Die mutmasslichen Betrügereien von Pierin Vincenz und Beat Stocker begannen mit dem sogenannten Commtrain-Deal. Commtrain war eine kleine Firma, die Bezahlsysteme herstellte. Beat Stocker und Pierin Vincenz, damals CEO und Verwaltungsratspräsident von Aduno (früher Viseca), beteiligten sich an Commtrain über die Zuger Gesellschaft I-Finance AG. Um ihr Engagement zu verschleiern, liessen sie einen Anwalt als einzigen Verwaltungsrat im Handelsregister eintragen.
Vincenz und Stocker beziehungsweise die I-Finance AG kauften Commtrain in zwei Tranchen. Später kam es zu einem Kooperationsvertrag mit Aduno und nochmals später erfolgte der Verkauf an Aduno. Dabei erzielten Stocker und Vincenz einen schönen Gewinn. Gegenüber den Verwaltungsräten von Aduno hielten sie ihre Beteiligung geheim. Das sind die Fakten.
Der Zürcher Oberrichter Christian Prinz befragte am Dienstag Beat Stocker zum Commtrain-Deal. Dieser erklärte, wieso er die Firma interessant fand und wie sie für Aduno ein Gewinn sein könnte. Als Richter Prinz fragte, warum er dann eine Gesellschaft dazwischengeschaltet habe, um sich an Commtrain zu beteiligen, sagte Stocker, es sei nicht seine Absicht gewesen, sich zu bereichern. Seine Motivation sei gewesen, eine bestmögliche Transaktion für alle Beteiligten zu garantieren.
Er habe auch keinen Gedanken an einen möglichen Interessenkonflikt verschwendet. «Die Lösung, die ich im Sinn hatte, war Win-Win», sagte Stocker. Daher habe er gedacht, es sei okay. Er habe die Sache nicht im VR diskutieren wollen, da hätte es sonst nur Bedenken gegeben. Etwa durch Harald Nedwed, den ehemaligen Chef der Migros-Bank.
Im ersten Prozess tönte es noch anders
Vor vier Jahren beim Prozess vor dem Zürcher Bezirksgericht stellte er den Deal ganz anders dar: Die Beteiligung an Commtrain sei nicht mit dem Ziel erfolgt, die Firma später an Aduno zu veräussern. Die verdeckte Beteiligung sei vielmehr das «Skin in the Game» gewesen, also sein persönliches unternehmerisches Risiko, heisst es in einem Protokoll. Neben Aduno habe es auch andere Interessenten gegeben.
Gestern beschrieb Stocker Commtrain als eine Firma, die einen Gewinn für Aduno darstellte, und erklärte, er habe von Anfang an an einen möglichst guten Deal für alle geglaubt. Auch in Bezug auf Interessenkonflikte machte er unterschiedliche Aussagen. 2022 erklärte er vor Gericht, eine Offenlegung hätte im Aduno-Verwaltungsrat «reflexartig» die Frage nach Interessenkonflikten aufgeworfen und möglicherweise das Geschäft gefährdet. Gestern sagte er, er habe damals «keinen Gedanken an einen möglichen Interessenkonflikt verschwendet».
Dass Stocker im Verhör den Aduno-Verwaltungsrat Harald Nedwed mit Namen nennt, ist erstaunlich. Er sagt damit, dass der Verwaltungsrat die Transaktion ziemlich sicher blockiert hätte, wenn dieser gewusst hätte, dass Stocker und Vincenz sich vorgängig an Commtrain beteiligt hatten.
Entlarvter Pierin Vincenz
Widersprüchlich sind auch die Aussagen von Pierin Vincenz zu den Spesenexzessen. In einem separaten Steuerverfahren wurde Vincenz bereits verurteilt. Er musste Steuern nachzahlen, weil das Gericht diese als private Auslagen taxierte und sie daher einkommenssteuerpflichtig sind.
Am Dienstag vor Obergericht verteidigte er die Spesen wiederum als geschäftliche Auslagen. Eine Reise nach Australien unternahm er, um dort Schalterhallen zu besichtigen. Entlarvend waren auch seine Aussagen zu Spesen in Nacht- und Stripclubs, die angeblich geschäftlichen Zwecken dienten.
Im Streit mit einer Frau demolierte er ein Zimmer des Nobelhotels Hyatt. Dass die Auslagen dafür vom Geschäft bezahlt wurden, sei irrtümlich erfolgt. Diese Frau lernte er offenbar über Tinder kennen, wie Vincenz sagte.
Geradezu abstrus erscheint, dass er dem Date einen geschäftlichen Hintergrund verleiht. Er habe die Frau für die Raiffeisen als Arbeitnehmerin gewinnen wollen. Sei es üblich, dass ein CEO sich mit Personalfragen befasse, wollte das Gericht wissen. Das sei so, meinte Vincenz allen Ernstes. Habe er auch mit der App Tinder Personal gesucht? Ja, das sei ein soziales Medium wie alle anderen gewesen.