Eine Gruppe will den Bitcoin auf die Kernmission zurückbringen – und scheitert krachend

Die Blockchain-Abspaltung sollte den Bitcoin von Spam befreien – braucht es ein Redesign?

Eine Gruppe will den Bitcoin auf die Kernmission zurückbringen – und scheitert krachend
Photo by Shubham Dhage / Unsplash

Die Fork gab in der Branche seit längerem Anlass zu hitzigen Diskussionen. Am 8. August hat sich die BIP-110-Blockchain abgespalten. Der Name stammt vom «Bitcoin Improvement Proposal 110». Am 3. Dezember 2025 wurde der technische Vorschlag zur Änderung des Protokolls publiziert. Hauptziel der technischen Änderung war die Eindämmung von vermeintlichem Spam. Die Befürworter wollten verhindern, dass unkontrollierte Bild- und Textdaten das Netzwerk belasten und den ursprünglichen Zweck als reine Geldinfrastruktur gefährden. Unter Spam verstehen die Initianten willkürliche, nicht-finanzielle Daten wie etwa Bilder, Texte aus Ordinals-Inscriptions, BRC-20-Token und Runes (ein Protokoll für die Verwaltung von fungiblen Token auf der Blockchain).

«Es gibt durchaus zu viel Spam auf der Blockchain. Ich war nie Fan davon, dass man NFT und Co. auf die Chain brachte. Da hätte ich immer eine Off-Chain-Lösung angestrebt», sagt Joël Kai Lenz von der Bitcoin-App Relai. Er wisse nicht, ob das Problem nun gelöst ist. Beide Seiten hätten immer wieder Argumente gebracht, die ins Unendliche gehen.

Das grundsätzliche Anliegen ist berechtigt, sagt auch Wolfgang Vitale, Crypto Protocol Experte bei Bitcoin Suisse. «Bitcoin muss Spam begrenzen, um richtig zu funktionieren. Die gute Nachricht ist: Konsensregeln, Transaction-Relay-Policy und kryptoökonomisches Design waren dabei historisch erfolgreich. Die Kernfunktion, das Versenden von Bitcoin, wurde nie durch zu hohe Gebühren verdrängt und die Hardware-Anforderungen für den Betrieb eines Nodes sind nicht prohibitiv geworden», fügt er an.

Zahlreiche Anliegen

Dennoch lässt sich Spam gemäss Vitale nie dauerhaft eliminieren und jeder Vorschlag, der hier substanziell helfen könne, verdiene Beachtung. Die von BIP-110 vorgeschlagenen Änderungen an den Konsensregeln waren nach seiner Meinung allerdings keine gute technische Lösung für dieses Problem und genau deshalb fanden sie keinen Konsens. «Gegen die schlimmste Form von Spam, jene, die explizit darauf abzielt, Bitcoin anzugreifen, wäre BIP-110 wirkungslos geblieben. Für Projekte, die Bitcoin über das Aufbewahren und Versenden von BTC hinaus nutzen, wäre er bestenfalls ein kurzfristiges Ärgernis gewesen», fügt er an. Es sei unrealistisch, die Konsensregeln laufend anzupassen, um neue Umgehungswege zu schliessen, die sich besser über die Transaction-Relay-Policy adressieren liessen.

Fairerweise müsse man sagen: BIP-110 adressiere auch andere Anliegen – eine kulturelle Abkehr vom wahrgenommenen Zweck von Bitcoin, eine angebliche Vereinnahmung des Protokolls durch die Bitcoin-Core-Entwickler sowie rechtliche Risiken, die daraus entstehen, dass es standardisierte Wege gibt, grosse zusammenhängende Datenmengen in einer Transaktion zu speichern, fügt der Bitcoin-Suisse-Experte an.

