emittenten. Mit der Kursänderung der Börsenaufsicht SEC unter der Trump-Administration sind diese alle eingestellt worden. Branchenkenner aus dem Crypto Valley sagen jedoch, dass der Dohrnii-Token keine relevante Rolle spielte und wie andere «get rich quick»-Projekte aussehe. Doch Yousuf wusste sich zu wehren. Im März 2022 erstattete er gegen zwei SRF-Journalistinnen Strafanzeige wegen Ehrverletzung und stellte einen Strafantrag.
Die beiden hatten einen Monat zuvor auf srf.ch unter dem Titel «Der Krypto-Milliardär und seine fragwürdigen Transaktionen» ein Text publiziert, in welchem verdächtige Transaktionen beschrieben wurden und Yousuf in die Nähe der Terrorismusfinanzierung gerückt wurde – ohne Beweise dazu offenzulegen. Nach längerem rechtlichen Hin und Her erliess die Staatsanwaltschaft Zürich im Oktober 2024 gegen die beiden Journalistinnen einen Strafbefehl wegen übler Nachrede. Die SRF-Mitarbeiterinnen wurden zu einer Geldstrafe, Busse und Übernahme der Verfahrenskosten verurteilt, zudem erhielt Yousuf eine Prozessentschädigung.
Die Finma führt Liste
Die Finma hat in der Vergangenheit Projekte ohne echte Blockchain-Technologie, mit betrügerischer Absicht oder ohne Deckung verboten. Als Schneeballsystem wurden etwa der Swisscoin bezeichnet und aus dem Verkehr gezogen. Als Betrugsprojekte galten auch E-Coins, sogenannte Scheinkryptowährungen, wie jener der Quid Pro Quo, die Gelder in Millionenhöhe entgegennahmen, ohne über die dafür nötige Bankbewilligung zu verfügen. Auf der Warnliste der Finma (https://www.finma.ch/de/finma-public/warnungen/warnliste) finden sich neben Bank- auch Krypto-Projekte, welche die Behörde als gefährlich oder betrügerisch einstuft.
Viele Krypto-Vorhaben sterben jedoch still und langsam, ohne grosse Schlagzeilen – wenn sie keine Anwender oder echten Nutzen finden. Kaum mehr Lebenszeichen gibt etwa Smart Valor von sich. Die Gründerin Olga Feldmeier war in den Zehnerjahren mit ihrer rührseligen Geschichte, wie sie es aus ärmlichen Verhältnissen in der Ukraine zur Bankerin und zur Unternehmensgründerin sowie Millionärin geschafft hatte, in den Medien omnipräsent. 2017 gründete sie zusammen mit ihrem Ehemann, einem Unternehmensberater, die Handelsplattform Smart Valor. Doch Bekanntheit erreichte Feldmeier nicht mit stabilen Unternehmenszahlen, sondern mit dem Auftritt in der Schweizer Ausgabe des TV-Formats «Die Höhle der Löwen» und einem Portrait im US-Magazin «Forbes», in welchem sie zur «Crypto Queen» gekrönt wurde.
Smart Valor scheitert an der Nasdaq
Doch Protagonisten aus der Schweizer Krypto-Szene geben an, dass Olga Feldmeier in der «Szene» nicht sichtbar und deshalb auch nicht relevant sei. Das hielt Smart Valor nicht davon ab, umtriebig zu sein. Das Unternehmen betrieb ab 2019 eine Krypto-Börse in Liechtenstein, im Jahr darauf erhielt Smart Valor von der Liechtensteinischen Finanzmarktaufsicht (FMA) eine Kryptolizenz. 2022 ging Smart Valor mit viel Medienbegleitung an den Nasdaq First North Growth Market. Nach zweijähriger Börsenpräsenz waren jedoch 99 Prozent der Marktkapitalisierung vernichtet und das Unternehmen wurde dekotiert. Für Smart Valor und den zugehörigen Token werden von den meisten Kryptobörsen keine Handelsdaten und Werte mehr angegeben. Das Unternehmen ist aber bereits auf den nächsten Trend aufgesprungen. Gemäss Website ist es jetzt eine «Switzerland-based Web3 AI company». Weitere Wandlungen bleiben abzuwarten.
