Im März erhielt BX Digital, eine Tochtergesellschaft der Börse Stuttgart, von der Finanzmarktaufsicht die Bewilligung für den Betrieb eines DLT-Handelssystems. Damit wird die direkte Abwicklung gegen Schweizer Franken und die Übertragung der Vermögenswerte über eine öffentliche Blockchain möglich.
Und in den Short Cuts diese Woche:
• Der Hype der Woche heisst: Cronos
• Google sucht die Blockchain
In den vergangenen Monaten arbeitete das Unternehmen am Onboarding von Handelsteilnehmern und digitalen Produkten. Die Schweizer Banken Sygnum Bank, Incore Bank und Hypothekarbank Lenzburg sowie die Wertpapierhäuser ISP Group und die Euwax werden die ersten Handelsteilnehmer sein. Tippinpoint hat sich mit der CEO von BX Digital, Lidia Kurt, über das neue Trading-Angebot unterhalten.
Frau Kurt, als Sie Mitte März das Projekt vorstellten, deuteten Sie an, dass die Aktivität auf dem DLT-Handelssystem in rund sechs Monaten aufgenommen werde. Das wäre gegen Ende September. Werden wir bald die Handelseröffnung auf BX Digital erleben?
Ich kann kein genaues Datum nennen, aber wir werden den Handel in den nächsten Monaten beginnen. Wir sind in der Vorbereitung gut vorangekommen und technisch bereit für das Go-live. Wir haben unsere Partner für die initiale Phase bereits kommuniziert, sind aber in Kooperationsgesprächen mit zahlreichen weiteren Finanzinstituten.
Welche Werte werden als erste auf der BX Digital gehandelt, werden das Aktien, ETP oder Bonds sein oder jene Werte, die bereits bei der Schwestergesellschaft BX Swiss gehandelt werden?
Es werden tendenziell neue Instrumente sein, aber dennoch in der Kategorie der klassischen Finanzprodukte, wie etwa Aktien, Obligationen, Fonds und ETP. Mit der Zeit werden für diese Produkte immer neue Funktionalitäten eingeführt. Das könnten etwa im Fondsbereich tägliche Ausschüttungen sein. Es werden aber auch neue Anlagekategorien hinzukommen, vor allem im Bereich des direkten Eigentums, das man auf der Blockchain gut abbilden und handelbar machen kann.
Mit direktem Eigentum meinen Sie das für Werte wie Kunst, Private Equity und Ähnliches?
Der erste Use-Case wird wahrscheinlich aus dem Commodity-Bereich sein – direktes Eigentum an Rohstoffen. Wir ermöglichen mit unserem System einen multilateralen Handel, d.h. das Asset muss handelbar und gegen andere Stücke austauschbar sein. Vermögenswerte, die es nur einmal gibt, würden zuerst in kleinere Einheiten geteilt – also fraktionalisiert - werden, um auf diese Weise handelbar zu werden.
Die Digitalisierung von Produkten, die sie jetzt angetönt haben, Aktien, Bonds oder Beteiligungen an KMU haben andere Anbieter wie Daura, SMEX, SCX schon versucht und die Tochter der Schweizer Börse SDX scheint auch schon Ewigkeiten in den Startlöchern zu stehen. Es zeigt sich aber, dass das Interesse der Anleger dafür bisher fehlt. Was werden Sie anders machen?
Eines unserer wichtigsten Designprinzipien ist, dass wir in offenen Ökosystemen denken. Damit können wir bereits auf einen Markt von über 20 Milliarden Dollar in tokenisierten Vermögenswerten auf öffentlichen Blockchains zugreifen. Das gibt uns die Möglichkeit schnell zu skalieren. Diese Assets werden nicht bei uns aufbewahrt werden, sondern von Banken und Endinvestoren.
Was sind denn die meistgehandelten Assets in diesen 20 Milliarden tokenisierten Vermögenswerten?
Von Handel kann man kaum sprechen, weil es dafür eben noch keinen regulierten Handelsplatz gibt. Es handelt sich hier vielmehr um das emittierte Volumen. Dies sind vor allem Assets aus dem Money-Market- und dem Private-Credit-Bereich. Das zeigt lediglich die aktuelle Marktperspektive und nicht die Gewichtung, die wir anstreben.
