Wunderwerkzeug Altruist
Der Hype um ein neues KI-Werkzeug liess Bankaktien in den USA und jetzt auch in der Schweiz einbrechen. Was ist an den Befürchtungen dran, dass künstliche Intelligenz die Margen der Banken zerstören wird? Marc Weber von der VZ Depotbank und Adriano Lucatelli von Descartes ordnen ein.
12. Februar 2026 • Beat Schmid

Anfang Woche startete der Ausverkauf. Amerikanische Brokeragefirmen wie Raymond James, Charles Schwab und LPL Financial brachen um rund acht Prozent ein. Auslöser war ein neues KI-Werkzeug für Finanzunternehmen. Damit ist eingetreten, was zuvor bereits bei Softwareunternehmen oder Datenprovidern zu beobachten war: Neue, auf Branchen ausgerichtete KI-Werkzeuge machen das Leben für bestehende Anbieter schwer.

Im Finanzsektor geht die Befürchtung um, dass automatisierte Beratung mithilfe künstlicher Intelligenz das Geschäftsmodell der Branche grundsätzlich unter Druck setzen könnte. Damit gerät die Wealth-Management-Industrie ins Visier der KI-Konkurrenz. Die Reaktion der Anleger fiel harsch aus: Sie trennten sich in grossem Stil von Papieren wie Raymond James (minus 8,8 Prozent). Charles Schwab sackte um 7,4 Prozent ab, LPL Financial Holdings um 8,3 Prozent – für beide der schwächste Handelstag seit Trumps Zollchaostagen im letzten April.

Der Kursrutsch kam plötzlich und unvermittelt. Charles Schwab ist die einzige Aktie der Gruppe mit einer einzelnen Verkaufsempfehlung. Bei den Analysten scheint der KI-Effekt bislang unter dem Radar zu fliegen. «Die Unsicherheit ist extrem hoch, und es ist sehr schwierig, ein negatives Szenario zu widerlegen», sagte ein UBS-Analyst in einem Interview. «Wir befinden uns in einer Phase, in der wir schlicht nicht wissen, was die nächsten 12 oder 24 Monate für diese Unternehmen bringen werden.»

Altruist-Gründer kennen das Banking

Am Mittwoch schwappte die KI-Panik dann über den Atlantik nach Europa. Schweizer Bankaktien reagierten mit Kursrutschen. Die UBS verlor knapp drei Prozent, bei Julius Bär lag das Minus bei 3,1 Prozent, bei EFG bei 4,4 Prozent und beim VZ sogar bei 5,27 Prozent. Am Donnerstag haben sich die Kurse nicht erholt.

Das Tool, das die Märkte in Wallung versetzt, wurde am Dienstag vorgestellt und stammt vom Tech-Startup Altruist. Es soll Finanzberater dabei unterstützen, Strategien für Kunden zu personalisieren sowie Lohnabrechnungen, Kontoauszüge und weitere Dokumente zu erstellen. Altruist-Gründer und CEO Jason Wenk begann seine Karriere bei Morgan Stanley, COO Mazi Bahadori war zuvor bei Pimco Investment Management tätig. Sie kennen die Branche aus dem Effeff.

«Viele Spekulationen im Markt»

Gut möglich, dass die Reaktion der Märkte übertrieben ist. «Wir sehen viele Spekulationen im Markt, die zum Teil nichts mit realen Entwicklungen zu tun haben», sagt Marc Weber, CEO der VZ Depotbank AG. Grundsätzlich sieht er für sein Unternehmen mehr Chancen als Risiken. Ein hoher Anteil repetitiver Aufgaben lasse sich mit KI deutlich schneller erledigen. Dadurch hätten Berater mehr Zeit für die Kunden.

Allerdings könne der Einsatz von KI auch dazu führen, dass insgesamt weniger Stunden verrechnet werden, räumt Weber ein. Die zentrale Frage sei, was der Kunde wolle. Er geht davon aus, dass viele Menschen kurz vor der Pensionierung auf eine persönliche Beratung nicht verzichten möchten. Finanzberatungen beim Immobilienkauf oder beim Übergang in die Pensionierung sind das eigentliche Kerngeschäft des VZ.

«Regional- und Kantonalbanken werden es schwer haben»

Unbestritten ist, dass im Finanzsektor erhebliches Optimierungspotenzial vorhanden ist. «Banken verdienen sehr viel Geld im Brokerage», sagt Weber. KI werde in diesem Bereich spürbar auf die Margen drücken. Das sieht auch Adriano Lucatelli so, Gründer des Zürcher Wealthtechs Descartes. «Repetitive Arbeiten im Backoffice kann eine KI besser und schneller erledigen», sagt er. Lucatelli glaubt, dass die Zeiten bald vorbei sein werden, in denen Banken mit einfachem Brokerage-Geschäft viel Geld verdienen konnten. Besonders exponiert ist dabei das USA-Geschäft der UBS, das stark auf einem Brokerage-Ansatz basiert.

In der Schweiz dürften vor allem kleinere und mittelgrosse Regional- und Kantonalbanken betroffen sein, glaubt Lucatelli. Spezialisierte Nischenanbieter wie Descartes seien dagegen ohnehin schon sehr effizient aufgestellt und setzten KI bereits ein. Hinzu kommt, dass Fintechs meist keine teuren Legacy-Systeme unterhalten müssen. Grenzen der KI sieht Lucatelli hingegen bei der eigentlichen Anlageberatung.

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