Netflix-Banker vs. Wall-Street-Schlachtross
Jetzt senkt auch die “Financial Times” den Daumen über dem Holländer. Der UBS-CEO wird als geschwächter und unerfahrener “Netflix-Banker” beschrieben, der dem Präsidenten das Wasser nicht reichen kann. Das Blatt sieht dunkle Schatten über Hamers.
14. September 2022 • Beat Schmid

In einer heute veröffentlichten Analyse geht die britische Financial Times (Paywall) hart ins Gericht mit UBS-Chef Ralph Hamers. Aufhänger der Analyse ist die am Dienstag kommunizierte Erhöhung der Dividende um 10 Prozent. Wie die meisten Kommentatoren wertet die FT diese als Reaktion auf die abgeblasene Milliardenübernahme von Wealthfront.

Ein Ziel des Schweizer Vermögensverwalters sei es, Kapital zu erhalten. Das gelte sowohl für die Aktionäre als auch für die Kunden, die sie betreue. Der Abbruch der Übernahme von Wealthfront im Wert von 1,4 Milliarden Dollar in den USA zeuge “von einem guten Umgang mit dem Kapital der Anleger”, so die FT. Die von Hamers im Januar eingefädelte Übernahme sollte der grösste Deal der UBS seit 2008 werden. Jetzt fliesst das Geld stattdessen in die Taschen der Aktionäre.

Es sei unwahrscheinlich, dass Hamers, der seit zwei Jahren an der Spitze der Bank steht, von dieser “Entscheidung profitieren” werde, glaubt die FT. Der Preis für Wealthfront, den Hamers ausgehandelt hat, entspricht fünf Prozent des gesamten Kundenvermögens von 27 Milliarden Dollar. Dieser Kaufpreis sehe aus heutiger Perspektive “völlig daneben” aus. In der Tat erlebten die allermeisten Fintechs in den letzten Monaten massive Einbrüche bei ihren Bewertungen.

Hamers im Vergleich zu Kelleher ein "Leichtgewicht"

Der neue UBS-Präsident Colm Kelleher, der seit April im Amt ist, habe den Verwaltungsrat der Bank “möglicherweise davon abgehalten”, Wealthfront zu kaufen – ein Unternehmen, das mehr “Fassade” als Vermögensverwaltung sei. Die Konzentration auf jüngere Anleger mit kleinen Vermögen – im Durchschnitt 57’000 Dollar pro Person – sollte eine Grundlage für späteres Wachstum auf dem US-Vermögensmarkt bieten. Dass dieses Ziel sehr schwer zu erreichen sei, schrieb Tippinpoint bereits im Februar.

Kelleher stand 30 Jahre lang in den Diensten von Morgan Stanley, die sich seit 2008 zu Amerikas führendem Vermögensverwalter entwickelt hat. Während der schlimmsten Phase der letzten Finanzkrise sei er unter anderem als Chief Financial Officer und Co-Chef Corporate Strategy auf der Brücke gestanden, schwärmt die FT. Hamers dagegen spreche über die Schaffung von Netflix-ähnlichen Schnittstellen für Privatkunden. Im Vergleich zu Kelleher sei er ein Leichtgewicht, urteilt die FT. Er könne dem Präsidenten das Wasser nicht reichen.

Um das Bild abzurunden, zieht die FT einen Vergleich zwischen der UBS und Morgan Stanley. Seit Hamers CEO der UBS ist, hat sich der Bewertungsunterschied zwischen den beiden Banken, gemessen am sogenannten Price-to-Book-Verhältnis, verdoppelt. Zwar hätten sich die Quartalsergebnisse der UBS in letzter Zeit im Vergleich zu den meisten Konkurrenten, insbesondere der Credit Suisse, positiv entwickelt. Eine Änderung dieses Trends würde “dunkle Schatten auf Hamers werfen”, orakelt die FT.

Die Analyse der britischen Zeitung ist mehrheitlich richtig. Die UBS steht tatsächlich an einem schwierigen Punkt. Erfolgsverwöhnte Abteilungen wie das Wealth Management und die Investmentbank stehen aufgrund der veränderten Marktsituation plötzlich vor Problemen.

Gleichzeitig wird immer offensichtlicher, dass Hamers und Kelleher nicht am gleichen Strick ziehen. Während Hamers Digitialisierungsprojekte vorantreibt und alte Strukturen in der Bank aufbrechen möchte, scheint Kelleher einzig an der die Entwicklung des Aktienkurses interessiert zu sein. Richtig ist auch, dass Kelleher immer unverhohlener die Macht in der Bank beansprucht. Intern fragen sich viele, wie lange das gutgehen kann. Die Fieberkurve in der grösste Bank der Schweiz steigt. Nachzulesen auch hier und hier.