Bereits zweimal hat Greco versucht, die Wogen in der Affäre um das Enforcement-Verfahren der Finma gegen die Zurich zu glätten. Nach den Enthüllungen über das Verfahren äusserte er sich gegenüber Bloomberg und zuletzt in der «NZZ am Sonntag».
Die Stossrichtung seiner Aussagen ist klar: Das Problem liege nicht beim Konzern, sondern ausschliesslich bei der Schweizer Gesellschaft. Wörtlich sagte er: «Die Zurich Schweiz hatte sämtliche Ressourcen, um die Probleme zu beheben. Leider wurden die entsprechenden Massnahmen nicht konsequent und schnell genug umgesetzt.»
Greco weist den Vorwurf zurück, dass auch der Konzern Verantwortung trage: «Die Gruppe muss die Ländergesellschaften kontrollieren und überwachen, sie führt aber nicht das Geschäft.» Zudem sei es sehr schwierig, Missstände aufzudecken, wenn einzelne Mitarbeitende diese aktiv zu verbergen versuchten.
Das sind happige Vorwürfe gegen die Verantwortlichen der Zurich Schweiz, die im Zentrum der Finma-Untersuchung stehen. Es ist nachvollziehbar, dass ein Konzernchef die Verantwortung möglichst tief in der Hierarchie ansiedeln und die Verantwortung für das Debakel nicht übernehmen möchte.
Schon lange Chefsache
Weniger überzeugend ist jedoch der Eindruck, dass die Aussagen von Greco den Eindruck erwecken könnten, dass das Verfahren überhaupt nichts mit ihm und dem Konzern zu tun hat. So schiebt die NZZ am Sonntag etwa, dass das Thema erst mit der Eröffnung des Enforcement-Verfahrens zur Chefsache geworden sei. Nach Informationen von Tippinpoint trifft diese Darstellung jedoch nicht zu.
Vielmehr ist davon auszugehen, dass die Konzernspitze bereits vor rund einem Jahr über die Unregelmässigkeiten im Schweizer Kollektivlebengeschäft informiert war – nämlich zu jenem Zeitpunkt, als die Finma ihre Aufsicht intensivierte. Üblicherweise werden entsprechende Feststellungen spätestens im sogenannten Assessment Letter thematisiert, den die Behörde im Rahmen ihrer Aufsicht an das Unternehmen richtet. Mehrere mit den Abläufen vertraute Quellen bestätigen dies gegenüber Tippinpoint.
Es erscheint daher kaum vorstellbar, dass Mario Greco erst mit der Eröffnung des Enforcement-Verfahrens von den Vorgängen erfahren hat und sie damit zur Chefsache erklärt hat.
Wenn die Konzernleitung aber bereits früh informiert war, stellt sich die Frage: Weshalb gelang es der Zurich Schweiz trotz «sämtlicher Ressourcen» nicht, die von der Finma verlangten Massnahmen «nicht konsequent und schnell genug» umzusetzen, wie Greco selbst einräumt? Und weshalb griff der Konzern nicht früher ein? Wenn die Gruppe für Kontrolle und Überwachung zuständig ist, weshalb funktionierten diese Kontrollmechanismen ausgerechnet in diesem Fall nicht?
Zurich-Konzernstruktur – ein Outlier
Damit rückt auch die Konzernstruktur der Zurich in den Fokus. Bis 2007 war Peter Eckert als CEO der Zurich Schweiz Mitglied der Group Executive Committee. Die Schweiz war damit als eigenständige Ländereinheit direkt auf Stufe Konzernleitung vertreten. Seither rapportieren die CEOs Schweiz in die regionale Organisation und nicht mehr direkt an die Konzernleitung.
Diese Struktur wirft eine grundsätzliche Frage auf: Weshalb ist ausgerechnet die Schweiz als bedeutendster Heimmarkt der Zurich heute nicht mehr direkt in der Konzernleitung vertreten – zumal die der Schweizer Regulator, also die Finma, der Hauptregulator der Gesellschaft ist?
Bei den meisten anderen international aufgestellten Schweizer Finanzgesellschaften mit einem bedeutenden Heimmarkt ist der CEO Schweiz Teil der Konzernleitung – das ist bei der UBS so, der früheren CS, bei Swiss Life und Helvetia. Swiss Re ist nach Geschäftseinheiten organisiert; Regionen oder Ländern sind nicht in der Konzernleitung vertreten.