Adrian Fritz ist im November 2025 zum Chefstrategen des Krypto-ETP-Spezialisten 21Shares ernannt worden. Er ist seit über vier Jahren für das Unternehmen tätig – zuvor als Global Head of Research. Kurz zuvor hatte der US-Primebroker FalconX das Schweizer Start-up gekauft, das innerhalb von wenigen Jahren zum Unicorn aufgestiegen ist. 21Shares ermöglicht Anlegern mit über 60 Produkten in einzelne Kryptowährungen oder Gruppen von Krypto-Assets zu investieren.
Und in den Short Cuts diese Woche:
• Tether lanciert zweiten Dollar-Stablecoin
• Coinbase bietet Wetten an
Vor Kurzem hat die New York Stock Exchange den Einstieg in die Aktien-Tokenisierung bekannt gegeben. Ist das die Initialzündung – in der Schweiz sind ja mehrere Projekte mit KMU-Aktien nicht aus den Startblöcken gekommen?
Die Idee in der Schweiz mit Aktionariat und anderen Anbietern ist eigentlich brillant, aber hat es leider noch nicht in die breite Masse geschafft. In den USA, im grössten Kapitalmarkt, ist es dann doch noch mal etwas anderes. Tokenisierung und Stablecoins müssen Hand in Hand gehen, im Endeffekt müssen Effizienzen geschaffen werden, vor allem auf der operativen Seite – sprich Settlement, Clearing, Abwicklung. Es wird alles viel schneller und günstiger. Das ist die Motivation, weshalb sich NYSE, Nasdaq und andere Börsen das Ganze ansehen. Der Trend setzte Ende des vergangenen Jahres ein und bereits gibt es über 700 Millionen Dollar in tokenisierte Aktien.
Angeblich prüft nun auch die UBS, ihren Kunden den Zugang zu Krypto-Investments zu eröffnen. Verlieren 21Shares und andere spezialisierte Krypto-Dienstleister so ihre Daseinsberechtigung?
Langfristig wird das den Wettbewerb intensivieren. Aber für uns sind es in erster Linie gute News. Die Asset-Klasse wird so weiter legitimiert. Der Kuchen ist riesig und es gibt noch viel Raum zu wachsen. Spezialisten wie uns wird es immer brauchen. Vor allem, wenn es technisch wird, was die Operations angeht, das ist unser Kerngeschäft.
Der Schweizer Kunde hat den Ruf, träge zu sein, und er geht gerne zum Anbieter, der alles aus einer Hand anbietet, auch wenn es etwas teurer ist. Man will nicht für jedes Asset zu einem anderen Spezialisten.
Das Schöne ist, dass wir Produkte-Emittent sind und deswegen nicht direkt mit den Banken konkurrieren. Viele Institute arbeiten mit unseren Produkten, entsprechend ist das komplementär. Es gibt zahlreiche Wege, wie Schweizer Kunden in unsere ETPs investieren können. Ein grosser Teil unseres Geschäfts ist bereits heute B2B2C.
Bitcoin verkörpert das Versprechen, digitales Gold zu werden. Nun hat aber das traditionelle Gold über viele Monate besser abgeschnitten. Ist die Kryptowährung doch näher an US-Tech-Aktien als an Gold?
Investoren setzen nicht in erster Linie aus Sicherheitsgründen auf Bitcoin. Man darf auch nicht vergessen: Bitcoin hat 2023 über 150 Prozent zugelegt und im darauffolgenden Jahr nochmals über 100 Prozent. Jetzt befindet er sich in einer Konsolidierungsphase. Bitcoin ist noch ein junges Asset und verhält sich deshalb oft wie eine Aktie. Langfristig, rein von den Charakteristika her, hat er aber grosse Ähnlichkeit zu Gold und wird sich langfristig zu digitalem Gold entwickeln.
Wenn Sie vom Trading sprechen: Der klassische Bitcoin-Käufer ist doch ein Hodler – der kauft und hält. Ist das vorbei?
Das ist spannend on-chain zu beobachten. Das hat im vergangenen Sommer eingesetzt, als plötzlich viele sogenannte Wale begannen, Profite mitzunehmen. Das ist verständlich. Das sind Investoren, die schon sehr lange dabei sind und bei der psychologischen Marke von 100’000 Dollar Gewinne realisiert haben. Das hat eine Weile angehalten – vor allem über die vergangenen sechs Monate. In den letzten Wochen haben jedoch viele Adressen mit kleineren Beständen, aber auch solche mit 1’000 Bitcoin und mehr, wieder begonnen zuzukaufen. Oft ist es so: Wenn der Markt in die Stärke läuft, beginnt jemand zu verkaufen – und umgekehrt. In der grundsätzlichen Dynamik hat sich aber nicht viel verändert.