Dann gibt es Krypto-Projekte, die mit guten Absichten sowie viel Euphorie gestartet wurden und dann vergessen gingen. Ein solches Beispiel ist die Impuls-Währung Wetzi-Koin, die das lokale Gewerbe während der Corona-Pandemie ankurbeln sollte. Die Stadt im Zürcher Oberland sprach einen Kredit, um jeder Einwohnerin und jedem Einwohner einen digitalen Gutschein über 10 Franken zukommen zu lassen, der in den Geschäften der Stadt eingelöst werden konnte. Bei rund 25’000 Einwohnern belief der Kredit auf 250’000 Franken. Der Gutschein in Form einer Kryptowährung sollte für das lokale Gewerbe eine Hebelwirkung entfalten. Das Echo war gering und die lokale Währung versandete. Ähnlich erging es dem Leu, dem Projekt für «Zürichs gemeinschaftlich erzeugtes Zusatzeinkommen für alle» (wie es auf der Website heisst). Durchsetzen konnte er sich nicht, die letzte Wortmeldung der Betreiber datiert aus dem Jahr 2023.
Streit wirft Tezos weit zurück
Der Wetzi-Koin basierte auf der Tezos-Blockchain. Deren Stiftung verkörpert ebenfalls den Abstieg einer Kryptowährung. Im Juli 2017 sammelt Tezos unglaubliche 232 Millionen Dollar ein und war das bis dahin weltweit erfolgreichsten ICO. Die Technologie gilt als innovativ und vielversprechend. Doch das grosse Firmenvermögen weckt Begehrlichkeiten und Misstrauen. Die Blockchain-Gründer aus den USA und der Stiftungsratspräsident in Zug blockieren wegen privater Differenzen und Rechtsstreitigkeiten jegliche Entwicklung über mehr als ein Jahr.
Als die Blockchain wieder operativ tätig wurde, hatte sie sich eine Entwicklungsrückstand eingehandelt. Fachleute sprachen Tezos, einer Layer-2-Blockchain, auch wegen des basisdemokratischen Aufbaus ursprünglich viel Potenzial zu – etwa für die Tokenisierung von Vermögenswerten oder NFT. Doch Ethereum, Solana, Cardano und andere Blockchains haben sich hier breit gemacht. Die Blockchain, die einst unter den Top-Ten zu finden war, rutscht kontinuierlich ab und rangiert noch als achtziggrösste Kryptowährung. Unter der Annahme, dass nur die Besten und Grössten überleben, ist auch Tezos langfristig gefährdet.
Während die Schweiz früher als Krypto-Inkubator galt, macht sie neuerdings eher Stagnation breit. Die fortschrittliche DLT-Gesetzgebung wurde von anderen Staaten kopiert und weiter vorangetrieben. Vor allem bei Stablecoins, die als «Schmiermittel» des Systems gelten, geht in der Schweiz bisher wenig. Viele Erfolgsgeschichten der Krypto-Branche werden heute andernorts – vor allem in Singapur und den Emiraten am Golf – geschrieben.
Short cuts: News aus der digitalen Welt
NYSE startet 24/7-Handelsplattform für tokenisierte Wertschriften
Die New York Stock Exchange (NYSE) gab diese Woche bekannt, dass sie eine Plattform für den Handel mit tokenisierten Wertpapieren entwickelt und damit das Gewicht der 233 Jahre alten Börse hinter die wachsende Akzeptanz der Kryptotechnologie an der Wall Street stellt. Das Unternehmen erklärte, es werde die behördliche Genehmigung für die neue Plattform beantragen, über die Unternehmen Wertpapiere ausgeben könnten, die als digitale Token auf einer Blockchain dargestellt werden. Der Handel soll rund um die Uhr stattfinden. Der Zeitpunkt der Einführung wurde nicht genannt, da dieser davon abhängt, wann die Aufsichtsbehörden die Genehmigung erteilen.
