Ein zufällig aufgeschnapptes Gespräch am diesjährigen AssetRush im Saal des Kaufleuten in Zürich. Ein Unternehmer, der gerade Vermögenswerte digitalisiert hat, wird einem Manager eines Kryptodienstleisters vorgestellt. Unternehmer: «Ah, sie sind auf Tokenisierung spezialisiert, könnte ich zusammen mit ihrem Unternehmen meine Token vertreiben, ich habe diese Assets bereits tokenisiert.» – «Nein, wir haben uns auf den technischen Ablauf der Tokenisierung spezialisiert. Da haben wir effiziente Lösungen etabliert. Der Verkauf der Token überlassen wir aber unseren Kunden.» Unternehmer: «Wie soll ich denn die Anteile vertreiben?» – «Das machen Sie am besten über Ihr Netzwerk.» Ein weiterer Teilnehmer der Konferenz schaltet sich ins Gespräch ein und erläutert, dass die Tokenisierung mittlerweile zahlreiche Unternehmen gelöst hätten, der Vertrieb sei aber das Problem. Der Unternehmer ist sichtbar konsterniert.
Die KMU-Aktie stottert
Dass es sich dabei nicht um das isolierte Problem eines einzelnen Token-Anbieters handelt, zeigt die Entwicklung in der Schweiz. In den vergangenen Jahren drängten mehrere Tokenisierungs-Anbieter wie Aktionariat oder Daura auf den Markt, welche sich auf die Tokenisierung von KMU-Aktien spezialisiert hatten. Neben dem Handel sollten diese «Digitalisierung» auch die Führung des Aktienbuchs, Online-Generalversammlungen und Kapitalerhöhungen ermöglichen und vereinfachen.
Und in den Short Cuts diese Woche:
- Vorsätzlich Bitcoin vernichtet
- Kraken «verzinst» Bitcoin
Der Erfolg blieb sehr überschaubar, beide Anbieter haben ihr Angebot zurückgefahren und kämpfen ums Überleben. Auch Unternehmen, die ihre Aktien tokenisieren liessen, wie Farmy oder Outlaws, mussten mittlerweile aufgeben, was keinen direkten Zusammenhang mit der Tokenisierung hat, aber zeigt, dass nicht die «heissesten» Start-ups und Gesellschaften auf die digitalisierten Aktien setzen.
Die «Migros» für digitale Assets fehlt
Wenn die Krypto-Bank Sygnum ein Picasso-Gemälde oder einen Geldmarktfonds tokenisiert, dann wir dieser innerhalb des eigenen Netzwerks gehandelt, im Unterschied zu einem traditionellen Geldmarktfonds, der im gesamten Bankennetzwerk – oder vielleicht auch an der Börse – handelbar ist. Es gibt weiterhin keinen Verkaufskanal für tokenisierte Assets – es fehlen die «Migros und Aldi für digitale Werte», um die Handelsvolumen in Schwung zu bringen.
Ein Indiz für den Kriechgang war auch die Rückgabe der Börsenlizenz der Digitalbörse SDX durch die Schweizer Börse SIX. Das im Jahr 2018 gestartete Prestigeprojekt, das Handel, Abwicklung und Verwahrung von tokenisierten Vermögenswerten auf einer einzigen Blockchain-Infrastruktur vereinen sollte, lief von Anfang an harzig. Die Lizenz der Finanzmarktaufsicht Finma erhielt die SDX erst im Jahr 2021, nach mehreren Chefwechseln und erheblichen Verzögerungen.
Banken wollen Struktur nicht anpassen
Bei den Finanzinstituten, den Besitzern der SIX, fand das Projekt nicht den erhofften Anklang. «Unsere Kunden hätten einen sehr grossen Aufwand betreiben müssen, um ihre Infrastruktur so anzupassen, dass sie den Börsenhandel über die SDX abwickeln», sagte SIX-CEO Bjørn Sibbern in einem Interview mit der «Handelszeitung». Wenig hilfreich war auch, dass die Banken ein Verbot des Handels mit Kryptowährungen über die SDX durchsetzten.
Von hiesigen Bankern und Vermögensverwaltern hört man immer wieder das Argument: Der Handel mit Aktien, Anleihen und Fonds erfolgt bereits digital und ist sehr effizient. Es lohnt sich deshalb nicht, auf die Tokenisierung umzusteigen. In den USA gab es zuletzt zahlreiche Meldungen von Anbietern, die den Wertschriftenhandel – insbesondere mit Aktien – mit Hilfe der Tokenisierung auf die Blockchain bringen wollen. Es bleibt abzuwarten, ob wir einmal mehr darauf warten, als «Late Adopter» einen US-Trend zu übernehmen.