Werden zukünftig die Banken die Transaktionen auf ihre Plattform bringen oder sagt der Kunde selbst: ich handle jetzt über die BX Digital?
Am Ende ist es in der Regel ein Endkunde, der einen Handel initiiert. Er wird diesen Handel aber über seine Bank auslösen – da nur Banken und Wertpapierhäuser Handelsteilnehmer bei der BX Digital sein können. Der Endkunde kann sowohl ein Privatanleger als auch ein Unternehmen sein.
Als die BX Swiss begann, den Handel von US-Aktien in Franken anzubieten, war das auf vielen Trading-Masken von Banken gar keine Option zum Auswählen. Die Kunden hatten also oft keine Kenntnis vom neuen Angebot. Wird das bei Ihnen anders sein?
Die Banken, mit denen wir zusammenarbeiten, sind innovativ und im digitalen Bereich an vorderster Front. Ihre Kooperation mit uns zielt darauf ab, ihr Angebot zu erweitern. Zudem gibt es niemand anderen, der das anbietet, was wir haben – den Handel mit tokenisierten Wertpapieren auf einer öffentlichen Blockchain über einen Finma-regulierten Handelsplatz. Die Banken haben also einen starken Anreiz, zu uns zu kommen, wenn sie diese Produkte wollen.
Mit der Verwahrung auf der Blockchain entfällt das traditionelle Settlement und Custody. Damit verliert die Finanzindustrie eine wichtige Einnahmequelle. Wird es aus diesem Grund aus der traditionellen Finanzindustrie Widerstand geben?
Das Custody fällt nicht weg. Dieses wird in unserem Fall direkt durch die Bank ausgeführt, ohne Nutzung einer zentralen Verwahrstelle wie heute, die Wertschöpfungskette im Handel wird für die involvierten Banken noch tiefer. Auch im Bereich des Settlements haben die Banken weiter wichtige Funktionen inne – Stichwort Corporate Actions. Wir werden also enger mit den Banken zusammenarbeiten und spüren keinen Widerstand – im Gegenteil. Es wird begrüsst, dass sich der Schweizer Finanzmarkt innovativ aufstellt. Die Banken sehen, was im Ausland passiert, und wollen an der neuen Entwicklung dranbleiben.
Wenn das Custody und Settlement intensiver wird, dann gibt es nicht unbedingt einen Kostenvorteil.
Die Bank macht das Custody und profitiert vom leichteren Setup. Wir orchestrieren das Settlement, das hat die Bank bisher nicht gemacht, sondern der Zentralverwahrer. Das machen wir effizienter und das bringt einen Kostenvorteil. Wie viel dieser Ersparnisse an die Kunden weitergegeben wird, entscheidet sich im Wettbewerb unter den Banken.
Die SDX, die Tochter der SIX, arbeitet an einem digitalen Handelsplatz. Die SIX gehört den Banken, also sollten diese Interesse daran haben, dass die SDX erfolgreich und die SIX rentabel ist.
In unseren Gesprächen mit Banken stellen wir keinen Widerstand fest – im Gegenteil. Das grösste Interesse der Banken ist, dass der Finanzplatz kompetitiv und innovativ bleibt und sich global positionieren kann. Die Banken sehen, was im Ausland passiert und sind froh, dass es in der Schweiz auch Innovation gibt und dass es vorwärts geht.
Sie haben gesagt, dass bisher nur Silo-Lösungen angeboten wurden. Wie offen wird dann ihr DLT-Handelssystem sein, werden sich da andere Börsen anschliessen können, wird ein europäischer Standard angestrebt?
Absolut, es können sich auch ausländische Handelsteilnehmer anschliessen. Wo wir auch global denken, ist in Bezug auf die gehandelten Assets, wir sind hier im Gespräch mit globalen Anbietern.
Bei der Vorstellung des Projekts hielten Sie fest, dass die Abrechnungen im System in Fiat-Franken erfolgen würden – weil die Kunden noch nicht für digitale Franken bereit seien. Mittlerweile hat sich die BX Digital am Helvetia-Projekt der SNB beteiligt, wo es um Wholesale CBDC geht. Hat sich bezüglich Abrechnung etwas geändert?
