Digital Assets Briefing
Mit DeFi wackelt eine Säule des Web3. Das belastet Ethereum und hat Einfluss auf die gesamte Krypto-Branche. +++ Dazu: Die Bank of England macht Stablecoins den Weg frei +++ Bitcoin Suisse wagt sich ins Bermudadreieck.
15. Mai 2026 • Werner Grundlehner

DeFi war noch vor wenigen Jahren eine der «heissesten» Abkürzungen in der Blockchain-Industrie. Sie steht für Decentralized Finance (dezentrales Finanzwesen) und für ein blockchainbasiertes Finanzsystem, das ohne Intermediäre, mit Hilfe von Smart Contracts auf der Blockchain Finanzdienstleistungen wie Handel, Kreditvergabe oder Zinszahlungen direkt zwischen den Nutzern abwickelt.



Und in den Short Cuts diese Woche:
  • Die Bank of England macht Stablecoins den Weg frei
  • Bitcoin Suisse wagt sich ins Bermudadreieck


Diese Anwendungen bieten den Nutzern viele Vorteile wie Dezentralität, Transparenz und niedrigere Gebühren im Vergleich zu traditionellen Finanzanwendungen. Zu den bekanntesten DeFi-Anwendungen zählen die dezentrale Börse Uniswap, Compound, ein DeFi-Protokoll, das Kreditvergabe gegen Einlagen von Kryptowährungen ermöglicht und die Lending-Plattform Aave.

Hacker knacken Aave-Plattform

Aave ist mit ein Grund für die Vertrauenskrise, der sich der DeFi-Bereich gegenübersieht. Ende April erbeuteten Hacker in einem Angriff 116'500 rsETH-Token, rund 18 Prozent der in Umlauf befindlichen Token, mit einem Marktwert von gegen 300 Millionen Dollar. Der rsETH ist ein Liquid Restaking Token (LRT), der von Kelp DAO ausgegeben wird und es den es den Nutzern ermöglicht, neben dem normalen Ethereum-Staking-Yield zusätzliche Erträge zu erzielen, während sie gleichzeitig liquide bleiben. Die Angreifer attackierten die sogenannte Cross-Chain-Bridge von Kelp welche die Unichain- mit der Ethereum-Blockchain verbindet.

Die rund 300 Millionen Dollar dürften unwiederbringlich verloren sein. Doch das ist nicht der gesamte Schaden. Der Total Value Locked (TVL) der Aave-Plattform sank infolge des Vertrauensverlustes um 6,6 Milliarden auf rund 20 Milliarden Dollar. Der TVL beschreibt das Kapital, das in der DeFi-Anwendung gebunden ist. Gleichzeitig verlor der Aave-Token rund 16 Prozent an Wert. Aave und andere Smart-Contract-Anwendungen wie Uniswap basieren auf der Ethereum Blockchain. Wie stark Ethereum wertmässig von diesem (und anderen) Hackerangriff der vergangenen Monate betroffen ist, lässt sich kaum beziffern. Offensichtlich ist, das Ethereum im vergangenen Monat deutlich hinter dem Bitcoin zurückblieb und rund 5 Prozent verlor, während Letzterer fast 10 Prozent zulegte.

Eine Gefahr für Ethereum

Ethereum ist der Goldstandard für Web3-Anwendungen und diese wiederum sind, neben der Sicherheit und der Wertaufbewahrung durch den Bitcoin, eines der grossen Versprechen für die Krypto-Branche. Web3-Anwendungen von Ethereum sind auch relevant für die wichtigsten Stablecoin- und Tokenisierungsprojekte.

Ist DeFi nun in der Krise oder gar am Ende – und belastet das Wertversprechen von Ethereum? Denn in den vergangenen Monaten haben sich die Negativschlagzeilen zu DeFi gehäuft. «Der DeFi-Sektor befindet sich im Frühjahr 2026 in einer schweren Krise, geprägt von Sicherheitslücken, einer Schuldenkrise von rund 2,3 Milliarden Dollar und Massenabflüssen von Investoren», heisst es etwa im aktuellen Industry Rollup von Bitcoin Suisse.

Eine Folge von besseren KI-Anwendungen

Die Zunahme der Angriffe hat auch mit dem Aufstieg der Künstlichen Intelligenz zu tun. Deren rasante Fortschritte haben die Ausgangslage verändert. Denn je leistungsfähiger, desto schneller lassen sich potenzielle Schwachstellen in komplexen Smart-Contracts, Bridge- und DeFi-Protokollen finden und ausnutzen. Umgekehrt können Plattform-Anbieter mit Hilfe von KI ihre Anwendungen besser testen und Schwachstellen beseitigen.

