Was ist denn das für ein absurder Vergleich – eine Universalsprache gegen ein verschlüsseltes, dezentralisiertes Zahlungssystem abzuwägen? Doch es gibt erstaunliche Parallelen und das Scheitern von Esperanto zeigt, dass Systeme, die technisch besser, grenzenlos und effizienter sind, nicht immer gewinnen, wenn nationale Interessen, einzelne grosse Player, Bequemlichkeit und monetäre Interessen dagegenstehen.
Objektiv betrachtet, gibt es keinen Grund, weshalb Esperanto nicht zur globalen Lingua Franca wurde. Die Sprache ist logisch und lässt sich schnell erlernen. Die Grammatik ist vollständig regelmässig, es gibt keine unregelmässigen Verben oder sonstige Ausnahmen. Die Rechtschreibung ist phonetisch, jeder Buchstabe wird immer gleich ausgesprochen, jedes Wort wird genauso geschrieben, wie man es hört. Weil die Struktur von Esperanto vollkommen transparent ist, entwickeln Lernende schnell ein tiefes Verständnis für Grammatik, für Fälle, Zeiten und Satzbau.
Kommunikationsbarrieren kosten Milliarden
Da Esperanto die Muttersprache keines Landes ist, begegnen sich Sprechende auf Augenhöhe. Niemand hat den nativen Vorteil einer dominanten Weltmacht hinter sich. Es schien also, dass die Plansprache, die der Augenarzt Ludwik Lejzer Zamenhof im Jahr 1887 in Warschau im damaligen Russischen Kaiserreich ins Leben rief, sich aufmachen würde, den Globus zu erobern. Das Nichtverstehen von fremden Sprachen führt nicht nur zu Missverständnissen oder ausbleibender Kommunikation, der globale «Sprachensalat» verursacht auch Kosten. Es gibt zahlreiche Studien, die diesen Aufwand zu schätzen versuchen. Die Economist Intelligence Unit etwa schätzt, dass Sprach- und Kommunikationsbarrieren der weltweiten Wirtschaft jährlich über 2000 Milliarden Dollar an entgangenen Umsätzen, abgebrochenen Verhandlungen und gescheiterten Internationalisierungsversuchen kosten. Allein in Grossbritannien schätzt die Regierung den Verlust durch Sprachdefizite im Aussenhandel auf etwa 3,5 Prozent des BIP.
Die Parallelen zum Bitcoin sind erstaunlich. Auch die Kryptowährung ist an kein Staatsgebiet gebunden und kennt keinen zentralen Betreiber – das System ist dezentral und wird von den Nutzern global verwaltet. Auf der Blockchain herrscht ein weltweiter Standard, der von allen einsehbar ist. Durch das Ausschalten von Intermediären entsteht ein globaler Bezahlungsstandard, der hohe Kosten einspart. Doch jüngst schien es, als habe die Dynamik des Bitcoins merklich nachgelassen, es fehlt an Erfolgsgeschichten. Gibt es da Gemeinsamkeiten mit Esperanto?
Für Staaten ist Sprache ein Machtmittel
Wieso ist die Lingua Franca gescheitert? Dafür gibt es nicht einen Grund, sondern eine Verflechtung aus Geopolitik, Sprachökonomie und strukturellen Schwächen. Zuerst die Geopolitik: Für Staaten ist Sprache ein Machtmittel in Diplomatie und Wirtschaft. So verhinderte Frankreich in den 1920er Jahren, dass Esperanto vom Völkerbund als Arbeitssprache anerkannt wurde, um die Vormachtstellung des Französischen zu schützen. In den 1930er und 1940er Jahren wurde die Esperanto-Bewegung von Nationalsozialisten und dem Stalin-Regime verfolgt, da es als «jüdisch-kosmopolitisch» oder «imperialistisch» verleumdet wurde.
Weil Esperanto von keinem Staat oder Wirtschaftsraum getragen wurde, gab es keinen finanziellen Anreiz für Unternehmen oder Schulen, darin zu investieren. Mit Esperanto konnten keine Märkte erschlossen, Karriere oder Kultur gemacht werden. Im Laufe des vergangenen Jahrhunderts setzte sich Englisch als Weltsprache durch und ein Erlernen bot die vorgenannten Möglichkeiten. Die Esperanto-Bewegung schwächte sich zudem auch selbst mit Debatten über Sprachreformen und Abspaltungen.
Bitcoin hat kein Machtzentrum
Auch hier sieht der Kryptointeressierte Parallelen. Gibt es doch seit Anbeginn des Bitcoins immer wieder einmal Streit über Blockgrösse, Skalierung und Ähnliches, was schon zu mehreren Abspaltungen (Forks) führte. Auch führt die Dezentralität, die ein grundlegender Vorteil des Bitcoins ist, dazu, dass kein Staat, den Bitcoin nachhaltig unterstützt und als eigene Währung einführen würde, wenn man von kurzfristigen Experimenten in El Salvador und Zentralafrika absieht. Auch die Unterstützung durch US-Präsident Donald Trump dürfte sich langfristig als kontraproduktiv erweisen – da vieles schlicht nach Selbstbereicherung riecht. Staaten – insbesondere die USA – werden ihre Währung nicht aus der Hand geben, sie brauchen sie, um Wirtschafts- und Machtpolitik zu betreiben. Bitcoin hat weltweit viele Entwickler, Nutzer und Verfechter. Doch wenn es darum geht, den Bitcoin gegenüber Regierungen und Finanzindustrie zu vertreten, gibt es keine zentrale, mächtige Organisation.
Der Bitcoin hat ebenfalls das Potenzial viele Milliarden einzusparen – an Gebühren im globalen Zahlungsverkehr. Weil damit Finanzintermediären ihre Geschäftsmodell wegbrechen würde und nationale Grossbanken an Macht verlieren würden, ist der Widerstand gross. Auch haben Länder Angst ohne eigene Währung ihre Fähigkeit Schulden zu machen zu verlieren. Zahlreiche Länder arbeiten deshalb daran, ihre eigene Währung zu digitalisieren und auf die Blockchain zu bringen. Das hat weniger mit einem Bitcoin II zu tun, sondern verfolgt vielmehr den Zweck, den Bürger noch genauer steuern und überwachen zu können. Auch Blackrock & Co. können nicht als Verfechter des Bitcoins angeführt werden. Der weltgrösste Asset Manager verpackt Vermögenswerte in ETF, die sich verkaufen lassen und nicht etwa, weil er von der zensurresistenten Kryptowährung überzeugt ist und diese fördern möchte.
Ein Flop trotz grosser Fanbasis
Die jüngste Ereignislosigkeit im Bitcoin-Bereich sollte deshalb den Verfechtern der Kryptowährung Sorgen machen. Auch Esperanto hat weiterhin Millionen von Fans, welche die Sprache sprechen, Online-Foren betreiben und das Projekt weiterentwickeln. Doch es ist offensichtlich, dass die Plansprache die Welt nicht mehr erobern wird. Damit den Bitcoin nicht das gleiche Schicksal ereilt, sollte jetzt die nächste Entwicklungsstufe gezündet werden. Welche das sein sollte – keine Ahnung.