Wir bleiben beim Fiat-Franken und das ist der Grund, weshalb wir bei Helvetia mitmachen. Dabei geht es in unserem Fall um Forschung rund um Trigger-Lösungen und nicht On-Chain-Cash. Wir sind aber der starken Überzeugung, dass in Zukunft On-Chain-Cash ein wesentlicher Bestandteil sein wird und werden uns dieser Entwicklung nicht verschliessen – im Gegenteil.
Verstehen Sie unter On-Chain-Cash Stablecoins oder vermeiden Sie den Ausdruck bewusst, weil die Finma diese Coins nicht positiv sieht?
In Bezug auf die Schweiz ist einfach noch nicht klar, wie On-Chain-Cash aussehen wird. Das könnten Stablecoins und auch Wholesale CBDC sein – am wahrscheinlichsten ist es, dass es beides geben wird. Deshalb bleiben wir offen und warten ab, in welche Richtung sich die Industrie entwickelt.
Die Schweiz ist ein kleiner Markt. Werden sie ihre Handelsdienstleistung auch in Deutschland anbieten. Das würde einen gewissen Grösseneffekt bringen?
Als BX Digital beginnen wir erst einmal in der Schweiz. Der Markt ist gross genug, um zu starten. Wir haben hier auch die Möglichkeit, den Markt zu bewegen, da einige Schweizer Banken in der digitalen Entwicklung, etwa im Custody von digitalen Vermögenswerten, schon weit sind. Unsere Muttergesellschaft hat aber langfristig einen europäischen Anspruch.
Mit welchen Assets erwarten Sie in der Startphase die höchsten Handelsvolumen? Werden das traditionelle Aktien wie Nestlé sein, die digitalisiert sind, oder ganz etwas Neues?
Wir sehen die grösste Traction in ETP. Das können ETP sein, die mit Commodities unterlegt sind aber ebenso mit Bluechip-Aktien. Aber auch KMU-Aktien haben viel Potenzial. Zudem haben wir spannende Partnerschaften mit Bonds- und Fondsanbietern.
Auf der SIX werden schon eine Vielzahl von ETP gehandelt, Daura und andere Anbieter hatten mit tokenisierten KMU-Aktien keinen Erfolg und UBS und andere experimentieren mit digitalen Bonds, ohne dass es ein grosses Handelsvolumen gibt. Wieso wird das auf BX Digital anders?
Wir betreten mit BX Digital Neuland, es gibt in diesem Sinn keine Konkurrenz. Wir müssen nicht einen bestehenden Marktteilnehmer angreifen und ihm Marktanteile abzunehmen. Wir bauen im Bereich Blockchain-basierte digitale Assets einen neuen Markt auf. Zum Beispiel sind die ETP-Provider, mit denen wir Projekte haben, teilweise andere als jene, die bereits in der Schweiz aktiv sind.
Die Schweizer Banken sind nicht unbedingt bekannt dafür, besonders innovativ zu sein…
Banken müssen innovativ sein und ein grosser Teil der Institute ist das auch. Es braucht seine Zeit, das ist klar. Aber wir bewegen uns in die richtige Richtung. Wenn man mit dem Ausland vergleicht, ist die Schweiz sehr weit, etwa wenn man die Anzahl Banken nimmt, die Custody für Kryptowährungen anbietet, damit auch technisch bereit ist für tokenisierte Assets auf Public Blockchains.
Apropos Kryptowährungen: Sie verzichten bewusst darauf, diese anzubieten, wieso?
Dieser Markt ist sehr liquid und es gibt bereits viele gute Player. Wo eine Lücke herrscht, ist bei regulierten Handelsplätzen für tokenisierte Wertpapiere. Erst wenn hier ein funktionierender und regulierter Sekundärmarkt besteht, kann dieser Markt wachsen.
Die BX Digital ist im Finanzbereich eher ein kleiner Fisch – ein KMU. Machen Sie sich keine Sorgen, dass ein grosser Anbieter kommt und den Handel mit tokenisierten Wertschriften an sich reisst und Skaleneffekte nutzt.