«Blockchain nicht als primäre Quelle der Wahrheit genutzt»
«Meine externe Wahrnehmung von Asset-Tokenisierung war, bevor ich mich intensiv mit dem Thema beschäftigt habe, dass dieses Problem im Grunde bereits gelöst sei und man einen Art ICO-Hype auch für Assets erwarten könnte. Umso überraschender war für mich, wie wenig die Industrie das bisher in vergleichbarer Weise umgesetzt hat», sagt Krypto-Unternehmer Bernd Lapp.
«Ich komme nicht aus der Finanzbranche und hatte ursprünglich für einen Kunden die beste Tokenisierungsplattform gesucht. Meine Recherche hat mir allerdings gezeigt, dass viele Anbieter die Blockchain nicht wirklich als primäre Quelle der Wahrheit nutzen, sondern Assets oft nur das Abbild eines Wertes im bestehenden Bankensystem sind», führt Lapp aus. «Die Wahrheit des Assets liegt damit häufig ausserhalb der Blockchain, ist nicht wirklich maschinenlesbar und vor allem nicht Blockchain-native», bemängelt Lapp. Das habe ihn dazu bewogen, die Tokenisierung selbst umzusetzen. Das Projekt nennt sich KANN.tech.
Er habe aktuell eine Credit Linked Note tokenisiert. Diese sei Blockchain-native. Das bedeutet, dass die relevanten Transaktionen und Zustände zuerst auf der Blockchain festgehalten werden. «In unserem Setup laufen alle Transaktionen über Stablecoins und können bei Bedarf direkt über die Blockchain auditiert werden. Events wie Repayment und Yield werden durch Smart Contracts überwacht und mit Hilfe von Acturs-Contracts wird der gesamte Lebenszyklus des Assets deterministisch und maschinenlesbar berechnet», erklärt Lapp, was er unter Wahrheit versteht.
Investoren selbst mitbringen
Im Gespräch mit Partnern, von denen Bernd Lapp dachte, sie könnten ein tokenisiertes Asset in den Markt bringen, wurde ihm klar, dass es aktuell keine einheitliche Distribution gibt. Wer ein Asset herausgebe, müsse die Investoren im Regelfall selbst mitbringen. Eine zentrale Börse oder standardisierte Vertriebsstruktur für solche Assets sehe er derzeit nicht. Anbieter, die solchen Dienstleistungen nach Ansicht des Krypto-Unternehmers am nächsten kommen, sind Securitize und Centrifuge. «Aber auch dort gibt es meines Erachtens keine echte Investoren-Community, die sich laufend neue Assets anschaut. Ich denke, das liegt an der Heterogenität der Assets, der hohen Due Diligence auf Investorenseite und daran, dass bei vielen Strukturen der Investorenschutz nicht konsequent genug integriert ist», fügt Lapp an.
Lapp geht deshalb den längeren Weg und will die Tokenisierung nicht nur als Infrastruktur-, sondern auch als Launch- und Distributionsproblem lösen. Neben der bereits geschaffenen Tokenisierung Plattform arbeitet er deshalb an AssetLaunch: einer Plattform für die Erstellung, Veröffentlichung und Distribution tokenisierter Assets.
«Das zeigte sich schon im ersten Hype 2018»
Das sieht auch Daniel Diemers, von der SNGLR Group und Co-Founder der Swiss Metaverse Association so: «Das ist schon die Crux im Ökosystem: Es ist technisch relativ einfach, Token zu launchen, egal ob Real-World-Assets-Token, Fun-Token, Meme-Coins, Stablecoins, Yield Coins, etc.». Die Technikplattform (Token Design, Smart Contract, Minting, Issuing, etc.) sei halt aber nur 20 Prozent der Arbeit.
«Das hatte ich schon im ersten Token-Hype im Jahr 2018 gesehen, als beispielsweise ein Gold-Token end-to-end emittiert wurde und die meiste Zeit mit Regulatory, Market Making, Liquidity, Go-to-Market, Custody, Insurance, Audit, etc. verbracht wurde. Der technische Teil der Lösung war vergleichsweise überschaubar», erinnert sich Diemers. Auch wenn das ganze dann mal stehe, sei es halt immer noch kein garantierter Erfolg. Wenn niemand den Token kaufen respektive ins Portfolio legen will, dann ergebe sich auch kein Volumen.
