Das ist jetzt keine Revolution von Revolut. Die britische Neo-Bank hat diese Woche einen Euro-Stablecoin lanciert. Der Euro-gebundene und MiCA-regulierte Token EURR startet vorerst für eine begrenzte Kundengruppe in Dänemark, Polen und Portugal. Im laufenden Jahr ist eine Ausweitung auf den gesamten Europäischen Wirtschaftsraum geplant. Emittiert wird EURR von Bridge, einem Stablecoin-Infrastrukturunternehmen, das Stripe gehört. Stripe hält und verwaltet die Reserven, die den Token decken. Der lässt sich direkt in der Revolut-App nutzen und soll auf mehreren Blockchains und externen Wallets unterstützt werden. Zunächst geht der neue Stablecoin auf Ethereum live.
Das ist ein überzeugendes Setting. Das Problem ist ein anderes. Der Beobachter hat das Gefühl, dass mittlerweile fast wöchentlich Staaten, Banken und Kryptodienstleister neue Stablecoins ankündigen oder bereits lancieren. Die Website Coinmarketcap.com listet bereits 26 Euro-Stablecoins auf und zahlreiche stehen kurz vor der Lancierung. Der Elefant im Raum ist dabei Qivalis: Ein von einem grossen europäischen Bankenkonsortium – das mittlerweile fast 40 Grossbanken umfasst – entwickeltes Projekt für einen vollständig regulierten, 1:1 durch den Euro gedeckten Stablecoin, der in der zweiten Jahreshälfte 2026 auf den Markt kommen soll.
Hauseigene Währung senkt Transaktionsgebühren
Auch zahlreiche globale Unternehmen wie Klarna, Amazon, Walmart und Donald Trumps World Liberty Financial haben ihre «individuelle» Währung in Umlauf gebracht. Das vorrangige Ziel ist es, die geschätzten globalen Transaktionsgebühren in Höhe von 120 Milliarden Dollar zu senken, die jährlich durch grenzüberschreitende Zahlungen anfallen. Das soll insbesondere dadurch geschehen, dass Intermediäre und das Netzwerk der Society for Worldwide Interbank Financial Telecommunications (SWIFT) umgangen werden.
Doch bisher finden Transaktionen in Stablecoins vor allem in Dollar statt. Der Krypto-Dienstleister Coingecko.com führt eine Liste mit 397 Dollar-Stablecoins. Das Segment wird von Tether und USD-Coin mit einer Marktkapitalisierung von 183 Milliarden Dollar und 74 Milliarden Dollar klar beherrscht. Der drittgrösste Coin bringt es noch auf 9 Milliarden Dollar. Auch Zahlungsdienstleister wie PayPal und Ripple betreiben eigene Dollar-Stablecoins.
Europäer mit minimalem Anteil
«Stablecoins sind im Zahlungsverkehr tatsächlich ein Trend der Stunde, kaum ein Finanzdienstleister ist nicht in irgendeiner Form an den Innovationsprojekten beteiligt. Stablecoins versprechen Nutzern preiswerten und effizienten grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr und können die Kundenbindung stärken», sagt Jan-Michael Steiner vom Beratungsunternehmen Capco. Wir erlebten derzeit eine wahre Flut an neuen Lösungen, mit Revolut als jüngstem Akteur. So stehen gemäss Steiner nun allein im MiCA-Register inzwischen 23 zugelassene Emittenten mit 43 Tokens. Weltweit gebe es wohl eine dreistellige Zahl von Coins – bei einem Gesamtmarkt von 308 Milliarden Dollar, an dem Tether allein 59 Prozent halte. «Europäische Lösungen haben jedoch bislang nur einen minimalen Anteil», sagt der Capco-Experte.
