Machtkampf in der Migros
Der MGB-Chef konnte sich im einflussreichen Ausschuss Detailhandel nicht durchsetzen. Für Migros-Präsidentin Ursula Nold steht viel auf dem Spiel. Zudem hat ein weiterer hochrangiger Migros-Manager gekündigt.
1. November 2022 • Beat Schmid

Im Sommer kam es zum Eklat in einem der wichtigsten Führungsgremien des Migros-Konzerns. Im sogenannten Ausschuss Detailhandel (ADH) flogen immer öfter die Fetzen. Im ADH dreht sich alles um das “orange Geschäft”, wie das Detailhandelsgeschäft mit den M-Filialen intern genannt wird.

Hier geht es buchstäblich um die Wurst. Im ADH sitzen nicht nur MGB-Chef Fabrice Zumbrunnen, sondern auch die Geschäftsführer der zehn regionalen Migros-Genossenschaften. Sie sind es, welche die 630 Supermärkte in der Schweiz führen.

In den letzten Monaten begannen sich die Probleme zu türmen: Die verlorene Alkoholabstimmung. Die übertriebene Lancierung der neuen Kaffee-Kugeln – Zumbrunnen versprach die grösste Produktinnovation in der Unternehmensgeschichte. Das schlechte Abschneiden im Kassensturz-Preisvergleich: Migros landet auf Platz fünf hinter Coop. Zu viele Markenartikel. Ein verwässertes Image. Schlechte Werbung.

Und vor allem: die roten Zahlen in den Migros-Filialen, dem Hoheitsgebiet der regionalen Genossenschaften. Den Regionalchefs platzte der Kragen.

Im Sommer spitzte sich die Lage zu

Als sich im Sommer die Lage zuspitzte, hätte sich Ursula Nold sich vor ihren CEO stellen können. Sie hätte den Regionalchefs erklären können, dass sie felsenfest überzeugt ist, dass Zumbrunnen der beste MGB-Chef ist, den man sich vorstellen könne. Doch wie aus dem Umfeld der Migros-Verwaltung zu hören ist, tat sie das nicht.

Wohl auch um sich selbst aus der Schusslinie zu nehmen, beugte sie sich dem Druck der “Regionalfürsten” und legte Zumbrunnen die Kündigung nahe. Sein Rücktritt wurde am Abend des 25. Oktober kommuniziert.

Es ist der vorläufige Schlusspunkt einer sich seit Monaten verschlechternden Beziehung zwischen der Zentrale und den Regionen. Dass unter dem orangen Dach allerdings schon lange keine Harmonie mehr herrscht, wurde wenige Wochen zuvor offenkundig, als die intern hochumstrittene Kommunikations- und HR-Chefin Sarah Kreienbühl urplötzlich kündigte.

Auch hier spielte der Ausschuss Detailhandel eine wichtige Rolle. Dieser gab Zumbrunnen zu verstehen, sich von Kreienbühl zu trennen, wie aus der Verwaltung zu hören ist. Sie gab Ende August ihren Rücktritt bekannt.

Auch HR-Chef Parolini hat gekündigt

Kreienbühl und Zumbrunnen werden im April aus dem Migros-Konzern ausscheiden. Wie Tippinpoint erfahren hat, hat mit Human-Resources-Chef Reto Parolini bereits ein weiteres hohes Kadermitglied gekündigt. Er kam wie Kreienbühl von der Hörgerätefirma Sonova. Ein Migros-Sprecher bestätigt seinen Rücktritt. Es sind in den nächsten Monaten also einige gewichtige Vakanzen zu besetzen.

Hier ist wiederum Präsidentin Ursula Nold gefordert. Sie ist es, die den Prozess für die Zumbrunnen-Nachfolge leiten muss. Für Quereinsteigerin Nold steht viel auf dem Spiel. Was sie braucht, ist eine MGB-Führungsperson, die in der Lage ist, den Ausschuss Detailhandel mit Geschick zu führen, Allianzen zu schmieden und mit Ideen zu überzeugen. Eine charismatische Persönlichkeit, die den grössten privaten Arbeitgeber der Schweiz gegen innen und aussen vertritt und mit Überzeugungskraft in die Zukunft führt.