Herr Bourrousse, was geht Ihnen als CEO von Scor Investment Partners durch den Kopf, wenn Sie diese hohen Temperaturen sehen, die in Europa und auch in Frankreich in diesen Wochen gemessen werden?
Es ist wichtig, nicht jedes einzelne Wetterereignis unmittelbar mit den Risiken in unseren Instrument-Linked Securities (ILS) Portfolios gleichzusetzen. Unsere wichtigsten Risiken sind Hurrikane und Erdbeben – also sogenannte Primärrisiken in Regionen mit hoher Versicherungsdurchdringung. Dennoch spielt der Klimawandel für uns eine zentrale Rolle. Wir beobachten weniger eine Zunahme der Anzahl grosser Hurrikane als vielmehr Veränderungen bei ihrer Intensität. Deshalb passen wir unsere Modelle und Portfolios laufend an, damit sie auch stärkeren Schadenereignissen standhalten und selbst schwerere Verlustszenarien verkraften können. Wichtig ist zudem, dass gewisse Risiken – etwa Erdbeben – nicht unmittelbar mit dem Klimawandel zusammenhängen.
Welche Naturgefahren bereiten Ihnen derzeit die grössten Sorgen
Besonders aufmerksam verfolgen wir sogenannte Sekundärrisiken wie Überschwemmungen, Waldbrände, Tornados oder sogenannte konvektive Stürme. Diese Ereignisse werden durch den Klimawandel stärker beeinflusst und sind deutlich schwieriger zu modellieren als klassische Hurrikan- oder Erdbebenrisiken. Deshalb begrenzen wir diese Engagements und investieren selektiv mit Fokus auf eine breite Diversifikation.
Das heisst konkret?
Wir investieren nur in Risiken, die wir sehr gut verstehen und modellieren können. Gleichzeitig überprüfen wir unsere Annahmen laufend und investieren erhebliche Ressourcen in die Weiterentwicklung unserer Modelle. Unser Ziel ist nicht, Risiken zu vermeiden, sondern sie realistisch einzuschätzen und Portfolios aufzubauen, die auch grössere Schocks verkraften können.
Was ist das grösste Fehlerrisiko Ihrer Modelle?
Das grösste Risiko besteht darin, dass die zugrunde liegenden Informationen – etwa über die versicherten Gebäude – unvollständig oder ungenau sind. Schwieriger zu modellieren sind zudem die Sekundärrisiken wie Überschwemmungen, Waldbrände oder Tornados. Sie sind sehr lokal und werden vom Klimawandel sowohl hinsichtlich ihrer Häufigkeit als auch ihrer Intensität stärker beeinflusst.
Welche Rolle spielt künstliche Intelligenz bei der Risikomodellierung
Eine immer grössere. Wir sehen bereits KI-Modelle, die beispielsweise die Zugbahnen von Hurrikanen sehr präzise vorhersagen können. Gleichzeitig hilft uns KI bei der Analyse grosser Dokumentenmengen und komplexer Vertragsstrukturen. Das beschleunigt unsere Arbeit erheblich. Entscheidend bleibt aber das Fachwissen unserer Analysten. KI ist ein Werkzeug, das unsere Entscheidungen unterstützt, aber sie nicht ersetzt.
Katastrophenanleihen oder eben Cat Bonds haben in den vergangenen Jahren aussergewöhnlich hohe Renditen erzielt. Wie nachhaltig ist das?
Der Markt ist zyklisch. 2023 und 2024 waren aussergewöhnlich starke Jahre, 2025 ebenfalls. Dahinter steht vor allem die steigende Nachfrage nach Rückversicherungsschutz. Wir befinden uns derzeit in einer Normalisierungsphase des Zyklus, in der sich die Renditen wieder ihrem langfristigen Gleichgewicht annähern. Natürlich kann jederzeit eine Naturkatastrophe eintreten und dieses Gleichgewicht beeinflussen.
Wie funktionieren Cat Bonds eigentlich?
Das Prinzip ist einfach: Anleger stellen Kapital für drei bis fünf Jahre als Sicherheit zur Verfügung und erhalten dafür eine Risikoprämie. Tritt während der Laufzeit keine definierte Naturkatastrophe ein, erhalten sie ihr Kapital vollständig zurück. Kommt es zu einem versicherten Ereignis, wird das Kapital ganz oder teilweise zur Schadendeckung eingesetzt. Genau deshalb kommt der Auswahl einzelner Transaktionen und einer breiten Diversifikation eine entscheidende Bedeutung zu.
