«Die Aufsicht der Vermögensverwalter ist extrem ineffizient»

Nach dem Cyberangriff auf ein Register in Liechtenstein fordert die Geschäftsführerin des Verbands Schweizerischer Vermögensverwalter einen Marschhalt beim Schweizer Transparenzregister. Im Interview spart Vivien Jain zudem nicht mit Kritik an der Finma.

«Die Aufsicht der Vermögensverwalter ist extrem ineffizient»
Vivien Jain: «Glauben Sie, dass ein Kunde genau differenziert, welche Daten bei einem Cyberangriff auf ein offizielles Schweizer Register gestohlen wurden?» Foto: VSV

Wir treffen Vivien Jain in den Büros des Verbands Schweizerischer Vermögensverwalter (VSV) in Zürcher Seefeld, so sie seit Anfang 2026 die Geschäftsstelle leitet. Zuvor führte Vivien Jain den Vermögensverwalter Aquila AG als CEO, nachdem sie dort als Head of Legal, Compliance & Risk gearbeitet hatte. Von 2011 bis 2014 war die Juristin bei PwC im Bereich Financial Regulatory Services tätig.

Frau Jain, nach dem Cyberangriff auf das liechtensteinische Register fordert Ihr Verband, die Einführung des Schweizer Transparenzregisters zu überdenken. Wieso?

Vivien Jain: Wenn in unserem Nachbarstaat ein solcher Angriff passiert, wäre es fahrlässig, einfach weiterzumachen. Wir sollten Halt machen, die Situation evaluieren und prüfen, ob uns das Gleiche passieren könnte. Das hat nichts damit zu tun, dass wir gegen Regulierung sind. Wir sagen: Achtung, offenbar bestehen Sicherheitsrisiken und offensichtlich gibt es ein Interesse daran, an solche Daten zu gelangen.

Was fordern Sie konkret?

Man sollte die Sicherheitsmechanismen nochmals überprüfen und sich fragen, ob es technisch bessere Lösungen gibt. Muss beispielsweise jeder Berechtigte auf sämtliche für ihn zugänglichen Informationen zugreifen können? Jeder Finanzintermediär mit Zugang zum Register kannpotenziell auch ein Sicherheitsrisiko darstellen. Wird sein Zugang kompromittiert, kann ein Angreifer auf Daten zugreifen. Man muss verhindern, dass diese auf dem Servierteller präsentiert werden.

Welche besonders heiklen Daten werden denn dort gespeichert?

Es geht um die wirtschaftlich Berechtigten von Schweizer Gesellschaften und damit auch um Personendaten. Man muss im Registrierungsprozess zahlreiche Angaben machen. Entscheidend ist für mich aber vor allem das Prinzip: Wir schaffen eine grosse, zentrale Datensammlung.

Die Schweiz steht international unter Druck, die Transparenz über wirtschaftlich Berechtigte zu erhöhen. Könnte Ihre Forderung nicht als Versuch verstanden werden, Transparenz zu verhindern?

Nein. Es geht nicht um Intransparenz, sondern um den Schutz von Daten. Die Schweiz hat sich einen Ruf erarbeitet, sorgfältig mit sensiblen Informationen umzugehen. Kunden aus dem In- und Ausland vertrauen darauf. Wenn ein offizielles Schweizer Register gehackt und eine grosse Menge an Daten abgesaugt würde, wäre das ein erheblicher Vertrauensverlust.

Aber im Transparenzregister liegen keine Bankkundendaten.

Das stimmt. Aber glauben Sie, dass ein Kunde irgendwo auf der Welt genau differenziert, welche Daten bei einem Cyberangriff auf ein offizielles Schweizer Register gestohlen wurden? International würde es zunächst heissen: In der Schweiz wurde ein zentrales Register gehackt. Das kann der Reputation des Finanzplatzes schaden.

Vivien Jain: «Wir beobachten in den vergangenen Jahren eine starke Ausweitung der Finma-Praxis.» Foto: VSV

Mit den Banken werden auch die unabhängigen Vermögensverwalter zunehmend stärker reguliert. Ist die Regulierung inzwischen zu weit gegangen?

Die gesetzlichen Grundlagen sind grundsätzlich gut. Wenn man etwa das FINIG und FIDLEG mit der europäischen Regulierung vergleicht, hat die Schweiz einen pragmatischen Weg gewählt.  Das Problem liegt weniger im Gesetz als in der Aufsichtspraxis.

Wo denn?

