Wealth
Der Ausstieg aus ihrem Unternehmen fällt Startup-Gründerinnen und -Gründern nicht immer leicht. Um den optimalen Exit-Zeitpunkt zu bestimmen, bedarf es einer strategischen Herangehensweise.
5. Juni 2026 •

Das Klischee geht ungefähr so: Nach jahrelanger Aufbauarbeit mit vielen Rückschlägen schafft das Startup dreier findiger Informatikstudenten den Marktdurchbruch und wird in Rekordzeit zum hochbewerteten Unicorn. Die bis vor kurzem noch mittellosen Studienabbrecher bringen ihr Unternehmen schnellentschlossen an die Börse und werden so zu Multi-Millionären und begehrten Mitgliedern des Jetsets.

Die Realität ist meist nüchterner: Nur ein kleiner Bruchteil aller Startups erreicht den Unicorn-Status, also eine Bewertung von über einer Milliarde US-Dollars, und noch weniger schaffen es an die Börse. Der Grossteil scheitert entweder ganz oder stagniert irgendwann. Vielleicht wird das Startup zwar übernommen, aber ohne auch nur annähernd zum Einhorn geworden zu sein.

Das führt zur Frage: Wenn die Chancen auf den ganz grossen Coup so minim sind und stets die Möglichkeit des vorzeitigen Scheiterns besteht, gibt es für Gründerinnen und Gründer einen idealen Zeitpunkt für den Exit?

Einfache Antworten gibt es keine. Beim Entscheid spielen finanzielle und persönliche Überlegungen eine Rolle, und auch die Absichten allfälliger Kapitalgeber müssen berücksichtigt werden. Aber schön der Reihe nach.

Der ideale Zeitpunkt für den Startup-Exit

Unter rein finanziellen Gesichtspunkten wird man sein Unternehmen wahrscheinlich dann verkaufen wollen, wenn der erzielbare Preis am höchsten liegt. Das ist einfacher gesagt als getan, weil es von mehreren Faktoren abhängt:

1. Marktbedingungen:
Der Markt für Startups muss reif sein für einen Exit. Ein günstiges makroökonomisches Umfeld, ein starker IPO-Markt oder eine hohe M&A-Aktivität können Indikatoren für einen guten Exit-Zeitpunkt sein. Als grobe Faustregel lässt sich festhalten, dass man sein Unternehmen gegen Ende einer Aufschwungphase verkaufen soll. Dann sind die Preise hoch und die Finanzierung von Transaktionen ist einfacher.

2. Lebens- und Innovationszyklus:
Ein typisches Startup möchte schnell wachsen und expandieren. Die Phasen nach der ersten Seed-Finanzierung werden aber zunehmend kapitalintensiver und das Risiko besteht, dass ein kapitalbedürftiges Unternehmen keine neuen Investorinnen und Investoren findet. Viele Startups scheitern an dieser Hürde. Jacob Orosz, Gründer einer M&A-Boutique und Autor von «The Art of the Exit», empfiehlt deshalb: «Wenn Gründerinnen oder Gründer glauben, dass sie keine weitere Finanzierungsrunde aufbringen können, sollten sie verkaufen, bevor ihnen das Geld ausgeht.» Auch der Innovationszyklus des Unternehmens ist wichtig: Steht ein Unternehmen kurz vor einer bahnbrechenden Innovation, könnte es sich lohnen, mit dem Verkauf noch zuzuwarten, um den maximalen Wert zu realisieren.

3. Unternehmensfitness:
Um für potenzielle Käufer attraktiv zu sein, sollte ein Unternehmen fit und für den Exit bereit sein. Gemäss Orosz umfasst dies u.a. eine breite Kundenbasis, robuste Systeme und eine ausgezeichnete finanzielle Performance. Das Startup sollte eine stabile Umsatzentwicklung und eine klare Wachstumsstrategie vorweisen können.

4. Starkes Managementteam:
Teil der Unternehmensfitness ist ein starkes Management-Team, das Vertrauen und Glaubwürdigkeit ausstrahlt und für Stabilität und Kontinuität auch nach einem Exit bürgt. Hierzu sagt beispielsweise Reid Hoffman, einst Mitbegründer von LinkedIn und heute Partner beim Risikokapitalunternehmen Greylock Partners: «Ein starkes und kohärentes Führungsteam ist entscheidend. Investoren schauen nicht nur auf Zahlen, sondern auch auf das Team, das die Vision umsetzt.»