Warum interessieren sich institutionelle Investoren überhaupt für diese Anlageklasse?
Der entscheidende Vorteil ist die geringe Korrelation zu den Finanzmärkten. Naturkatastrophenhängen nicht von der Konjunktur oder den Aktien- oder Anleihenmärkten ab. Gerade in Phasen wie 2022, als klassische Anleihen deutlich an Wert verloren, haben Cat Bonds ihre stabilisierende Wirkung im Portfolio unter Beweis gestellt.
Cat Bonds haben in den vergangenen Jahren stark zugelegt. Erleben wir derzeit einen Boom?
Der Markt wächst seit Jahren kontinuierlich. Einerseits wollen Versicherer und Rückversicherer immer mehr Extremrisiken an den Kapitalmarkt übertragen. Andererseits entdecken immer mehr institutionelle Anleger Cat Bonds als Diversifikationsinstrument. Das hat den Markt deutlich grösser gemacht. Besonders stark war die Entwicklung nach 2022. Damals führten steigende Zinsen und hohe Schadenereignisse – etwa Hurrikan Ian – dazu, dass Rückversicherungsschutz deutlich teurer wurde. Dadurch stiegen auch die Risikoprämien für Cat Bonds. Das machte die Anlageklasse für Investoren besonders attraktiv.
Wie gross ist dieser Markt inzwischen?
Gemessen am globalen Rückversicherungsmarkt ist er noch relativ klein. Weltweit stehen etwas mehr als 800 Milliarden US-Dollar an Rückversicherungskapital zur Verfügung. Rund 20 Prozent davon stammen inzwischen aus alternativem Kapital, also beispielsweise aus Cat Bonds oder anderen Insurance-linked Securities. Dieser Anteil wächst kontinuierlich.
Wie hoch sind die Risiken für Anleger?
Man muss unterscheiden zwischen einzelnen Schadenereignissen und einem breit diversifizierten Portfolio. Statistisch liegt der erwartete Verlust eines Cat-Bond-Portfolios bei etwa zwei bis drei Prozent. Einzelne Verträge können natürlich deutlich riskanter sein. Unsere Aufgabe besteht darin, schlecht strukturierte Risiken zu vermeiden und ein Portfolio zusammenzustellen, das auch grössere Ereignisse verkraften kann.
Welche Rolle spielt dabei die Diversifikation?
Sie ist entscheidend. Kein professioneller Investor sollte nur in einen einzelnen Cat Bond investieren. Wir kombinieren unterschiedliche Regionen, Gefahren und Emittenten. Dadurch kann ein einzelnes Schadenereignis zwar Spuren hinterlassen, das Gesamtportfolio aber nicht dominieren. Genau dafür gibt es spezialisierte Asset Manager.
Was denken Cat Bonds neben Naturgefahren heute noch ab?
Der Schwerpunkt liegt weiterhin auf klassischen Naturkatastrophen. Es gibt zwar erste Transaktionen im Bereich Cyberrisiken oder anderen versicherbaren Ereignissen, doch dieser Markt ist noch sehr jung. Wir konzentrieren uns bewusst auf Naturkatastrophen, weil wir diese Risiken am besten verstehen und modellieren können.
Scor Investment Partners ist seit 2023 mit einem eigenen Team in Zürich präsent. Weshalb ist die Schweiz für Sie so wichtig?
Eigentlich begann unsere Geschichte in der Schweiz schon deutlich früher. Wir arbeiten seit mehr als zehn Jahren mit Schweizer institutionellen Investoren zusammen. 2023 haben wir entschieden, eine dauerhafte Präsenz in Zürich aufzubauen, um näher bei unseren Kunden zu sein. Heute stammen knapp 40 Prozent unserer extern verwalteten Vermögen aus der Schweiz. Damit gehört der Schweizer Markt neben Frankreich zu unseren wichtigsten Märkten.
Warum stossen Cat Bonds gerade bei Schweizer Investoren auf Interesse?
