Norbert Ketterer
Für einen dreistelligen Millionenbetrag verkaufte Norbert Ketterer eine Schwyzer Finanzierungsgesellschaft an den deutschen Immobilienkonzern Corestate. Jetzt türmen sich dort die Probleme.
7. Juni 2022 • Beat Schmid

Im Februar kam es zum grossen Schnitt: Die Corestate, eine börsenkotierte deutsche Immobilienfirma, musste einen Grossabschreiber vornehmen. 175 Millionen Euro schrieb sie auf dem Goodwill ihrer Tochtergesellschaft Helvetic Financial Services (HFS) mit Sitz in Pfäffikon SZ ab. Der Aktienkurs brach ein: Er liegt seit Anfang Jahr 86 Prozent im Minus.

Corestate kaufte die HFS im Jahr 2017 für 620 Millionen Euro. Helvetic Financial Services gehörte dem illustren Immobilienfinancier Norbert Ketterer, der seit wenigen Monaten neuer Hauptsponsor Fussballclubs FCZ ist.

Die Probleme bei der Finanzierungsgesellschaft begannen im letzten Jahr. Dazu muss man wissen: Die Schweizer Corestate-Tochter bietet für die Immobilienbranche Überbrückungsfinanzierungen an, sogenannte Mezzanine-Kredite. Dabei handelt es sich um Fremdkapitalvorschüsse, die Immobilienentwickler nachfragen, um Projekte ohne eigenes Geld starten zu können. Die Kredite sind nachrangig, das heisst, die Gläubiger müssen sich bei einem Konkurs mit ihren Forderungen weit hinten anstellen. Dies wiederum bedeutet, dass HFS hohe Zinsen verlangen kann, sie sollen zwischen 18 und 20 Prozent liegen.

Doch HFS behielt die Kredite nicht auf der eigenen Bilanz, sondern verkaufte sie weiter an spezielle Anleihen-Fonds, die an professionelle Investoren verkauft wurden. HFS trat dabei als Beraterin der Fonds in Erscheinung. Bei einem dieser Fonds, dem Stratos-II-Fonds, gibt es seit letzten Herbst etliche Investoren, die ihre Anteile zurückverkaufen wollen. Das Volumen ist offenbar so gross, dass die Gesellschaft nicht mehr nachkommt, alle Forderungen zu erfüllen, wie Unterlagen zeigen, die dem deutschen “Handelsblatt” vorliegen.

Direkter Link zum Bilanzskandal der Adler-Gruppe

Verängstigt hat die Investoren offenbar, dass einige Immobilienentwickler Probleme bekamen, die Mezzanine-Kredite zurückzuzahlen. Wegen der Corona-Pandemie haben sich viele Projekte verzögert, was hochverschuldete Entwickler in Bedrängnis brachte. Zusätzlich zugespitzt haben sich die Schwierigkeiten, weil die Stratos-Fonds auch Unternehmen aus dem Umfeld der Adler-Gruppe mit Darlehen versorgte. Bei der Immobilienfirma kam es kürzlich zum Knall, weil Buchprüfer von KPMG das Testat für den Geschäftsbericht 2021 verweigerten. Adler bewertete seine Immobilien höher als KPMG. In deutschen Medien wird deshalb bereits von einem weiteren Bilanzfälschungsskandal nach Wirecard gesprochen.

Immobilieninvestor und FCZ-Sponsor Norbert Ketterer, der seine Finanzierungsfirma HFS an Corestate verkaufte, war auch Grossaktionär bei Corestate. Er, seine Frau sowie ein weiterer Investor hielten 24,9 Prozent am börsenkotierten Unternehmen. Die Bewertung des Unternehmens stieg auf fast eine Milliarde Euro. Doch dann, nach fast einem Jahr Pandemie und einem deutlichen Kurssturz verkauften die drei ihr Aktienpaket Ende 2020. Ketterer gab das Präsidium der HFS ab und schied gemäss Handelsregister am 6. Januar 2021 aus dem Verwaltungsrat des Unternehmens aus. “Ich bleibe der HFS in Zukunft freundschaftlich verbunden”, liess sich Ketterer in einer Medienmitteilung zitieren. Zum Zeitpunkt des Verkaufs hatte das Corestate-Aktienpaket noch einen Wert von 147 Millionen Euro. Jetzt wäre es noch einen Bruchteil davon.

Ausstieg bei Corestate zum richtigen Zeitpunkt

Nur einen Monat später gründete Ketterer im Februar 2021 die Nokera AG. Ein Gründungspartner war der Schweizer Software-Unternehmer Francisco Fernandez, der mit dem Verkauf der Bankensoftwarefirma Avaloq zum Milliardär wurde. Doch bereits im Juni schied Fernandez wieder aus dem Verwaltungsrat von Nokera aus. Inzwischen sind in der Schweiz und in Deutschland über ein Dutzend Nokera-Subunternehmen entstanden.

Das Ziel von Nokera ist es, bis Ende 2022 bei Magdeburg die “weltweit grösste Green-Construction-Factory” aufzubauen. Sie soll bis zu 20’000 Wohnungen pro Jahr produzieren. In lokalen ostdeutschen Medien wurde in Anlehnung an Elon Musks Megaprojekt bei Berlin bereits vom Bau einer “Schweizer Gigafactory” geschrieben, wie Tippinpoint im Februar berichtete.

Seither hat sich bei dem Unternehmen, das laut Eigenwerbung mit seiner “innovativen Bauweise aus Holz die Antwort auf gesellschaftliche und politische Ziele” sein wolle, noch nicht viel Erkennbares getan. Ausser eine wichtige Personalie: Auf der Website von Nokera wird seit kurzem Thomas Otterli als CEO des Unternehmens geführt. Dabei handelt es sich um den ehemaligen Schindler-CEO, der den Lifthersteller im Januar urplötzlich verliess. Otterli ist gemäss eigenem Linkedin-Eintrag seit Anfang Juni CEO von Nokera. Seit Ende April ist der Manager zudem Verwaltungsratspräsident des Ostschweizer Technologieunternehmens SFS (siehe separate Meldung).

“Das weltweit innovativste Bauindustrieunternehmen unserer Zeit”

Als Ketterer Ende Januar als neuer Sponsor des FCZ vorgestellt wurde, kannte die Begeisterung der beiden Clublenker Heliane und Ancillo Canepa keine Grenzen. Der neue Sponsor Nokera baue nichts weniger als das “weltweit innovativste Bauindustrieunternehmen unserer Zeit” auf, hiess es in einer Medienmitteilung des Vereins.

Bekannt wurde Norbert Ketterer auch als Besitzer der Zürcher 4-Sterne-Hotels Ascot. Dieses musste Ende letzten Jahren wegen der Corona-Krise seine Pforten schliessen, nachdem Ketterer gegenüber dem Pächter hart geblieben war und den Mietzins trotz unverschuldeten leeren Beeten eingefordert hatte. Ein Entscheid, den er wenig später bereute. Ketterer besitzt unter anderem auch 10 Prozent des Bauunternehmens Implenia.

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