News aus der Kryptowelt
Die Bitcoin-Treasury-Gesellschaft Strategy verunsichert den Markt. Aber das Vorgehen von Saylor ist stringent. +++ Dazu: Gracy Chen: «Bis 2030 werden 10 Prozent aller globalen Finanzanlagen tokenisiert sein.»
5. Juni 2026 • Werner Grundlehner

Für viele Kritiker ist dies der Beweis, dass der Bitcoin – und mit ihm die gesamte Kryptobranche – in einer existenziellen Krise steckt. Michael Saylor, der Ende Februar vergangenen Jahres, als der Bitcoin um mehr als 10 Prozent auf rund 84'000 Dollar einbrach, noch erklärte: «Verkauf eine Niere, wenn du musst, aber behalte deine Bitcoins», hat inzwischen selbst Bitcoin-Bestände abgestossen. Als die Kryptowährung Ende Mai unter die Marke von 70'000 Dollar fiel, verkaufte sein Unternehmen Strategy 32 Bitcoins.

In einem Markt, der stark verunsichert ist, sorgte das für weitere Zweifel. Denn in den vergangenen Wochen war Strategy teilweise der einzige bedeutende Käufer am Markt gewesen. Zudem entsprechen diese 32 Bitcoins nur 0,004 Prozent des Bitcoin-Bestandes von Strategy. Dürften also die Finanzlage nicht ansatzweise verändern. Wieso also diese Transaktion?

Signal an Agenturen

«Strategy hat die 32 Bitcoin verkauft, um dem Kapitalmarkt und insbesondere den Rating-Agenturen zu signalisieren, dass sie ihren Bitcoin-Stack auch zur Bedienung der Preferred-Dividenden nutzen können - obwohl sie dies nicht müssen», sagt Pascal Eberle, Chief of Staff bei der Sygnum Bank, der sich vertieft mit der Strategie von Strategy auseinandersetzt.

Bisher hätten die Rating-Agenturen – konkret S&P, die Strategy im Oktober 2025 ein B- Rating für Kreditwürdigkeit zugewiesen haben – den über 50 Milliarden Dollar schweren Bitcoin-Bestand des Unternehmens mit 0 Dollar bewertet. «Der Bitcoin-Verkauf entkräftet diese Logik und dürfte die Chancen auf ein besseres Rating erhöhen», fügt Eberle an. Der Verkauf stehe auch im Einklang mit dem, was Strategy im Earnings-Call für das erste Quartal angekündigt habe – nämlich Bitcoin zu verkaufen, wenn es opportun sei.

«iPhone Moment»

Um das genauer zu verstehen, muss man vielleicht nochmals das Geschäftsmodell von Strategy kurz darlegen. Wer in Strategy-Aktien (Nasdaq-Kürzel MSTR) investiert, erwirbt einen Anteil am ursprünglichen und weiterhin operativen Software-Geschäft sowie am riesigen Bitcoin-Bestand des Unternehmens. Mit der Vorzugsaktie STRC (Variable Rate Series A Perpetual Stretch Preferred Stock) hat Strategy ein Finanzhybridprodukt geschaffen, das darauf ausgelegt ist, die Nachfrage der Anleger nach verzinsten Wertpapieren in den Aufbau eines Bitcoin-Bestands umzuwandeln.

Michael Saylor bezeichnet es als den «iPhone-Moment» des Unternehmens. Es ermöglicht, Kapital von Anleger zu beschaffen, die regelmässige Einkommen anstreben, ohne die Stammaktionäre zu verwässern. Traditionelle Vorzugsaktien leiden unter starken Kursschwankungen, wenn sich die Zinssätze ändern. STRC lösen dieses Problem, indem für die Aktien ein Kurswert von 100 Dollar angestrebt wird.