Wenn wir bei den Walen sind: Es gibt auch viele Adressen, die sich nie bewegt haben – viele werden Satoshi Nakamoto zugeordnet. Sind die tot oder werden die irgendwann den Markt beeinflussen?
Das kann ich nicht beantworten. Eine gewisse Restgefahr bleibt bestehen. Es handelt sich um über eine Million Bitcoin auf Wallets, die Satoshi zugerechnet werden. Wir haben leider keine Anzeichen, wer dahintersteckt oder wer Zugriff darauf hat.
Hat 21Shares Recherchen angestellt, wer Satoshi sein könnte?
Ja, das haben wir – aber ohne Resultat, wie viele andere auch.
Im jüngsten Research halten Sie fest, der Vierjahreszyklus sei am Ende. Liegt das an der schrumpfenden Miner-Belohnung? Was werden die nächsten Treiber sein?
Die schrumpfende Belohnung ist ein wichtiger Grund. Wir sagen aber nicht, dass es keine Bitcoin-Zyklen mehr gibt. Der vierjährige Effekt durch die Halbierung der Miner-Belohnung wird jedoch marginaler. Die Adoption von Krypto-Assets ist mittlerweile weit fortgeschritten. Die institutionelle Nachfrage nach Bitcoin & Co. ist ein zentraler Treiber, ebenso die Liquidität im Finanzmarkt und makroökonomische Einflüsse.
Wenn die Belohnung für die Validierung langfristig gegen Null geht: Werden sich dann noch Miner finden lassen, die in Rechenkapazität investieren?
Langfristig ist theoretisch denkbar, dass es keinen ökonomischen Anreiz mehr gibt, als Miner aktiv zu sein. Bis dato wurden kleinere Blockbelohnungen jedoch durch höhere Preise kompensiert. Bitcoin lebt davon, dass der Preis steigt. Ein weiterer Faktor ist, dass Mining immer effizienter wird und es entsprechend günstiger ist, neue Bitcoin zu generieren. Zudem gibt es in weniger als 120 Jahren gar keine Blockbelohnungen mehr. Dann lebt das Netzwerk ausschliesslich von Transaktionsgebühren – bei gleichzeitig so hoher Adoption, dass viele Marktteilnehmer ein starkes Eigeninteresse daran haben, das Netzwerk zu sichern.
Es gibt Stimmen, die sagen: Bitcoin ist genial, aber es hat Schwachstellen – irgendwann wird etwas Besseres kommen, etwa mit mehr Kapazität.
Das Problem ist nicht, eine neue Kryptowährung zu erschaffen, sondern die Netzwerkeffekte zu replizieren. Und da sehe ich eine sehr geringe Wahrscheinlichkeit. Es gibt Hunderttausende von Krypto-Assets. Viele davon sind limitiert, aber keines hat ein globales, dezentrales Netzwerk aufgebaut wie Bitcoin.
Bitcoin gilt als Wertspeicher, während andere Kryptowährungen – etwa Ethereum, Cardano oder Solana – als Plattformen für Anwendungen wie DeFi, Stablecoins oder Meme-Coins dienen. Nun kommen auch Layer-2-Anwendungen für Bitcoin ins Spiel. Wird Bitcoin auch hier relevant?
Das ist eine grosse Debatte innerhalb der Bitcoin-Community. Es gibt die Frage, ob Layer-2-Lösungen sinnvoll sind oder nicht. Dabei besteht auch die Gefahr einer Abspaltung, die Smart-Contract-Fähigkeiten unterstützt. Diese Bitcoin-Anwendungen sind im vergangenen Jahr stark gewachsen, zuletzt aber stagniert. Die meisten Lösungen sind nicht besonders stabil und haben bislang wenige Anwendungsfälle.
In Ihrer Preisanalyse spielt dieser Aspekt keine Rolle?
Nein, überhaupt nicht. Unsere Analyse basiert ausschliesslich auf der Funktion als digitales Gold und als Wertspeicher.