«Und gerade Banker haben ja keinen echten Anreiz, solche Token ihren Kunden anzubieten und zu promoten. Um beim Beispiel Gold-Token zu bleiben: Da hat jeder halbwegs gute Private Banker noch zehn andere Gold-Produkte und Ideen ohne Blockchain, die er einem Kunden anbieten wird, bevor er auf einen Token zurückgreifen würde», sagt Daniel Diemers. Die tokenisierten Produkte würden die meisten Banker noch nicht gut kennen und sie würden vor allem ein Risiko sehen, falls es eben dann doch ein Problem mit dem Token gebe.
Maschinenlesbarkeit der Cashflows fehlt
Entsprechend ist inzwischen gemäss Diemers mangels Markt Nachfrage der Hype um Tokenisierungsplattformen ziemlich vorbei: «Die meisten dieser technischen Lösungen sind inzwischen 5 bis 6 Jahre alt und liegen ungenutzt herum...»
«Aktuell sehe ich, dass die Tokenisierung als Technologie nicht das eigentliche Problem ist. Bisherige Plattformen haben aus verschiedenen Gründen die echten Vorteile der Blockchain nicht ausgeschöpft. Vor allem fehlt häufig die Maschinenlesbarkeit der Assets und der zugrunde liegenden Cashflows», kritisiert Lapp. Zudem gebe es bislang keine Vertriebsplattformen für tokenisierte Assets, wie man sie aus dem Bereich Kryptowährungen kenne. «Gerade deshalb sehe ich darin aber auch eine grosse Chance. Ich halte die Vorteile einer nativen Blockchain-Tokenisierung in Kombination mit einer standardisierten AssetLaunch-Plattform für sehr relevant und bislang noch nicht wirklich ausgeschöpft», schliesst der Krypto-Unternehmer.
Short cuts: News aus der digitalen Welt
Vorsätzlich Bitcoin vernichtet
Entweder war es ein katastrophaler Fehler oder eine bewusste, sehr teure Entscheidung. Am 26. Mai wurden 107 Bitcoins an die bekannte Burn-Adresse von Bitcoin gesendet und dauerhaft aus dem Umlauf entfernt. Die Burn-Adresse 1111111111111111111114oLvT2 hat keinen zugehörigen privaten Schlüssel. Jeder BTC, der dorthin gesendet wird, ist nach Stand der aktuellen Kryptografie unwiederbringlich verloren. Adam Back, CEO von Blockstream, bezeichnete die Überweisung auf dem Kurznachrichtendienst X als «zufällige Quantenprämie». Back, der von der «New York Times» vor Kurzem als Satoshi Nakamoto enttarnt wurde – dies aber bestreitet –, verwies auf ein ungewöhnliches, aber theoretisch mögliches Szenario rund um die Quantensicherheit von Bitcoin.
Aus der Adresse lässt sich mathematisch der öffentliche Schlüssel ableiten. Ein ausreichend leistungsfähiger Quantencomputer könnte theoretisch den passenden privaten Schlüssel berechnen und sich die Mittel holen. Die Entwickler von Bitcoin forschen bereits an postquantenkryptografischen Upgrades, doch der Zeitplan für deren Umsetzung ist weiterhin ungewiss. Back ist aktiv an Diskussionen zur Vorbereitung auf Quantentechnologie beteiligt. Im April sprach er sich für freiwillige, quantensichere Upgrades von Bitcoin aus, statt für eingefrorene Wallets. Seine Einordnung des Burn-Vorfalls als Prämie zeigt, warum diese Debatte geführt wird, auch wenn die benötigte Technologie für diesen Gewinn noch weit entfernt scheint.
Kraken «verzinst» Bitcoin
Die Kryptobörse Kraken führt Bitcoin Vault ein. Damit können langfristige Bitcoin-Anleger eine Rendite erzielen, ohne dass sie ihre Bestände aktiv verwalten müssen. Das Kapital wird automatisch in DeFi-Protokolle wie Aave, Morpho oder Tydro alloziert. Im Mittelpunkt steht eine einfache Nutzererfahrung: Kunden sollen direkt über ihr Kraken-Konto Bitcoin hinterlegen und darauf Bitcoin-denominierte Erträge erhalten können. «Viele Bitcoin-Anleger haben deutlich gemacht, dass sie einfache Möglichkeiten suchen, mit den Bitcoin Rendite zu erzielen, die sie ohnehin langfristig halten wollen», schreibt die Kryptobörse in der Medienmitteilung.

