Das westliche Business-Establishment ist aus den Fugen. Die riesige Datenmenge, die zum Leben und Umfeld von Jeffrey Epstein durch das US-Justizministerium der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde, rückt gefühlt jede Stunde einen neuen Prominenten, CEO oder Politiker ins Scheinwerferlicht und wirft dementsprechend unangenehme Fragen auf. Eine solche Erwähnung kann verheerend sein. Das zeigt das Beispiel Palantir. Das Software-Unternehmen büsste umgehend rund 40 Milliarden Dollar an Marktwert ein, nachdem bekannt wurde, dass der Name von Peter Thiel, Gründer und VR-Präsident von Palantir, weit über hundert Mal in den 3 Millionen Dateien erscheint.
In der Datenflut tauchen auch zahlreiche Verbindungen zu Epstein und frühen Bitcoin-Entwicklern auf. Auch der Bitcoin kam in den vergangenen Tagen unter die Räder. Wie viel und ob überhaupt ein Zusammenhang zwischen Werteinbusse und «Epstein-Verbindungen» besteht, ist aber schwer abzuschätzen. Die Files zeigen: Der mittlerweile verstorbene Sexualstraftäter stand in regelmässigem Kontakt mit Joichi Ito, einem japanischen Unternehmer, der das MIT Media Lab zwischen 2011 und 2019 leitete. Das MIT (Massachusetts Institute of Technology) positionierte sich in dieser Zeit als zentrale Drehscheibe für die Arbeit am Bitcoin-Protokoll. «Das ist ein grosser Gewinn für uns», schrieb Ito in einer E-Mail an Epstein, in der er darüber berichtete, dass die Bitcoin-Core-Entwickler dem MIT Media Lab beigetreten waren.
MIT half Bitcoin erwachsen zu werden
Die Digital Currency Initiative (DGI) des MIT Media Lab hat massgeblich dazu beigetragen, dass sich der Bitcoin zu einem wichtigen Faktor im Finanzsystem entwickelt hat, der er heute ist. Wie aus dem E-Mail-Austausch hervorgeht, war Epsteins Unterstützung eine wichtige Säule für die Gründung der DGI. Zwischen 2002 und 2017 spendete Epstein gemäss Akten 850'000 Dollar an das Massachusetts Institute of Technology (MIT), wobei 525’000 US-Dollar speziell für die Digital Currency Initiative des MIT Media Lab vorgesehen waren. Im Jahr 2015 wurde ein Teil dieser Mittel zur Bezahlung von Bitcoin-Core-Mitwirkenden verwendet, die dem Labor beitraten, nachdem der Bitcoin Foundation das Geld ausgegangen war.
Joichi Ito schrieb Epstein, dass seine Investition auch genutzt worden sei, um weitere Commits zu finanzieren. Ein Bitcoin-Commit ist eine spezifische Änderung am Programmcode des Bitcoin Core-Repositorys auf Plattformen wie GitHub, die von Entwicklern vorgeschlagen und nach der Prüfung zusammengeführt wird. Diese Commits aktualisieren den Quellcode, beheben Fehler oder fügen neue Funktionen hinzu. Sie sind ein Mass für die aktive Weiterentwicklung des Netzwerks. Alle hier beschriebenen E-Mail-Interaktionen fanden nach Epsteins Verurteilung durch ein Gericht in Florida im Jahr 2008 wegen Vermittlung von Kindern zur Prostitution und Anwerbung einer Prostituierten statt.
Wenig Begeisterung unter Krypto-Fans
Diese Neuigkeiten kamen bei Krypto-Enthusiasten nicht gut an. Seit dem Schreiben von Ito an Epstein hat sich der Zahl der Commits verdreifacht. Ein Teil dieser Entwicklung ist also scheinbar von Epstein finanziert worden. «Ein Teil des Bitcoin-Codes stammt direkt aus Epsteins-Investitionen, wir haben seit 2015 im Grunde genommen einen elitären globalen Pädophilenring finanziert», schreibt ein Mitglied in einem Entwickler-Chats.