Der April des laufenden Jahres hat mit 28 DeFi-Hacks einen neuen Monatsrekord gesetzt – der den bisherigen Höchststand um fast das Doppelte übertraf. Aber die Verluste in Dollar legten nicht im gleichen Ausmass zu. Häufigkeit und Schweregrad entkoppeln sich zunehmend, da mehr Vorfälle auftreten, die im Durchschnitt geringere Schäden verursachen. Zwischen 2020 und 2022 lagen die durchschnittlichen Schäden pro Hack bei rund 156 Millionen Dollar, seit 2023 hingegen bei 14 Millionen Dollar. Dies deutet darauf hin, dass sich die Sicherheit im Kern verbessert hat, während Angreifer ihren Fokus auf kleinere Ziele verlagert haben. Die wichtigste Ursache dafür liegen in einer grösseren Angriffsfläche bei gleichzeitig günstigeren Suchkosten. Mehr Smart Contracts, mehr veraltete Integrationen und mehr inaktive Pools befinden sich inzwischen Onchain, während KI-gestützte Scans den Aufwand verringern, Schwachstellen zu identifizieren.

Angemessene Rendite für Anbieter sind notwendig

Die Hackerangriffe haben nicht nur die Lending-Plattformen Verlusten ausgesetzt – sie verdeutlichen auch drei inhärente Risiken der DeFi-Kreditvergabe. Erstens sind DeFi-Plattformen dem Risiko ausgesetzt, dass sie ungenaue Informationen von Drittanbietern erhalten. Sie stützen sich auf Informationen von Dritten, die der Plattform mitteilen, ob ein potenzieller Nutzer legitime Sicherheiten gestellt hat und welchen Wert diese Sicherheiten haben. Zweitens scheint der Versicherungsfonds, den einige DeFi-Kreditplattformen nutzen, um Kreditgeber im Falle eines Verlusts zu entschädigen, unzureichend zu sein und machen die Plattformen anfällig für Bank-Run-Dynamiken. Drittens tragen sogenannte Krypto-Mixer dazu bei, dass Kriminelle im Ökosystem unentdeckt agieren können, indem sie die Identitäten von Wallet-Inhabern und Krypto-Nutzern verschleiern.

Der jüngste Vorfall hat auch die Debatte um angemessene Renditen im DeFi-Bereich entfacht. Er spricht für höhere DeFi-Prämien, um Smart-Contract-, Oracle-, Governance-, Bridgerisiken angemessen zu kompensieren. DeFi wird im Kern sicherer und an den Rändern gefährlicher. Die Branche steht nicht vor einem einzigen grossen Sicherheitsversagen, sondern vor einem Long-Tail-Säuberungszyklus, in dem falsch bepreiste Risiken offengelegt werden. Im Kern der Anwendung zeigt sich DeFi bereits bemerkenswert widerstandsfähig. Jeder Hackversuch, der absorbiert und analysiert wird, bringt das System näher an institutionelle Robustheit.

Bereich zeigt Resilienz

Wird sich der DeFi-Bereich also von diesen Angriffen und Kapitalabflüssen erholen können? «Die Erfahrung der vergangenen Jahre spricht dafür. Die noch junge Welt der dezentralen Finanzen hat bislang eine bemerkenswerte Resilienz bewiesen und sich nach Rückschlägen immer wieder aufgerafft oder gar neu erfunden», schreibt Pascal Hügli, Crypto Investment Manager bei Maerki Baumann im «Archip»-Report. Unbestritten sei aber auch, dass sich der Sektor weiter professionalisieren müsse. Vor allem versteckte Zentralisierungsrisiken müssten konsequenter identifiziert, reduziert und transparent gemach werden. «Denn nur wenn DeFi nicht nur technologisch innovativ, sondern auch operativ und strukturell robuster wird, kann verlorenes Vertrauen nachhaltig zurückkehren», schreibt der Experte.

«Ich bin der Ansicht, dass DeFi tot ist, dass es sich bei DeFi um eine Art Nischenprodukt-Kategorie mit einer abgeschotteten Community handelt. Dieses Konzept ist tot … Mit der Zeit wird man nicht mehr von DeFi sprechen. Man wird einfach von Finanzen sprechen.» Das sagt Sidney Powell, der CEO von Maple Finance in einem YouTube-Podcast mit Kryptoexperte Marc Baumann. Die DeFi-Plattform Maple hat im Rahmen ihres neuen Modells mit überbesicherten Krediten, Ausleihungen in Höhe von mehr als 21 Milliarden Dollar vorgenommen und verzeichnet seit 2023 keine Kreditausfälle.