«Die Frage ist weniger, ob es noch einen weiteren Stablecoin braucht, sondern welche Rolle ein Euro-Stablecoin in der digitalen Finanzinfrastruktur grundsätzlich spielen sollte – sowohl auf europäischer als auch auf globaler Ebene», sagt Jan-Oliver Sell, CEO von Qivalis, dem eingangs erwähnten Stablecoin des grossen europäischen Bankenkonsortiums. Heute werde der Stablecoin-Markt klar vom Dollar dominiert: mehr als 98 Prozent des Stablecoin-Marktvolumens sind gemäss Sell Dollar-basiert. Für Europa bedeute das eine strukturelle Abhängigkeit von einer Infrastruktur, die auf eine andere Währung und aussereuropäische Anbieter ausgerichtet ist.
Europa braucht Unabhängigkeit
Der Qivalis-CEO legt dar, wieso Europa im Stablecoin-Bereich aufholen müsse: «Immer mehr Zahlungen, Kapitalmarkttransaktionen und digitale Vermögenswerte werden auf der Blockchain abgewickelt. Und wer als Unternehmen im Euroraum on-chain abwickelt, trägt damit sofort ein Währungsrisiko und begibt sich in Abhängigkeiten von Zahlungssystemen ausserhalb europäischer Aufsicht. Europa läuft damit Gefahr, dauerhaft auf eine dollarbasierte Infrastruktur angewiesen zu bleiben».
Es braucht gemäss Sell eine eigene, Euro-basierte On-Chain-Infrastruktur: «einen Euro für Zahlungen und Settlement, der on-chain mit ausreichend Liquidität verfügbar ist, statt den Umweg über den Dollar zu nehmen». Ein nativer Euro-Stablecoin schaffe eine eigene digitale Zahlungs- und Settlement-Schiene und könne damit nicht nur Effizienzgewinne ermöglichen, sondern auch die strategische Autonomie Europas stärken. «Es braucht also europäische, regulierte Alternativen zu USD-Stablecoins, die speziell auf die Anforderungen des europäischen Finanzmarktes zugeschnitten sind», sagt der CEO. Genau daran arbeite Qivalis.
Viele Projekte haben zu kämpfen
Klar ist gemäss Jan-Michael Steiner: «Liquidität und Skalierung sind die grossen Herausforderungen für die neu angestossenen Projekte». Realistisch gesehen sei diese Vielzahl an Coins sicherlich nichts, was der Markt wirklich erfordere. Selbst prominente Vorstösse wie der von PayPal würden noch stark damit kämpfen, sich gegen die Stablecoin-Platzhirsche zu behaupten.
Die Projekte fokussieren dabei gemäss Capco-Experte auf unterschiedliche Anwendungsgebiete: Unterscheiden könne man z.B. geschlossene Settlement-Tokens, hier ist JP Morgan ein prominentes Beispiel, welche für Treasury- und Abwicklungsprobleme genutzt werden, Konsortial-Coins (etwa Qivalis), die über ein wachsendes Bündnis gemeinsame Liquidität schaffen, und klassische Retail-Coins wie nun der EURR von Revolut.
Es locken Zinseinnahmen
Für die Finanzindustrie locken Stablecoins vor allem mit – derzeit stattlichen – Zinseinnahmen: Die zinslosen, digitalen Token binden Vermögen, die hinterlegten echten Gelder lassen sich teilweise in sichere, zinstragende Anlagen wie Staatsanleihen investieren und erzielen damit Renditen. «Wer nicht auf eine eigene Lösung setzt, stattdessen etwa auf USDC, riskiert strategische Unabhängigkeit und das volle Potential der Monetarisierung», sagt Steiner.
Doch Steiner sieht Vorteile an neu auftretenden Konkurrenten wie Revolut: «Die schiere Zahl neuer Nutzer, die ein Anbieter wie Revolut perspektivisch ins Feld führen kann, hilft, Stablecoins ins Bewusstsein der Bankkunden zu bringen – nicht nur von Treasurern und Kryptoenthusiasten. Das kann den Markt nachhaltig verschieben und dürfte Rivalen wie Circle, die ja zusätzlich auch auf EURC setzen, alarmieren».