Blockchain faktisch schon tot

Ein BIP ist ein formaler Vorschlag zur Verbesserung des Bitcoin-Protokolls. Solche Vorschläge werden in der Bitcoin-Entwicklergemeinschaft diskutiert und müssen von Minern, Nodes und Nutzern breit unterstützt werden, um Wirkung zu entfalten. Setzt eine Minderheit – wie beim BIP 110 – einen solchen Vorschlag eigenmächtig durch, kann es zu einem sogenannten Hard Fork kommen, bei dem sich die Blockchain in zwei separate Netzwerke aufteilt. Die neue Chain ist in diesem Fall technisch inkompatibel mit der ursprünglichen und muss sich ihre eigene Nutzer- und Miner-Basis aufbauen.

Hätte die Mehrheit der Mining-Hashrate die vorgeschlagene Änderung der Konsensregeln mitgetragen, wäre es zu einer Soft Fork gekommen, einer Anpassung des bestehenden Protokolls. Der Vorschlag gewann jedoch nie an Dynamik und erhielt nur rund 2,6 Prozent der Miner-Unterstützung und es kam zu einer Abspaltung. Die neue Fork-Blockchain kam nach dem Minen von zwei Blocks zum Stillstand, während das Bitcoin-Netzwerk wie gewohnt weiterläuft. Damit ist die BIP-110-Blockchain faktisch tot, auch wenn sie weiter besteht. Miner haben keinen Anreiz, auf einer inaktiven Chain nach Blöcken zu suchen. Dazu müssten sie nämlich teure Rechenleistung einsetzen, und das ohne Belohnung auf der ökonomisch relevanten Blockchain. Bis zur nächsten Schwierigkeitsanpassung müssten noch über 2000 Blöcke auf der BIP-110-Blockchain gefunden werden, was in diesem Tempo Jahre dauern würde.

Nicht mit Maximalforderung starten

Bei so wenig Unterstützung fragt man sich, wieso die Initianten das Projekt trotz absehbarem Scheitern durchgezogen haben. «Die meisten Initianten und Wortführer von BIP-110 haben stets grosse Zuversicht signalisiert, dass der Soft Fork gelingen werde», sagt Vitale. Man könne nicht eine böse Absicht unterstellen.

Einige hielten gemäss Bitcoin-Suisse-Experten die Erfolgschancen wohl für gering, hatten aber dennoch gute Gründe weiterzumachen. Etwa die Überzeugung, dass allein die Aufmerksamkeit hilft, die erwähnten Anliegen zu adressieren. Oder dass es ein guter erster Schritt wäre, um Unterstützung für einen späteren Hard Fork zu sammeln. Ein Hard Fork war ja bereits explizit als Weg genannt worden, um eine BIP-110-Chain sauber von der bestehenden Bitcoin-Chain abzuspalten. Er wurde als unwahrscheinliches Szenario dargestellt. Es ist aber gemäss Vitale möglich, dass genau dies von Anfang an der Plan war und es taktisch sinnvoll erschien, öffentlich mit einem deutlich weniger kontroversen Soft-Fork-«Upgrade» zu beginnen, statt sofort einen Chain Split zu fordern.

Vom Weg abgekommen?

Der Kopf hinter BIP 110 ist Luke Dashjr, ein erfahrener und anerkannter Bitcoin-Entwickler. Er bemängelte, dass das Aufkommen des Ordinals-Protokolls im Jahr 2023, das die Prägung einer Form von NFTs auf Bitcoin ermöglichte, und der Runes ein Jahr später, die etwas Ähnliches für fungible Tokens taten, die Bitcoin-Blockchain von ihrer Kernmission abbringen würden. Dashjr erlangte in Bitcoin-Kreisen grosse Anerkennung, weil er mithalf, die unbeabsichtigte Hard Fork im Jahr 2013 zu beheben, und weil er alternative Bitcoin-Knoten aufrechterhielt.

Von Dashjr wird auch die Aufhebung der 80-Byte-Grenze für an Transaktionen anhängbare Daten durch sogenannte «Inschriften» stark kritisiert. Er warnte, dass die Lockerung der Datenbeschränkungen das Netzwerk mit dem, was er Spam nennt, verstopfen und Bitcoin von seinem Kernzweck als dezentralisierte digitale Währung ablenken würde.