5. Opportunitätskosten:
Wer aussteigt und Kasse macht, wird den Verkaufserlös in der Regel wieder investieren wollen. Fehlen attraktive Reinvestitionsmöglichkeiten und ist man davon überzeugt, bei Verbleib im Startup dessen Wert weiter steigern zu können, lohnt es sich vielleicht, den Exit zu verschieben. Thomas Kristensen, Partner und Investment Manager bei der auf alternative Anlagen spezialisierten LGT Capital Partners, empfiehlt, sich die folgenden Fragen zu stellen: «Zu welchem Preis kann ich mein Startup aktuell verkaufen? Was wird es in fünf Jahren wert sein, wenn ich mit dem Verkauf noch zuwarte? Und was sind die Risiken und Chancen beider Optionen?»


Nebst den strategischen und grundsätzlichen finanziellen Überlegungen beeinflussen auch persönliche Faktoren die Entscheidung über den Zeitpunkt und die Art des Exits.

1. Familie und soziales Umfeld:
Der Druck und die Anforderungen, die mit dem Aufbau eines Startups verbunden sind, haben erhebliche Auswirkungen auf das Familienleben und das soziale Umfeld der Unternehmerinnen und Unternehmer. Ein hoher Stresspegel und lange Arbeitszeiten führen oft zu gesundheitlichen Problemen. Deshalb ist wichtig, dass sie ihre körperliche und mentale Gesundheit im Blick behalten. «Ein Exit sollte nicht nur aus finanzieller Sicht betrachtet werden, sondern auch aus der Perspektive, wie er das persönliche Leben des Gründers beeinflusst», betont Nadine Kammerlander, Professorin für Familienunternehmen an der WHU Otto Beisheim School of Management. Eine ausgewogene Work-Life-Balance und die Unterstützung durch die Familie können entscheidende Faktoren für das Timing eines Exits sein.

2. Persönliche Finanzsituation:
Der Aufbau eines Startups ist für viele erstmalige Gründerinnen und Gründer mit einer längeren finanziellen Durststrecke verbunden, da in der Regel noch keine Gewinne anfallen und sie sich nur tiefe oder gar keine Löhne auszahlen können. Oft fällt zusätzlich die Familiengründung in diese Phase, was den finanziellen Stress nochmals erhöht. Ein Verkauf eines Teils der Aktien im Rahmen einer Finanzierungsrunde kann die Lage entschärfen. Für Kristensen ist ein solcher Teilausstieg auch aus Investorensicht sinnvoll: «Wir möchten, dass Gründerinnen und Gründer motiviert sind. Eine Entspannung bei den persönlichen Finanzen kann dazu beitragen, dass sie sich voll auf ihr Startup konzentrieren können.» Deshalb sei es ok, wenn Entrepreneure nach einer langen Durststrecke einen Teil ihrer Aktien verkaufen – solange es nicht zu viel sei.

3.Skills und Motivation:
Die Fähigkeiten für den erfolgreichen Aufbau eines Unternehmens – beispielsweise Risikobereitschaft, innovatives Denken oder Ausdauer – sind nicht unbedingt die gleichen, die jemand für das Management eines bereits etablierten Unternehmens mitbringen muss. Je fortgeschrittener aber das Startup in seinem Lebenszyklus ist, desto mehr wird die Führung zur Managementaufgabe. Hinzu kommt, dass die Leidenschaft einer Gründerin oder eines Gründers für den Erfolg wichtig sind. So meint etwa der John Warrilow, Autor von «Built to Sell» und Gründer-CEO von «The Value System», dass der grösste Fehler, den er bei Startup-Exits beobachte, zu langes Zuwarten sei: «Die meisten Gründerinnen und Gründer schöpfen in den ersten fünf Jahren ihres Unternehmens am meisten Wert. Nach diesem Zeitpunkt besteht zunehmend die Gefahr, dass sie an Energie verlieren und sich langweilen.»

Kapitalgeber wollen mitreden

Die bisherigen Überlegungen vernachlässigen, dass nur die wenigsten Gründerinnen und Gründer autonom über ihren Exit entscheiden können. Völlig unabhängig ist eigentlich nur die kleine Minderheit der sogenannten Bootstrapper, die ihr Startup grösstenteils oder sogar gänzlich ohne Fremdkapital aufbauen. Sobald externe Investorinnen und Investoren an Bord sind, werden diese massgeblich über den Exit-Zeitpunkt und die Modalitäten mitentscheiden wollen.

Grundsätzlich ist es für Gründerinnen und Gründer ratsam, mit ihren Finanzierungspartnern klare Exit-Strategien und Zeitpläne zu vereinbaren. Doch Gründerinnen und Gründer sollten den Eindruck vermeiden, dass sie möglichst rasch Kasse machen wollen, denn Investoren wollen in Gründer investieren, die langfristig denken und die mehr treibt, als nur der wirtschaftliche.

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