21Shares hat mittlerweile über 60 Anlageprodukte lanciert. Machen Sie für jeden einzelnen Coin eine Preisanalyse?
Nicht für alle. Am Ende entscheidet der Markt. Wir erhalten viele Anfragen von Kunden, die über ETPs investieren möchten. Entsprechend prüfen wir das jeweilige Krypto-Asset und entscheiden, ob wir ein Produkt auflegen oder nicht.
In Ihrer jüngsten Analyse setzen Sie für Ripple ein Kursziel von 2.69 Dollar. Das ist sehr konkret – hätten es auch 2.71 sein können?
Genaue Prognosen über zwölf Monate sind natürlich anspruchsvoll. Unser Research analysiert, welches Potenzial in einzelnen Assets steckt – insbesondere im Vergleich zu anderen Coins.
Kaum ein durchschnittlicher Krypto-Anleger kann 40 Coins und ihre Funktionen aufzählen. Ihr Unternehmen hat etwa ein Aave-ETP emittiert. Was gibt den Ausschlag für eine Marktlancierung?
Es gibt zwei zentrale Treiber. Einerseits die kommerzielle Nachfrage, also wenn viele Kunden ein bestimmtes Produkt nachfragen. Dann prüfen wir intern und führen Research sowie Due Diligence durch, um mögliche Risiken oder Kontroversen zu identifizieren. Andererseits kommt der Impuls aus unserem Research: Wir sehen Potenzial in einem Coin, während der Markt noch hinterherhinkt. Aave ist spannend, weil es eine etablierte DeFi-Anwendung mit langjährigem Track Record ist.
Einzelne Produktmerkmale zählen oft weniger – der Markt hängt am Bitcoin. Fällt dieser, fällt meist der gesamte Markt.
2026 wird stärker ein Jahr der Selektion, weil der Markt reift. Investoren müssen genauer hinschauen: Gibt es Umsätze? Cashflows? Was ist das konkrete Werteversprechen? Künftig werden nicht mehr alle Krypto-Assets synchron steigen. Es wird Gewinner und Verlierer geben. Deshalb ist es gut möglich, dass von unseren über 60 Produkten nicht alle überleben – insbesondere in einem Bärenmarkt.
Haben Sie auch schon Anlageprodukte geschlossen?
Absolut. Wir überprüfen jedes Jahr alle Produkte hinsichtlich Profitabilität und technologischer Perspektive. Das ist im ETF-Geschäft völlig normal. Beispiele sind Sandbox und Decentraland – zwei Metaverse-Produkte, die im letzten Zyklus stark nachgefragt waren, später aber kaum noch Volumen aufwiesen.
Metaverse war ein riesiger Hype. Ist das Thema bereits tot?
Langfristig glaube ich weiterhin an das Metaverse. Aber es war ein klassischer Technologie-Boom. Viele erwarten eine sofortige Transformation. In Wirklichkeit wird das noch Jahre oder Jahrzehnte dauern. Stand heute ist das Metaverse tot.
Und NFT – die gleiche Geschichte?
Der Grossteil der NFT-Projekte ist bereits gestorben oder wird es noch. Das Spannende ist, dass gute Technologien oft mit den dümmsten Anwendungsfällen starten. NFT ist dafür ein perfektes Beispiel. Die Idee eines einzigartigen Tokens auf der Blockchain ist sehr vielversprechend – sie begann aber leider mit überteuerten Affenbildern.
Stablecoins gelten derzeit als das heisseste Thema. Ist das für 21Shares relevant – auch wenn Investoren keinen Ertrag erzielen?
Leider noch nicht. Die Frage wird uns häufig gestellt. Stand heute gibt es jedoch keinen Stablecoin-Zins, der ein Fixed-Income-Produkt ermöglicht. Das hängt vor allem mit der Regulierung in Europa zusammen. Stablecoins sind jedoch gekommen, um zu bleiben, und haben zahlreiche Anwendungsfälle.
In Ihrer Prognose für 2026 sprechen Sie von einer fortschreitenden Institutionalisierung. Wird Krypto langfristig Teil der klassischen Finanzwelt?
Krypto wird weniger exotisch, aber bleibt disruptiv. Die Zukunft von Blockchain ist letztlich ziemlich langweilig. Sie wird Finanzinfrastruktur. Stablecoins werden sich anfühlen wie jede andere Zahlungsart. Der Grossteil der Kryptowährungen wird verschwinden. Entscheidend sind Fundamentaldaten wie Nutzerzahlen, Projekte und Liquidität.