Die E-Mail-Kette von Ito deutet auch darauf hin, dass der mysteriöse Entwickler von Bitcoin – der pseudonyme Satoshi Nakamoto – in Wirklichkeit fünf Kernentwickler gewesen sein könnten, von denen jeder mit Epstein in Kontakt stand. Einer dieser Kernentwickler ist der frühe Bitcoin-Mitwirkende Adam Back, der den Proof-of-Work-Algorithmus erfunden hat, der in Nakamotos Whitepaper über Kryptowährungen erwähnt wird. Andere E-Mails zeigen, dass Ito dem verurteilten Sexualstraftäter vorschlug, sich mit Adam Back, und anderen Tech-Grössen zu treffen, um über die revolutionäre neue Währung zu diskutieren.
War er Satoshi?
Wie diese Dateien zeigen, hatte Back ein Treffen mit Epstein angestrebt, um die Finanzierung für seines Krypto-Unternehmen Blockstream sicherzustellen. Aus den freigegebenen Unterlagen geht hervor, dass Back zusammen mit Blockstream-CEO Austin Hill eine Reise zu Epstein nach St. Thomas plante – eine der US-Jungferninseln, die sechs Meilen von der berüchtigten Epstein-Insel Little Saint James entfernt liegt. Auch mit den anderen Mitgliedern des Bitcoin-Core-Teams des MIT war Epstein über die Jahre immer wieder im (E-Mail)-Kontakt.
Dieses Engagement und die frühe Verbindung mit führenden Krypto-Pionieren führten zur Theorie, dass Epstein selbst Satoshi Nakamoto – der sagenumwobene Bitcoin-Erfinder – sei. Dieses Gerücht – das schnell Verbreitung fand – lässt sich aber einfach entkräften. Satoshi publizierte im Oktober 2008 das Bitcoin-Whitepaper und im Januar 2009 die erste Version der Referenzimplementierung. Die intensivste Entwicklung der Kryptowährung fand in den Jahren 2009 und 2010 statt. Genau in diesem Zeitraum war Epstein jedoch entweder inhaftiert oder stand in Florida unter strenger staatlicher Aufsicht. Der Aufbau des Bitcoins erforderte aber obsessive, ununterbrochene Arbeit.
Zudem hatte sich Epstein, der vermeintliche Satoshi, immer unwissend gegeben. Jahre später, als Bitcoin bereits global verbreitet war, versuchte Epstein immer noch, das Konzept zu verstehen. Im Jahr 2014 und erneut im Jahr 2018 schickte er E-Mails an Personen wie Peter Thiel und Steve Bannon, in denen er grundlegende Fragen zu Kryptowährungen stellte – zu Regulierung, Steuern, Verteilung. Das wäre erstaunlich, wenn der Schöpfer solche «Anfängerfragen» zum System hätte, dass er selbst entwickelt hatte.
Nicht in Bitcoin, sondern Erzählungen investiert
In Bezug auf die Bewertung von Bitcoin gilt es aber etwas Wichtiges im Auge zu behalten. Der Bitcoin wird nicht von einer Person geleitet wie oftmals ein Unternehmen. Das System hat sich nicht verändert, weil Epstein eventuell einen Teil der Weiterentwicklung mitfinanziert hat. Bitcoin ist Open Source, dezentralisiert, zensurresistent und genehmigungsfrei. Der Coin kümmert sich nicht um Identität, Grenzen, Politik oder Moral. Kein Einzelner kontrolliert ihn. Bitcoin existiert, um Menschen vor Geldentwertung zu schützen und den freien Besitz und Austausch von Werten zu ermöglichen. Wenn nun also Investoren aufgrund von vagen Geschichten und Gerüchten ihre Bitcoins verkauft haben, dann haben diese Personen nie wirklich Bitcoin gehalten, sie haben in eine Erzählung investiert und Erzählungen überstehen keinen Druck.
Wenn die Epstein-Files den Bitcoin allerdings so unter Druck bringen könnten, sollte das allen Krypto-Investoren zu denken geben. Nicht weil die eingangs erwähnten Verbindungen relevant ist, sondern weil die Überzeugung zum Bitcoin so schnell bröckelt. Ein dezentrales System, das Verbote, Abstürze, Kriege und koordinierte Angriffe überstanden hat, wird plötzlich aufgrund von Gerüchten über eine Person in Frage gestellt.

