Wie aus dem Nichts tauchte vor einem Jahr die Kryptoplattform Zondacrypto in der Schweiz auf. Rechtzeitig zum Start des World Economic Forum ging der HC Davos mit der osteuropäischen Kryptobörse eine mehrjährige Partnerschaft ein. Aus dem Davoser Eisstadion wurde die «zondacrypto-Arena». Der CEO Przemysław Kral reiste aus Polen an, um die Partnerschaft mit dem Traditionsverein zu besiegeln. Als einen Glücksfall bezeichnete HCD-Präsident Gaudenz Domenig die Vereinbarung mit der Kryptobörse.
Jetzt kämpft Zondacrypto ums Überleben. Medien in Polen berichten über massive Liquiditätsprobleme. Die Bitcoin-Reserven der Börse sollen um 99 Prozent praktisch vollständig eingebrochen sein. Das führt zu Auszahlungsproblemen bei Nutzern, wie das Portal Money.pl berichtet. Die Medien stützen sich auf sogenannte On-Chain-Analysen von Recoveris, einem Beratungsunternehmen mit Sitz in Zug, das sich auf Blockchain-Forensik, Ermittlungen und die Wiederbeschaffung von gestohlenen oder verlorenen digitalen Vermögenswerten spezialisiert hat.
Entleerte Hot-Wallets
Ein möglicher Grund für die Auszahlungsprobleme könnte sein, dass das sogenannte Bitcoin-Hot-Wallet der Börse – also ein dauerhaft mit dem Internet verbundenes Wallet – nahezu leer ist. Gemäss Recoveris ist der durchschnittliche monatliche Bitcoin-Bestand im Wallet von Zondacrypto von etwa 55,7 Bitcoin im August 2024 auf 0,18 BTC im März 2026 gefallen – ein Rückgang um 99,7 Prozent. Per 1. April sollen sich noch 0,068 Bitcoin im Wallet befunden haben.
Gemäss der Analyse, die Tippinpoint vorliegt, sollen zwischen Dezember und April insgesamt in 511 Transaktionen ein Gesamtvolumen von rund 21 Millionen Dollar von Wallets von Zondacrypto an Kraken übertragen worden sein. «Diese Transaktionen erstreckten sich über sechs Blockchains (BTC, ETH, USDC sowie mehrere Altcoins) und deuten eher auf eine systematische Leerung von Reserven hin als auf gewöhnliche operative Abläufe», heisst es im Bericht.
Zondacrypto gibt an, mehr als eine Million Kundinnen und Kunden zu betreuen – der Grossteil davon stammt aus Polen. Vor dem Hintergrund der offenbar sehr begrenzten Liquidität wird deutlich, wie fragil das System ist: Bereits wenige grössere Abhebungen könnten ausreichen, um die Plattform in ernsthafte Auszahlungsschwierigkeiten zu bringen.
Zondacrypto-CEO weist Probleme zurück
Zondacrypto-CEO Przemysław Kral weist Liquiditätsprobleme vehement zurück. Er sagt, dass Auszahlungen durchgeführt würden: «Allerdings haben wir ein technisches Problem und bearbeiten sie manuell», sagte er gegenüber polnischen Medien. Zudem beziffert er den aktuellen Bestand des Wallets auf über 4500 Bitcoins. Laut Kral verfüge die Börse über mehr als 3,2 Millionen Adressen, darunter seien auch Cold Wallets – also vom Internet getrennte Wallets. Diese können von On-Chain-Analysen nicht eingesehen werden. Doch Belege zum Bestand der Cold Wallets legte er bisher nicht vor.
Zondacrypto ist zwar mehrheitlich in Osteuropa aktiv und verfügt über eine estnische FIU-Lizenz. Sie gehört zur estnischen BB Trade Estonia OÜ, die wiederum von der Divisio Holding AG aus Zug kontrolliert wird. Im Verwaltungsrat von Zondacrypto sitzt Guido Bühler, ein Schweizer Finanzunternehmer und Mitgründer der Schweizer Kryptobank Amina.
Politische Dimension
Die Turbulenzen rund um Zondacrypto haben auch eine politische Dimension. Polen zählt zu den wenigen EU-Ländern, die die MiCA-Verordnung (Markets in Crypto-Assets) bislang nicht vollständig umgesetzt haben. Die Regulierung sieht unter anderem vor, dass Kryptodienstleister Kundengelder vollständig hinterlegen müssen.
Gegen den entsprechenden Gesetzentwurf hat der polnische Präsident Karol Nawrocki zweimal sein Veto eingelegt – mit der Begründung, die Vorgaben seien übermässig restriktiv. Die nun aufgetretenen Probleme bei Zondacrypto haben bereits eine politische Debatte ausgelöst und zu gegenseitigen Schuldzuweisungen zwischen dem politischen Lager des Präsidenten und der Regierung von Donald Tusk geführt. Wie gestern bekannt wurde, hat inzwischen die polnische Staatsanwaltschaft Ermittlungen aufgenommen.
In Davos ist bisher offenbar noch nichts zu spüren von den Turbulenzen. «Wir sind nicht in Kenntnis einer Liquiditätsproblematik bei unserem Partner. Ihren Verpflichtungen sind sie immer nachgekommen», sagt HCD-CEO Marc Gianola auf Anfrage. Die Kryptobörse ist auch Partner von Sportvereinen wie Juventus FC, Atalanta BC und AS Monaco Basket. Zondacrypto verfügt neben dem Holdingsitz mit BB Trade Switzerland AG auch über eine operative Niederlassung in der Schweiz. Zudem ging sie mit der Incore Bank eine Kooperation ein.

