Bitcoin ist die grösste und wichtigste, dann folgen Ethereum und Tether. Dieser einfache Blick auf den Kryptosektor ist weit verbreitet unter Investoren. So lässt sich auch erklären, dass der Bitcoin als Ur-Kryptowährung weiterhin den Takt in der Wertentwicklung vorgibt. Wenn der Bitcoin steigt, klettert der gesamte Sektor mit, bricht der Bitcoin ein, leiden die anderen Kryptowährungen ebenfalls. In der Entstehungsphase des Krypto-Sektors war das durchaus verständlich – doch je länger, je mehr ist es sinnvoll, genauer hinzuschauen, was Blockchains können und wie sie genutzt werden. Wir werfen Gold, Kupfer und Lanthan auch nicht in den gleichen Topf, nur weil es Metalle sind, die in der Erde vorkommen.
Eine Möglichkeit, die Blockchains einzuschätzen, ist die On-Chain-Analyse, welche die tatsächliche Nutzung und Netzwerkeffizienz der Netzwerke vergleicht. Wir haben dafür die fünf grössten Blockchains nach Marktkapitalisierung ausgewählt, aber Stablecoins wie Tether und Transaktions-Coins von Börsen wie den Binance-Coin weggelassen. Die erste Überraschung ist dabei, dass es Tron in diese Aufstellung schafft, während Cardano weit zurückgefallen ist.

Bitcoin mit eigenem Massstab
Diese Kennzahlen zeigen eine klare Aufteilung des Marktes – auch wenn sie der Bitcoin-Blockchain nicht gerecht werden. Denn Bitcoin dominiert klar als Wertspeicher, was aus dieser Analyse nicht ersichtlich ist. Der Grossteil des Transaktionsvolumens besteht aus blossen Netzwerkabwicklungen, d. h. Kapitaltransfers. Die Einführung von Protokollen wie Ordinals und Runes sorgt periodisch für Spitzen bei den Netzwerkgebühren, verlagert jedoch den Hauptfokus nicht von der Rolle als Wertspeicher. Die Sicherheit von Bitcoin wird durch das Buchführungsmodell UTXO (Unspent Transaction Output) garantiert. Dieses verlangsamt zwar die Transaktionen, verhindert dafür Double-Spending (das doppelte Ausgeben derselben Coins) und ermöglicht, jede Transaktion bis zu den ursprünglichen Erstellern zurückzuverfolgen.
Ethereum: Das langsame Schwergewicht
Ethereum ist das wirtschaftliche Schwergewicht. Das zeigt der Total Value Locked, der einem grossen Vielfachen von jedem Konkurrenten entspricht. Diese Zahl gibt den Gesamtwert aller Krypto-Assets an, die in dezentralen Finanzprotokollen (DeFi), Smart Contracts oder Layer-2-Anwendungen auf einer Blockchain hinterlegt sind. Bekannte Layer-2-Blockchains wie Arbitrum, Optimism, Base und Polygon nutzen die Sicherheit von Ethereum, bündeln die Transaktionen jedoch ausserhalb und beschleunigen sie dadurch. Darum ist Ethereum die Basis zahlreicher DeFi-, Staking- und Tokenisierungsanwendungen. Zahlreich sind dabei auch die Diskussionen, wieso es Ethereum als Stamminfrastruktur nicht schafft, den Erfolg der «Unter-Blockchains» selbst zu monetarisieren.
Solana mit hoher Frequenz
Solana, XRP (Ripple) und Tron haben jeweils im Zahlungsverkehr ihre Nischen gefunden. Solana führt mit durchschnittlich bis zu 3 Millionen aktiven Adressen pro Tag die Nutzeraktivität an. Dank niedriger Gebühren und Clients wie Firedancer, die Durchsatzraten von bis zu 1800 Transaktionen pro Sekunde erlauben, ist Solana für den Hochfrequenzhandel auf dezentralen Handelsplätzen (DEX) und für Consumer Apps prädestiniert. Beim Total Value Locked kommt Solana trotz viel höherer Transaktionszahlen nicht einmal auf einen Zehntel des Wertes von Ethereum, denn dort ist die Kapitaldichte pro Nutzer sehr hoch.
XRP fürs institutionelle Clearing
Der XRP Ledger hat im Vergleich zu Ethereum oder Solana eine deutlich geringere Retail-DeFi-Aktivität. Transaktionen werden stark von Payment-Hubs und institutionalisiertem Clearing dominiert, teilweise treten hohe Ausschläge durch Börsen-Rebalancing oder institutionelle Transfers auf. Hier lässt sich XRP mit Bitcoin vergleichen, beide zeichnen sich vor allem durch Value-Settlement aus.
Tron treibt Tether
Die Tron-Blockchain verdankt ihre Grösse vor allem Tether. Mehr als die Hälfte des weltweiten USDT-Umlaufs wird über dieses Netzwerk abgewickelt – insbesondere in Schwellenländern in Asien, Südamerika und Nahost. Tron geniesst eine hohe Akzeptanz dank planbaren günstigen Gebühren für Überweisungen. Den vergleichsweise hohen Total Value Locked verdankt Tron wenigen Grossprotokollen, etwa der Lending-Plattform JustLend und dezentralen Börsen wie SunSwap. Weil Tron punkto aktiver Adressen und TVL Bitcoin übertrumpft, lässt sich so auch der Titel für diesen Artikel rechtfertigen.
Jetzt zeigt die On-Chain-Analyse nicht, wie viel Wert die einzelne Blockchain haben sollte. Es ist jedoch möglich abzuschätzen, welche Dienste gefragt sind und welche Werte gespeichert werden. Die Entwicklung dieser Faktoren im Auge zu halten, wird langfristig für Investoren ergiebiger sein, als einfach darauf zu setzen, dass jede Blockchain die Entwicklung des Bitcoins mitmacht.