Stocker-Verteidiger schiebt Verantwortung dem Aduno-Verwaltungsrat zu

Im Vincenz-Prozess attackiert Andreas Blattmann den Verwaltungsrat von Aduno scharf. Beim Commtrain-Deal habe er «nicht einmal nachgefragt», sagte er. Weiss der Strafverteidiger, wie ein Verwaltungsrat funktioniert?

Stocker-Verteidiger schiebt Verantwortung dem Aduno-Verwaltungsrat zu
Pierin Vincenz auf dem Weg ins Gericht. (Bild: Screenshot SRF)

Warum sitzen Pierin Vincenz und Beat Stocker auf der Anklagebank? Unter anderem, weil sie sich verdeckt an Firmen beteiligt haben, die sie später mit Millionengewinnen an die Bezahlfirma Aduno verkauften. Um ihre Beteiligungen zu verschleiern, nutzten sie eine Investmentfirma (I-Finance Management AG, IFM) und setzten einen Anwalt als einziges Organ ein. Warum agierten sie verdeckt? Weil Vincenz bei Aduno Verwaltungsratspräsident und Stocker operativer Chef war – und somit in einem klassischen Interessenkonflikt standen.

Andreas Blattmann ist der Verteidiger von Beat Stocker. Der bekannte Strafverteidiger behauptet, dass Aduno gar kein Interesse daran gehabt habe, die wahren Beteiligungsverhältnisse zu erfahren. In seinem Plädoyer greift er den Verwaltungsrat frontal an.

Andreas Blattmann sagte wörtlich:

«Der Verwaltungsrat eines etablierten Unternehmens in der Finanzbranche verfügt über die Fähigkeiten und die Erfahrung, um die Notwendigkeit und den Umfang von Abklärungen bei einer Unternehmensakquisition zu beurteilen. Wenn aber nicht einmal nachgefragt oder Offenlegung gefordert wird, wenn noch vor Vertragsunterzeichnung erkannt wird, dass der eigene Anwalt für die Gegenseite unterzeichnet, dann fehlen selbst elementarste Vorsichtsmassnahmen. Die Überprüfungen des Verwaltungsrats blieben derart rudimentär, dass sie nicht einmal das im normalen Geschäftsgang Übliche erreichten.» Anschliessend zitiert er noch den Strafrechtler Gunther Arzt mit den Worten: «Würde hier Arglist bejaht, würden nicht Dumme oder Schwache, sondern Fahrlässige oder Faule geschützt. Auch deshalb ist Arglist zu verneinen.»

Happige Unterstellung

Stocker-Anwalt Blattmann unterstellt dem Aduno-Verwaltungsrat also, dass er faul oder fahrlässig gehandelt habe. Was treibt den bekannten Strafverteidiger dazu? Entweder kennt er als Anwalt die Aufgaben und Pflichten eines Verwaltungsrats nicht oder er ignoriert sie. Zunächst: Wenn ein Verwaltungsrat über eine Firmenübernahme entscheidet, dann ist diese Transaktion durch den CEO vorbereitet worden – im Fall von Commtrain also durch Beat Stocker selbst.

Wenn ein solches Geschäft in den Verwaltungsrat kommt, dann braucht es zunächst einen Entscheid, ob man auf das Geschäft überhaupt eintreten möchte oder nicht. Ist man sich da einig, geht es um den eigentlichen Entscheid, das Geschäft zu tätigen oder nicht. Eine ganz zentrale Frage dabei ist, dass man im Rahmen der Transaktion die wirtschaftlich Berechtigten abklärt.

Diese Abklärung ist aber nicht Sache des Verwaltungsrats, wie Andreas Blattmann in seinem Plädoyer insinuiert, sondern des CEOs, der die Transaktion operativ durchzieht. Gerade auch bei einer Transaktion wie bei Commtrain, wo mit I-Finance Management (IFM) ein Private-Equity-Vehikel dazwischengeschaltet wurde.

Üblicherweise würde ein Verwaltungsrat in der Sitzung fragen: Habt ihr die wirtschaftlich Berechtigten abgeklärt, gibt es da kein Problem? Wenn dann der CEO sagt, ja, das haben wir gemacht, das ist eine Private-Equity-Struktur, das ist alles überhaupt kein Problem, dann wird sich der Verwaltungsrat darauf verlassen – er wird sich sogar darauf verlassen müssen.

Er muss davon ausgehen, dass der CEO die Wahrheit sagt. Und selbstverständlich kann er auch davon ausgehen, dass der CEO und der Verwaltungsratspräsident (Pierin Vincenz) nicht selbst hinter der Struktur stecken. Kein Verwaltungsrat funktioniert in der Praxis so, dass er dem CEO oder dem Verwaltungsratspräsidenten grundsätzlich misstrauen müsste, wie Jurist Blattmann meint.

Besondere Treuepflicht

Umgekehrt ist sonnenklar, dass Beat Stocker und Pierin Vincenz von sich aus auf ihre Interessenkonflikte hätten hinweisen müssen. Vincenz hätte schon bei der Frage, ob man grundsätzlich auf das Geschäft eingehen soll, in den Ausstand treten – oder zumindest das Gremium fragen müssen, ob er mitentscheiden darf. Der Präsident und der CEO haben eine besondere Treuepflicht gegenüber dem Unternehmen, in dem sie beschäftigt sind und von dem sie Lohn beziehen. Das blendet Anwalt Blattmann einfach aus.

Streng genommen hätten Vincenz und Stocker bereits bei der ersten Kontaktaufnahme mit den früheren Besitzern von Commtrain dies gegenüber Aduno offenlegen müssen. Eigentlich weiss jeder Angestellte in der Schweiz, dass er ein fremdes Engagement, das den Job tangiert, dem Chef melden muss.

Interessant ist noch ein anderer Punkt, nämlich, was Blattmann in seinem zehnstündigen Plädoyer nicht sagte. Er lieferte keine Erklärung ab, warum sein Mandant die Beteiligung an Commtrain gegenüber dem Verwaltungsrat nicht offenlegte. Wenn alles überhaupt kein Problem war und Stocker und Vincenz im Interesse von Aduno gehandelt haben, warum haben sie dann ihre Beteiligung verschleiert?

Mehr zum Prozess:
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