Weil die Gesetze relativ schlank gehalten sind, gibt es einen erheblichen Interpretationsspielraum. Gleichzeitig sind frühere Formen der Selbstregulierung weggefallen. Damit fehlen teilweise klare Vorgaben. Wir beobachten in den vergangenen Jahren eine starke Ausweitung der Finma-Praxis. Anforderungen, die ursprünglich für Banken entwickelt wurden, werden zunehmend auf Vermögensverwalter übertragen.

Was ist falsch daran?

Ein unabhängiger Vermögensverwalter hat ein völlig anderes Risikoprofil als eine Bank. Trotzdem wird häufig von der Bankenregulierung ausgegangen und diese anschliessend auf kleinere Institute übertragen. Zuerst auf die grösseren kollektiven Vermögensverwalter und dann teilweise auch auf die klassischen unabhängigen Vermögensverwalter. Eine wirklich risikobasierte Aufsicht sieht anders aus.

Die kleineren Vermögensverwalter werden aber nicht direkt von der Finma beaufsichtigt, sondern über sogenannte Aufsichtsorganisationen.

Ja, aber sie benötigen eine Finma-Lizenz. Das führt in der Praxis zu einem zweistufigen System. Wenn ein Vermögensverwalter beispielsweise eine bewilligungspflichtige Änderung vornimmt, reicht er diese über die Aufsichtsorganisation ein. Dort wird der Fall geprüft. Danach geht er an die Finma und wird nochmals angeschaut.

Zwei Instanzen prüfen dasselbe?

Das ist genau das Problem. Mehrere Instanzen beschäftigen sich mit denselben Sachverhalten. Das führt zu Verzögerungen und höheren Kosten. Nach knapp sechs Jahren muss man sagen: Das Modell ist extrem ineffizient.

Sie sagen also: Sechs Jahre nach Einführung funktioniert die Aufsicht alles andere als effizient.

Ja. Ein anderes Problem ist die fehlende Transparenz. Vermögensverwalter müssen wissen, nach welchen Regeln sie beurteilt werden. Es kommt vor, dass Anforderungen erst kommuniziert werden, nachdem das betreffende Geschäftsjahr bereits abgeschlossen ist. Stellen Sie sich vor, Sie führen Ihren Betrieb 2026 nach den Ihnen bekannten Regeln. Im Frühjahr 2027 erfahren Sie, dass für 2026 zusätzliche Punkte geprüft werden. Das ist problematisch.

Geschieht das tatsächlich?

Absolut. Prüfgesellschaften erhalten Vorgaben, gewisse Themen zu kontrollieren, die gegenüber den Beaufsichtigten zuvor nicht transparent kommuniziert wurden. Teilweise dürfen die Aufsichtsorganisationen diese Vorgaben nicht einmal weitergeben. Woher soll ein Vermögensverwalter dann wissen, was die aktuelle Praxis ist? Wir brauchen eine frühzeitige und transparente Kommunikation darüber, welche Themen für die Aufsicht besonders relevant sind.

Inwiefern sorgt die Einteilung der Vermögensverwalter in Risikokategorien für Ärger?

Das ist ein wichtiger Punkt. Vermögensverwalter werden aufgrund verschiedener Kriterien Risikokategorien zugeordnet. Diese Einstufung hat konkrete Folgen, beispielsweise dafür, wie häufig ein Unternehmen geprüft wird. Aber der Vermögensverwalter weiss nicht einmal, in welcher Risikokategorie er sich befindet.

Die Finma sagt einem Unternehmen also nicht, ob es als tiefes, mittleres oder hohes Risiko eingestuft wird?

Nein. Und das verstehe ich nicht. Warum kann man einem professionellen, Finma-lizenzierten Vermögensverwalter nicht mitteilen, wie sein Risikoprofil beurteilt wird? Das wäre auch im Interesse der Aufsicht. Ein Unternehmer könnte sein Geschäftsmodell anpassen, wenn er wüsste, welche Faktoren sein Risiko erhöhen.

Und die Einstufung kostet Geld?

Natürlich. Wenn ich aufgrund meiner Einstufung jedes Jahr geprüft werde, kostet mich das wesentlich mehr, als wenn die Prüfung nur alle zwei oder drei Jahre stattfindet. Wir kennen Fälle von Vermögensverwaltern, die jedes Jahr geprüft werden und nicht nachvollziehen können, weshalb sie als erhöhtes Risiko betrachtet werden.

Wie teuer ist die Regulierung für einen kleinen Vermögensverwalter?