Die Schweiz verfügt über ein sehr gut entwickeltes institutionelles Anlageumfeld. Viele Pensionskassen beschäftigen sich schon seit Jahren mit alternativen Anlagen. Hinzu kommt ein starkes Netzwerk spezialisierter Anlageberater, die Pensionskassen bei der strategischen Asset Allocation begleiten. Dadurch sind Insurance-linked Securities hier deutlich bekannter als in vielen anderen europäischen Ländern.
Ist dieser Markt inzwischen ausgereizt?
Nein. Wir sehen weiterhin neue Allokationen. Gleichzeitig stellen wir fest, dass Cat Bonds bei Schweizer Investoren bereits gut verstanden werden. Das grösste Wachstumspotenzial sehen wir deshalb inzwischen in anderen Bereichen unseres Angebots.
Louis Bourrousse
Der Franzose ist seit November 2023 Chief Executive Officer von SCOR Investment Partners. Er kam 2013 zu SCOR und übernahm dort verschiedene Führungspositionen in den Bereichen Strategie, Investments und Geschäftsentwicklung. Zuvor war er als Investmentbanker mit Schwerpunkt Fusionen und Übernahmen bei Oddo BHF und Nomura tätig. Bourrousse ist Absolvent der École Polytechnique und verfügt über einen Masterabschluss in Finance der ENSAE ParisTech.
Wo liegen diese Wachstumschancen?
Vor allem bei Liquid Credit, also liquiden Kreditstrategien. In den vergangenen Jahren standen Private Credit und Private Equity im Mittelpunkt. Heute beobachten wir jedoch, dass institutionelle Anleger die Bedeutung von Liquidität neu bewerten. Entsprechend steigt das Interesse an syndizierten Unternehmenskrediten (Syndicated Loans beziehungsweise European Leveraged Loans). Diese bieten attraktive risikobereinigte Renditen, sind aber im Gegensatz zu klassischen Private-Debt-Anlagen über einen Sekundärmarkt handelbar. Unser Flaggschiff-Fonds verfügt deshalb über einen täglichen Nettoinventarwert (NAV).
Welche Renditen lassen sich dort derzeit erzielen?
Im Bereich syndizierter Unternehmenskredite bewegen sich die Renditen in Euro bei etwa 5 bis 7 Prozent, aktuell eher zwischen 5,5 und 6,5 Prozent. Seit dem Ende der Negativzinsphase hat sich das Umfeld für Fixed-Income-Anlagen deutlich verbessert. Wir glauben deshalb, dass qualitativ hochwertige Kreditstrategien wieder eine wichtigere Rolle in institutionellen Portfolios spielen werden.
Sie sehen auch Chancen bei Infrastrukturfinanzierungen. Weshalb?
Infrastrukturkredite werden häufig unterschätzt. Viele Anleger denken zuerst an Infrastruktur-Eigenkapital. Dabei lassen sich auch mit Fremdkapital attraktive und stabile Erträge erzielen. Gleichzeitig weisen Infrastrukturinvestitionen häufig langfristige Verträge und inflationsgeschützte Cashflows auf. Das macht sie für langfristig orientierte Investoren interessant. Im Rahmen der BVV2-Regulierung bieten Infrastrukturkredite Schweizer Pensionskassen zudem einen risikoeffizienteren Zugang zu Infrastruktur als Infrastruktur-Eigenkapital.
Welche Projekte finanzieren Sie konkret?
Unsere Schwerpunkte liegen in drei Bereichen: erneuerbare Energien wie Wind- und Solarparks, digitale Infrastruktur mit Glasfasernetzen und Rechenzentren sowie Verkehrsprojekte. Wir konzentrieren uns bewusst auf Fremdkapitalfinanzierungen und bauen breit diversifizierte Portfolios auf. Wir differenzieren uns durch einen bewusst selektiven Ansatz und investieren häufig als alleiniger institutioneller Investor oder im Rahmen exklusiver Club Deals.
Beobachten Sie derzeit auch Veränderungen bei den geografischen Präferenzen institutioneller Anleger?
Ja. Viele Investoren hinterfragen derzeit ihre globale Allokation. In den vergangenen Jahren floss ein grosser Teil der Mittel automatisch in globale Strategien mit einem hohen US-Anteil. Heute hören wir häufiger den Wunsch, Europa wieder stärker separat abzudecken und die Gewichtung bewusster zu steuern. Davon profitieren spezialisierte europäische Strategien.