Gleichzeitig prognostizieren Sie Probleme für Krypto-Treasury-Unternehmen.
Ich glaube nicht, dass Strategy selbst das Problem ist. Kritisch sind vielmehr viele sogenannte Digital Asset Treasuries, die erst im jüngsten Hype eingestiegen sind. Dort wird es zu einer Konsolidierung kommen. Das belastet den Markt kurzfristig, aber nicht strukturell.
Haben Sie auch einen Blick auf Prognosemärkte geworfen – sind diese für Investoren interessant, auch ohne klassische Wetten?
Die meisten Prognosemärkte haben keine eigenen Token. Dennoch wickeln sie inzwischen enorme Volumina ab und erweisen sich oft als sehr präzise. Sie werden bereits von Medien wie dem Wall Street Journal oder Bloomberg genutzt. Perspektivisch könnten sie als Instrument in Hedging-Strategien eingesetzt werden.
Short cuts: News aus der digitalen Welt
Tether lanciert zweiten Dollar-Stablecoin
Tether hat mit dem USAT den ersten föderativ regulierten Stablecoin für den US-Markt lanciert. Die Anchorage Digital Bank agiert als Emittentin. Das ist eine Premiere: Sie ist die erste föderativ regulierte Bank, die einen Stablecoin ausgibt. Cantor Fitzgerald als Preferred Primary Dealer der US-Regierung verwaltet die Treasury-Reserven des USAT. Die neue Tether-Einheit wird von Bo Hines geführt. Der 30-Jährige leitete bis August 2025 den White House Crypto Council unter Präsident Trump. Dort arbeitete er am im Juli verabschiedeten Genius Act mit. Das Gesetz verlangt eine vollständige Deckung durch liquide Assets. USAT ist 1:1 durch US-Dollar oder kurzfristige Treasury Bills gedeckt. Monatliche geprüfte Berichte über die Reserve-Zusammensetzung sind Pflicht. Im Insolvenzfall haben Stablecoin-Inhaber Vorrang vor allen anderen Gläubigern.
Tether ist bereits Marktführer für Dollar-Stablecoins und diese machen deutlich über 95 Prozent des Stablecoin-Marktes aus. Der «ursprünglich Tether» steht wegen mangelnder Transparenz bei den Reserven immer wieder in der Kritik. Die strengen Offenlegungspflichten und Prüfungsanforderungen unter dem Genius Act erfüllt der Tether nicht. Der Marktanteil von Tether (USDT) ist mit 186 Milliarden Dollar auf 60 Prozent gefallen. Circles USD-Coin verwaltet mittlerweile 75 Milliarden und dominiert den US-Markt für institutionelle Kunden. Tether fährt nun eine Zwei-Produkte-Strategie: USDT bleibt der internationale Standard, USAT zielt auf US-Institutionen und amerikanische Privatanleger.
Coinbase bietet Wetten an
Die Kryptobörse Coinbase hat auf dem Kurznachrichtendienst X die Einführung von Prognosemärkten auf «alle realen Ergebnisse aus Sport, Politik, Kultur und mehr» in allen 50 US-Bundesstaaten angekündigt. Das folgt aus dem Vorstoss, im Dezember in Zusammenarbeit mit Kalshi Onchain-Prognosemärkte einzuführen. Kontrakte auf Prognosemarktplattformen wie Kalshi und Polymarket ermöglichen es Nutzern, auf die Ergebnisse einer Vielzahl von Themen zu wetten, wobei die Wahrscheinlichkeit jedes Ereignisses durch die Beteiligung der Nutzer bestimmt wird. Ebenfalls im Dezember gab Coinbase die Übernahme von The Clearing Company bekannt, als Teil der Expansion in den Bereich der Prognosemärkte. Coinbase plant zur Allround-Börse zu werden mit einem Handelsangebot an Aktien, tokenisierten Vermögenswerten und Prognosen. Der Partner Kalshi steht jedoch im Fokus der Behörden. Zwar ist der Anbieter auf Bundesebene von der US Commodity Futures Trading Commission (CFTC) reguliert, sieht sich aber mit rechtlichen Schritten von Behörden in mindestens vier Bundesstaaten konfrontiert, weil die Plattform ohne Glücksspiel-Lizenz Wetten auf Sportereignisse anbietet.