Wir sind als Finanzplatz gemeinsam verantwortlich, eine Schweizer Lösung, die hier reguliert ist, zu schaffen. Momentan sehen wir nicht, dass grosse ausländische Anbieter den Schweizer Markt übernehmen, der Bereich steckt noch in den Kinderschuhen. Die Unterstützung durch die hiesigen Banken ist sehr gut.
Die Finanzmarktaufsicht Finma wird oft kritisiert, etwa auch für ihren Umgang mit Stablecoins. Wie haben sie die Behörde bisher wahrgenommen?
Wir haben von der Finma die Lizenz erhalten. Wir haben nur als erstes Land ein reguliertes DLT-Handelssystem auf Ethereum – auf einer Public Blockchain. Das ist ein massiver Schritt. Das zeigt, wir haben einen Regulator, der offen ist für neue Themen.
Short cuts: News aus der digitalen Welt
Der Hype der Woche heisst: Cronos
Allein von Mittwoch bis Donnerstag hat der Wert der Kryptowährung Cronos um über 50 Prozent zugelegt – auf Wochensicht beträgt die Avance annähernd 150 Prozent. Damit führt der Abrechnungstoken der Börse Crypto.com die Liste der 100 Top-Altcoins deutlich an. Mit einer Marktkapitalisierung von fast 12 Milliarden Dollar hat sich Cronos auf Platz 16 der grössten Kryptowährungen vorgearbeitet. Der Grund für die Hausse dürfte der geplante Aufbau einer Krypto-Treasury durch Donald Trumps Media & Technology Group zusammen mit Crypto.com und der Yorksville Acquisition Group sein. Bis zu 6,3 Milliarden Token (aktueller Kurs 0.355 Dollar) sollen durch diese Unternehmen kumuliert werden.
Sina Meier, Schweiz Chefin des Kryptodienstleisters 21Shares, fasste diese Woche auf einem Linkedin-Post die Vorteile von Cronos zusammen: Mit der Unterstützung von Crypto.com und einer globalen Community von über 100 Millionen Nutzern habe es Cronos sich zur Aufgabe gemacht, DeFi, NFT und GameFi der breiten Masse zugänglich zu machen. Die Blockchain sei blitzschnell sowie skalierbar und mit den Blockchains Ethereum und Cosmos kompatibel. «Der CRO-Token ist Treibstoff für das Netzwerk und bringt Vergünstigungen auf Crypto.com», schreibt Meier weiter.
Google sucht die Blockchain
Immer mehr Unternehmen arbeiten an einer eigenen Blockchain. So auch der Suchmaschinen-Konzern Google. Die Konzern-Mutter Alphabet fürchtet, dass der Regulator die Abspaltung des Suchmaschinengeschäfts erzwingen wird. Also gilt es neue Geschäftsfelder zu erschliessen. Das Unternehmen arbeitet seit längerem an der Layer-1-Blockchain Google Cloud Universal Ledger (GCUL). Der Leiter der Google Web3-Strategie, Rich Widamnn, gab in einem LinkedIn-Beitrag Details zur neuen Blockchain bekannt. Sie sei das Ergebnis jahrelanger Forschung und Entwicklung bei Google, die darauf ausgelegt sei, glaubwürdig neutral und mit Python-basierten Smart Contracts kompatibel zu sein. GCUL soll als offener Infrastruktur-Layer für Finanzinstitute dienen.
«Tether wird die Blockchain von Circle nicht verwenden – und Adyen wird wahrscheinlich auch nicht die Blockchain von Stripe verwenden», schrieb er und deutete damit an, dass die Neutralität von Google dazu beitragen könnte, die Akzeptanz zu verbreitern. Google Cloud plant, in den kommenden Monaten weitere technische Details zur Blockchain zu veröffentlichen. Google Cloud arbeitet seit 2018 in den Bereich der Blockchain-Technologie, als es Bitcoin-Daten in sein Big-Query-Warehouse aufnahm und später die Unterstützung auf Ethereum und mehr als ein Dutzend andere Netzwerke ausweitete. Die Chicago Mercantile Exchange Group arbeitet derzeit mit Google Cloud zusammen, um das GCUL für Tokenisierung und Zahlungen zu testen.