Regulierung gegen 100 Dollar

Um diese Kursbindung zu verteidigen, passt Strategy die Dividendenrendite monatlich dynamisch in Schritten von bis zu 0,25 % an. Angestrebt wird eine Dividende von 11,5%. Fällt der Marktpreis unter 100 $, wird der Satz angehoben, um Käufer anzulocken; steigt er darüber, wird er gesenkt. Wenn die Marktnachfrage den Kurs deutlich über das 100-Dollar-Ziel treibt, besteht eine «weiche» Obergrenze, ab welcher Anteile zu 101 Dollar zurückgekauft oder aggressiv neue Anteile ausgegeben werden.

Auf der Website von Strategy landet der Besucher zuerst auf zahlreichen Zahlentabellen zu den Aktien MSTR und STRC. Da erfährt man, dass die Aktie STRC auf 94.65 Dollar notiert und eine Rendite von 11,5% aufweist. Die Website zeigt zudem, dass die Bitcoin-Reserven momentan für über 31 Jahre ausreichen würden, die aktuellen Dividendenverpflichtungen zu begleichen. Die Cash-Reserven würden dagegen für diesen Zweck etwas über 6 Monate reichen. Die Treasury Gesellschaft, die mittlerweile von zahlreichen Nachahmern imitiert wird, weist momentan einen Bitcoin-Bestand von 843’706 Coins mit einem Wert von 53,8 Milliarden Dollar auf.

Die Konkurrenten müssen wegen deutlich tieferer Bitcoin-Guthaben, weniger Bekanntheit und kürzerer Historie höhere Dividenden auf ihren Vorzugsaktien vergüten. Die Vermutung, dass Strategy bald wieder Bitcoins zukauft, dürfte nicht allzu gewagt sein. Zudem deutet sich an, dass wegen des gedrückten Kurses von STRC die Verzinsung auf den Vorzugsaktien steigen wird – was neue Investoren anziehen dürfte.


«Bis 2030 werden 10 Prozent aller globalen Finanzanlagen tokenisiert sein»

Die Tokenisierung von Real-World Assets (RWA) wird nach Ansicht von Bitget-CEO Gracy Chen, vom Experiment zum regulierten Marktsegment werden. Chen sieht drei Treiber: Die breite Akzeptanz von Dollar-Stablecoins, die klaren Effizienz-Vorteil der Blockchain-Technologie und die aktive Einführung tokenisierter Aktien durch Institutionen wie Nasdaq und die New York Stock Exchange. «Ich gehe davon aus, dass innerhalb der nächsten vier bis fünf Jahre etwa 10 Prozent aller globalen Finanzanlagen in tokenisierter Form existieren werden. Getragen von einer starken institutionellen Akzeptanz könnte dies zu einem Basis-Szenario von 3,5 Billionen Dollar an On-Chain-Vermögenswerten führen», schreibt die CEO. Mit der vollständigen Integration von Staatsanleihemärkten, Private Credit und Immobilien seine in den kommenden zehn Jahren sogar bis zu 10 Billionen US-Dollar denkbar.»

Die Bitget-CEO verweist auch auf das jüngste Wachstum von tokenisierten Assets, die weltweit von 5,4 Milliarden Dollar im Jahr 2023 auf aktuell über 33 Milliarden Dollar angewachsen sind. Parallel dazu hätten tokenisierte kotierte Aktien ihr Volumen innerhalb eines Jahres von rund 32 Millionen Dollar auf über 1 Milliarde gesteigert. Zusätzlichen Rückenwind erhalte die Entwicklung durch den Stablecoin-Markt, der nach einem Wachstum von 49 Prozent im Jahr 2025 inzwischen ein Volumen von rund 323 Milliarden US-Dollar erreicht habe. Die Tokenisierung habe das Potenzial, den Zugang zu globalen Kapitalmärkten deutlich zu erweitern, erklärt die Bitget-CEO. Privatanleger profitierten von Bruchteilseigentum und einem weltweiten 24/7-Handel. Mit der Reifung tokenisierter Wertpapiermärkte dürfte sich die Trennlinie zwischen Krypto-Börsen, traditionellen Brokern und Kapitalmarktanbietern zunehmend verwischen. Die Tokenisierung könnte die Infrastruktur der globalen Kapitalmärkte nachhaltig verändern.

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