Die Kritiker des BIP-110 bemängelten vor allem die Einschränkung der Netzneutralität und das Risiko einer erzwungenen Protokollspaltung. Bekannte Bitcoiner wie Michael Saylor und Adam Back warnten, dass das Protokoll nicht entscheiden sollte, welche Transaktionen erwünscht sind. Wer für den Blockspace bezahle, müsse selbst über die Nutzung bestimmen; andernfalls schaffe dies ein gefährliches Einfallstor für Zensur. Das schien zu überzeugen, kaum ein Miner schwenkte um.

Eine Vielzahl von Forks

Das Scheitern von BIP-110 ist kein Einzelfall. In der Geschichte von Bitcoin gab es mehr als 100 Versuche, das Netzwerk oder den Code abzuspalten. Von allen Versuchen haben nur etwa 70 bis 75 Forks jemals eine funktionsfähige Blockchain mit eigenen Nodes und Mining aufgebaut – aber auch von diesen ist die überwiegende Mehrheit heute bedeutungslos. Einen regelrechten «Fork-Hype» gab es in den Jahren 2017 und 2018, nach der erfolgreichen Abspaltung von Bitcoin Cash im August 2017.

Sind solche Forks auch ein Misstrauensantrag an den Bitcoin, der seit Monaten fällt oder seitwärts dümpelt? Das gehört gemäss Lenz zur Entwicklung von einem Ökosystem dazu: «Leute haben Ideen, bei Bitcoin kann man das mit BIPs vorschlagen und dann wird geklärt, ob diese angenommen und verwendet werden.» Der Relai-Manager glaubt, dass wir ähnliche Vorgehensweisen noch auf verschiedenen Ebenen sehen werden.

Wolfgang Vitale fügt an: «Kontroverse Forks sind ein Zeichen von Uneinigkeit unter den Stakeholdern von Bitcoin. BIP-110 hatte praktisch kein ökonomisches Gewicht, erhielt aber sehr viel Aufmerksamkeit, weil er sehr grundsätzliche und emotional stark aufgeladene Fragen zum Zweck von Bitcoin berührte.» Er erwarte künftig nicht viele solcher kontroversen Fork-Situationen. Die übrigen Debatten in der Entwickler-Community seien rein technischer Natur und dürften kaum dasselbe Mass an Aufmerksamkeit auf sich ziehen. «Wir werden weitere Soft Forks sehen, aber praktisch keine Gefahr eines Chain Splits», sagt er. Eine Ausnahme könnten Entscheide rund um die Post-Quanten-Migrationsstrategie sein, insbesondere die Frage, wie mit unwiederbringlich verlorenen Coins umzugehen ist, darunter höchstwahrscheinlich auch «Bitcoin-Erfinder» Satoshis eigene Coins.

Hohe Hürde macht Bitcoin stark

Angesichts solch grosser öffentlicher Streitereien fragt sich der Bitcoin-Investor aber schon: Braucht die etablierte Blockchain ein Update? «Brauchen» sei ein starkes Wort, bei Änderungen am Bitcoin-Konsens ist es gemäss Vitale aber genau das richtige. «Bitcoin ist heute so stark erstarrt, dass Änderungen an den Regeln, die eine Transaktion gültig machen, nur noch möglich sind, wenn sie ein existenzielles Risiko adressieren oder überzeugend spürbare Vorteile ohne Trade-offs bringen. Die Hürde für einhellige Zustimmung aller Stakeholder liegt inzwischen extrem hoch und genau das stärkt Bitcoin als Wertaufbewahrungsmittel», erläutert der Experte.

Wirklich nötig sei die Quantenfestigkeit, führt der Bitcoin-Suisse-Experte aus. Die künftige Bedrohung durch kryptografisch relevante Quantencomputer sei faktisch ein existenzielles Risiko. Wie das Netzwerk zu einer Post-Quanten-Migrationsstrategie finde, werde ein guter Test dafür sein, ob Bitcoin zu stark erstarrt ist. Nach Ansicht von Vitale ist der Bitcoin das nicht und werde sich bestmöglich weiterentwickeln.

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