«Dies wird einen breiten Zugang zu den globalen Kapitalmärkten ermöglichen. Diese Entwicklung treibt Innovation und Inklusivität voran. Sie bringt die Branche in Richtung eines einheitlichen, rund um die Uhr verfügbaren Finanzökosystems. Ich gehe davon aus, dass weltweit weitere Aktienbörsen diesen Weg einschlagen werden», kommentiert Ignacio Aguirre Franco, CMO von Bitget diese Ankündigung. Die Tokenisierung sei die nächste Stufe der Demokratisierung der Kapitalmärkte, ähnlich wie es vor 50 Jahren die ETF gewesen seien – aber dieses Mal treffe es das Kernversprechen auch der Schweizer Privatbanken. «Denn Blockchain-basierte Token ermöglichen Bruchteilsbesitz und niedrigere Einstiegskosten in von zuvor illiquiden, clubähnlichen Anlageklassen – von Immobilien und Kunst bis hin zu Private Equity.
Es entstehen Produktlösungen, auf die Privatanleger von überall zugreifen können. Da der Zugang global, rund um die Uhr und plattformbasiert wird, könnten Vermögensverwalter ihren historischen Vorsprung als Gatekeeper zu diesen Anlageklassen verlieren», sagt Ignacio Aguirre Franco. Der Markt für tokenisierte reale Vermögenswerte ist auf rund 33 Milliarden Dollar angestiegen und wird in den nächsten zehn Jahren voraussichtlich auf Billionen anwachsen, da Institutionen Anleihen, Immobilien und private Kredite tokenisieren. Larry Fink, CEO und Chairman von Blackrock, vergleicht die heutige Tokenisierung mit dem Internet im Jahr 1996. Noch ist der Markt klein, aber mit grossem Wachstumspotenzial.
Ethereum-Rekordvolumen! Wegen Betrugsfällen!
Gemäss den Daten der Website BitInfoCharts.com erreichten am 16. Januar die täglichen Ethereum-Transaktionen mit mehr als 2,8 Millionen einen neuen Höchststand. In den 30 Tagen zuvor wurden gemäss Etherscan mehr als 12,6 Millionen neue Ethereum-Adressen erstellt – die höchste je erreichte Zahl. Diese Rekordzahlen sind nicht eine erfreuliche Entwicklung, sondern wurden gemäss Blockchain-Sicherheitsexperten hauptsächlich durch einen massiven Address-Poisoning-Angriff verursacht.
Diese Angriffe sind eine Art von Krypto-Betrug, bei dem Angreifer winzige Mengen an Kryptowährung von einer ähnlichen Adresse an die Wallet des Opfers senden. Das Ziel ist es, das Opfer dazu zu verleiten, fälschlicherweise Geld an diese Adresse zu senden, weil es glaubt, dass sie legitim ist. Dabei wird auf umständliche Benutzeroberflächen, fehlende Warnungen und die Unachtsamkeit des Opfers gesetzt. Solche Attacken sind vergleichbar mit Spam-Phishing-E-Mails – sie sind kostengünstig und haben eine geringe Erfolgsquote, aber wenn nur ein oder zwei der Tausenden von Zielpersonen darauf hereinfallen, lohnt es sich für den Angreifer.
Die durch Address-Poisoning-Angriffe verursachten Verluste können enorm sein. Im vergangenen Monat verlor ein Krypto-Nutzer gemäss der Krypto-Sicherheitsplattform ScamSniffer 50 Millionen Dollar. Das Fusaka-Upgrade von Ethereum im Dezember hat dazu beigetragen, die Transaktionskosten zu senken, die Blockchain für mehr Nutzer skalierbar zu machen und neue Anwendungsfälle zu erschliessen. Die erhöhte Bandbreite bedeutet aber auch, dass Massenangriffe für Betrüger günstiger geworden sind.