Allein bei den direkten Aufsichtskosten kann eine Ein-Personen-Gesellschaft auf bis zu rund 7000 Franken pro Jahr kommen. Aber damit haben wir die tatsächlichen regulatorischen Kosten noch lange nicht erfasst.

Was kommt noch dazu?

Externe und interne Compliance, die Arbeitszeit für regulatorische Aufgaben und die Kosten ineffizienter Prozesse. Man darf nicht vergessen: Wir sprechen überwiegend über KMU mit wenigen Mitarbeitenden. Dort fallen regulatorische Kosten ganz anders ins Gewicht als bei einer Grossbank.

Wissen Sie, wie hoch die Gesamtkosten sind?

Noch nicht präzise genug. Deshalb werden wir eine gesamtschweizerische Umfrage unter Vermögensverwaltern durchführen. Wir wollen wissen, wie hoch die regulatorischen Kosten tatsächlich sind – inklusive Compliance-Aufwand, Aufsichtsabgaben und interner Arbeitszeit. Das dürfte sehr interessant werden.

Bei der Einführung des Finig wurde eine Konsolidierungswelle unter den unabhängigen Vermögensverwaltern erwartet. Ist sie eingetreten?

Nein. Diese Behauptung hält sich hartnäckig, aber die grosse Konsolidierung hat nicht stattgefunden.

Es sind aber Vermögensverwalter vom Markt verschwunden.

Vor der Lizenzierung gab es zahlreiche Gesellschaften, die im Handelsregister Vermögensverwaltung als Geschäftszweck eingetragen hatten. Das bedeutete aber nicht zwingend, dass sie tatsächlich professionelle Vermögensverwaltung betrieben. Mit dem Finig wurde der Berufsstand geschützt. Wer sich Vermögensverwalter nennt, muss heute qualifiziert sein und einen Lizenzierungsprozess durchlaufen. Das begrüsse ich ausdrücklich.

Heute gibt es rund 1400 unabhängige Vermögensverwalter. Wie viele neue Gesellschaften kommen dieses Jahr hinzu?

Ich schätze, dass dieses Jahr etwa 20 neue Gesellschaften hinzukommen. Die unabhängige Vermögensverwaltung ist eine Wachstumsbranche. Ich kenne kaum ein anders Land mit einer vergleichbar grossen Zahl unabhängiger Vermögensverwalter.

Was unterscheidet die neue Generation von den traditionellen Vermögensverwaltern?

Diejenigen, die sich heute selbstständig machen, sind stärker unternehmerisch geprägt. Sie überlegen sich frühzeitig, wie sie wachsen wollen, welche Strategie sie verfolgen und welche Technologien sie einsetzen.

Wo sehen Sie die grösste Herausforderung für die Branche?

Wir haben in der Schweiz einen enormen Vorsprung beim eigentlichen Handwerk der Vermögensverwaltung. Private Banking, Asset Allocation und die persönliche Betreuung von Kunden haben hier eine lange Tradition. In Asien ist man dafür technologisch teilweise weiter. Wir dürfen uns deshalb nicht auf unserem Vorsprung ausruhen.

Kann künstliche Intelligenz für kleine Vermögensverwalter überhaupt eine Rolle spielen?

Gerade für sie. Künstliche Intelligenz bietet enormes Potenzial. Wenn ein kleiner Vermögensverwalter die richtigen Instrumente einsetzt und Prozesse automatisieren kann, macht ihn das wesentlich produktiver. Verbinden wir das Schweizer Know-how in der Vermögensverwaltung mit neuen Technologien, kann die Branche noch stärker werden.

Warum sollte ein Kunde mit ein bis fünf Millionen Franken überhaupt zu einem unabhängigen Vermögensverwalter statt zu einer Bank gehen?

Weil die persönliche Beziehung eine andere ist. Bei vielen Banken ist ein Kunde mit einem Vermögen zwischen einer und fünf Millionen Franken nicht mehr besonders interessant. Ein unabhängiger Vermögensverwalter kann dieses Segment sehr gut bedienen. Im Durchschnitt betreut ein Vermögensverwalter vielleicht 60 oder 70 Kunden. Bei einer Bank sind es wesentlich mehr.

Dann sind Sie trotz Regulierungskosten und Margendruck optimistisch?

Ja. Die Nachfrage nach unabhängiger Beratung ist vorhanden. Gleichzeitig kommen neue, unternehmerisch denkende Vermögensverwalter in den Markt. Die Schweiz verfügt über enormes Know-how. Entscheidend ist, dass wir unseren guten Ruf schützen, die Regulierung effizient ausgestalten und technologisch nicht den Anschluss verlieren.

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