Short cuts: News aus der digitalen Welt


Die Bank of England macht Stablecoins den Weg frei

Die Bank of England (BoE) bereite sich darauf vor, die geplanten Beschränkungen für Stablecoins zu lockern, berichten britische Medien, darunter die «Financial Times». Der Druck der Branche, die beklagt hatte, die ursprünglichen Vorschläge seien zu konservativ, scheint Früchte zu tragen. Sarah Breeden, die für Finanzstabilität zuständige stellvertretende Gouverneurin der britischen Zentralbank, erklärte gegenüber der FT, man prüfe intensiv, ob es andere Wege gebe, wie man die Risiken im Zusammenhang mit dem Aufkommen von Stablecoins bewältigen könne.

«Wir sind sehr daran interessiert, ein Rahmenwerk zu schaffen, in dem Stablecoins erfolgreich sein und den Nutzern Vorteile bieten können», gab Breeden zu Protokoll. Aber es handle sich um Geld, und die BoE wolle sicherstellen, dass diese neue Form des Geldes sicher sei. Ursprünglich hatte die Notenbank vorgeschlagen, die Besitzgrenze für britische Stablecoins für Privatpersonen auf 20.000 Pfund und Unternehmen auf 10 Millionen Pfund zu beschränken, um einen massiven Abfluss von Bankeinlagen zu vermeiden. Die BoE bereite sich zudem darauf vor, ihre geplante Anforderung zu lockern, wonach mindestens 40 Prozent der Vermögenswerte, die eine britische Stablecoin absichern, als zinslose Einlage bei der Zentralbank hinterlegt werden müssen, während der Rest in Staatsanleihen und andere liquide Vermögenswerte investiert wird. Diese Anforderung ist wesentlich restriktiver als etwa in den USA.


Bitcoin Suisse wagt sich ins Bermudadreieck

Der Schweizer Kryptodienstleister Bitcoin Suisse hat in Bermuda eine Digital-Asset-Lizenz und eine Investment-Business-Registrierung erhalten. Damit stärke Bitcoin Suisse die internationale Präsenz weiter. Der Verwalter von digitalen Vermögenswerten besitzt bereits eine Zulassung der Finanzmarktaufsicht von Abu Dhabi. Das deutet einerseits auf eine globale Expansionsstrategie hin, ist aber andererseits auch ein Zeichen, dass die hiesigen Institute die Geduld mit dem Gesetzgebungs- und Zulassungsprozess in der Schweiz verlieren. Bermuda ist wie die Schweiz ein Vorreiter in der digitalen Regulierung. Während die Schweiz das DLT-Gesetzespaket 2021 verabschiedete, ist der Digital Asset Business Act auf der Inselgruppe im Atlantik seit 2018 in Kraft.

Während die Schweiz aber bald auf die «Krypto-Bremse» trat, entwickelte sich das Finanzcenter auf Bermuda weiter. Die Genehmigungen in Bermuda wurde auf «präoperativer Basis» erteilt und sei an die Erfüllung «üblicher Bedingungen geknüpft», bevor mit den Dienstleistungen für professionelle und institutionelle Kunden begonnen werden kann. Bitcoin Suisse darf damit professionellen und institutionellen Kunden ausserhalb der Schweiz regulierte Dienstleistungen im Management von digitalen Vermögenswerten und in der Investment-Beratung erbringen. Angeboten würden auch diskretionäre Portfoliomandate und proprietäre Anlagestrategien, schreibt das Unternehmen.

MEHR ZUM THEMA


Die EU macht vorwärts mit dem Euro-Stablecoin - die Schweiz döst

Während hierzulande noch im Sandkasten gespielt wird, macht Quivalis in der EU Nägel mit Köpfen. +++ Dazu: Iran zeigt die dunklen Seiten des Bitcoins +++ Die «Strategy» der Ethereum-Welt.
8. Mai 2026

Wie die Familie Trump die Krypto-Welt «melkt»

Eine Anklage in den USA zeigt, dass Trump statt zum Förderer immer mehr zum Problem für die Blockchainindustrie wird. +++ Dazu: Satoshi wurde schon wieder gefunden +++ «Nur Strategy treibt Bitcoin».
30. April 2026

«Mit dem Angriff auf den Iran explodierte das Volumen auf Hyperliquid»

Ein Experte erklärt, welche Rolle der Defi-Handelsplatz im Erdölhandel und der Tokensierung spielt – und wie der Vergleich mit Ethereum aussieht. +++ Dazu: Wette nicht auf Dich selbst +++ Die Grundidee des Bitcoins verliert sich im Nebel.
24. April 2026