Seit über drei Jahren ist die Credit Suisse nun schon Geschichte. Durch ihren Wegfall entstand eine Lücke, die von anderen Schweizer Banken nur zum Teil gefüllt wurde. So überliessen sie das bilanzintensive und damit mit Verlustrisiken verbundene Firmenkundengeschäft vorwiegend der ausländischen Konkurrenz.
Eine Bank, die genügend Schlagkraft gehabt hätte, die Rolle der Credit Suisse zu übernehmen, ist die Raiffeisen-Gruppe. Doch der frühere Chef Heinz Huber hatte keine Lust darauf. Auch der neue Chef Gabriel Brenna scheint ähnliche Prioritäten zu setzen. So sagte er bei seinem ersten Auftritt, dass er den Fokus auf das Anlage- und die Vermögensverwaltung setzt.
Daran will er festhalten, wie aus einem Interview mit CH Media hervorgeht. Bei den «kleineren und mittleren» Firmenkunden habe Raiffeisen und die Kantonalbanken vom Verschwinden der CS profitieren können. Internationale Konzerne hingegen würden heute «verstärkt» von ausländischen Banken betreut. «Es fehlt heute aber neben der UBS eine zweite schweizweit tätige Bank für Grosskunden», sagte Brenna.
Daran dürfte sich auch Zukunft kaum etwas ändern. Raiffeisen selbst habe zwar Fortschritte gemacht. Das Firmenkundengeschäft sei um rund 6 bis 7 Prozent pro Jahr gewachsen. «Ich glaube aber, dass wir noch mehr erreichen können. Wir verfügen über alle nötigen Fähigkeiten, um mehr Grosskunden zu gewinnen», sagte Brenna.
Ein «Grosskunde» im Firmenkundengeschäft beginnt bei Raiffeisen bei einem Jahresumsatz von 75 Millionen Franken. In diese Kategorie fallen gemäss Brenna ungefähr die 1000 grössten Unternehmen der Schweiz – mit Ausnahme der international tätigen Grosskonzerne, die nicht als Zielgruppe für Raiffeisen infrage kommen. Der Marktanteil im Grosskunden-Segment sei «sehr klein» – im einstelligen Prozentbereich.
Raiffeisen-Chef mit Wohnsitz Liechtenstein
Der neue Chef der Genossenschaftsbanken, der übrigens mit seiner Familie in Liechtenstein lebt und dies auch nicht ändern will, sieht viel grösseres Potenzial im Anlage- und Vorsorgegeschäft. Gemessen an unserer Grösse haben wir enormes Potenzial, mehr als jede andere Bank in der Schweiz, sagt er.
Im Anlagegeschäft müsse die Bank «nochmals einen Gang höher schalten». «Wenn wir unserem ursprünglichen Auftrag gerecht werden wollen, reicht das Hypothekargeschäft allein nicht mehr aus.»
Zur DNA der Bank gehöre weiterhin, dass man Landwirten einen neuen Pflug und später einen Traktor finanzierte und der breiten Bevölkerung den Zugang zu Kapital ermöglichte. Heute seien die Kunden vermögender und älter. Themen wie Vorsorge, Vermögensplanung, Vermögensaufbau und Vermögensnachfolge würden an Bedeutung gewinnen.
Das wollen doch alle anderen Retailbanken auch, oder? – «Doch», sagt Brenna. Trotzdem will er lieber im Anlagegeschäft wachsen, wo bereits Dichtestress herrscht.
Die neue Strategie soll Ende des Jahres vom Verwaltungsrat verabschiedet werden. Opposition wird es kaum geben. Schon bei seiner Wahl zum CEO war klar, dass Raiffeisen in diese Richtung gehen möchte.
Dass das Firmenkundengeschäft in der neuen Strategie keine Top-Priorität geniesst, war wahrscheinlich auch der Grund, warum der frühere Firmenkundenchef Roger Reist ausgestiegen ist. Sein Nachfolger ist über ein Jahr nach Reists noch nicht gefunden. Nach wie vor ist die Position interimistisch besetzt.