FTX-Pleite
Die Schweiz war eines der wichtigsten Länder auf der Landkarte von FTX – jetzt zeigen Dokumente, dass bisher erst in zwei von sechs Gesellschaften Bargeld gefunden wurde.
22. November 2022 • Beat Schmid

In der Schweiz betrieb FTX insgesamt sechs Gesellschaften. Davon konnte Sachwalter Ray bisher erst die Bargeldbestände von zwei Firmen erheben. Auf Konten der FTX Europa AG in Pfäffikon sollen gemäss Unterlagen 2,8 Millionen Dollar liegen. 16’799 Dollar befanden sich zum Zeitpunkt der Bilanzdeponierung auf dem Konto der FTX Switzerland GmbH.

Noch im September wollte Sam Bankman-Fried eine Milliarde frisches Kapital aufnehmen, was die Bewertung der FTX-Kryptobörse auf über 32 Milliarden Dollar hochgeschraubt hätte. Nur wenige Wochen später brach sein Kryptoimperium zusammen.

Anlegerinnen und Anleger, die auf der Plattform gehandelt haben, dürften Milliarden verloren haben. Ob und wie viel sie von ihren Einsätzen sehen werden, wird das Konkursverfahren ergeben müssen. So viel lässt sich jetzt schon sagen, bisher ist der Sachwalter nur auf wenig Verwertbares gestossen.

Gemäss Gerichtsunterlagen kenne er wegen Versäumnissen beim Cash-Management in der Vergangenheit noch nicht die genaue Höhe der Barmittel, die die FTX-Gruppe am Antragstag besass, schreibt Sachwalter John Ray in einem Dokument, das er letzten Freitag beim zuständigen Gericht in Delaware einreichte.

In der vorläufigen Auflistung kam er auf Cash-Bestände von insgesamt 564 Millionen Dollar, die sich in Gesellschaften mit FTX-Bezug befinden. Davon können lediglich 169,8 Millionen Dollar Konzerngesellschaften zugeordnet werden. Der grösste Teil befindet sich in zwei Unternehmen auf den Bahamas. Insgesamt liegen dort über 80 Millionen Dollar.

Viel Bargeld auf Zypern

Die FTX Europa AG fungierte im Firmennetz von Bankman-Fried als Holdinggesellschaft für Börsenaktivitäten in Europa und dem Nahen Osten. In der Schweiz verfügte FTX jedoch über keinen Handelsplatz. Dieser befand sich auf Zypern bei der FTX EU Ltd. Dort konnten insgesamt 49 Millionen Dollar Bargeld sichergestellt werden, wobei der Grossteil (knapp 48 Millionen) auf Depotkonten liegt.

Wie bereits früher berichtet, sitzen im Verwaltungsrat der FTX Europe die beiden Schweizer Rechtsanwälte Martin Liebi und Kilian Schärli sowie Jürg Bavaud und der Berliner Anwalt Chef Legal Robin Matzke. Liebi und Bavaud haben nach der Pleite von FTX ihre Social-Media-Profile auf Linkedin gelöscht.

Das Konkursverfahren ist äusserst komplex. Wie John Ray in den Gerichtsunterlagen schreibt, habe er Tag und Nacht gearbeitet, um die “Vermögenswerte, wo immer sie sich befinden, zu sichern und zuverlässige Bücher und Aufzeichnungen” zu identifizieren. Dabei sind ihm wohl manchmal die Haare zu Berge gestanden, wie sich aus seinen Schilderungen herauslesen lässt.

“Noch nie ein derart umfassendes Versagen erlebt”

Er schreibt: “Noch nie in meiner beruflichen Laufbahn habe ich ein derart umfassendes Versagen der Unternehmenskontrollen und ein komplettes Fehlen vertrauenswürdiger Finanzinformationen erlebt wie hier. Angefangen bei der mangelhaften Integrität der Systeme und der ebenso dürftigen behördlichen Aufsicht im Ausland bis hin zur Konzentration der Kontrolle in den Händen einer sehr kleinen Gruppe unerfahrener, unbedarfter und potenziell kompromittierten Personen – diese Situation ist beispiellos.”

John Ray sagt, dass er über 40 Jahre Erfahrung in Konkursfällen habe. “Ich war Chief Restructuring Officer oder Chief Executive Officer bei mehreren der grössten Unternehmenszusammenbrüche der Geschichte”, schreibt er. Unter anderem war er bei der Aufklärung des Enron-Skandals involviert.

FTX schuldet den 50 grössten Gläubigern 3,1 Milliarden Dollar

Wie ebenfalls bekannt wurde, schuldet FTX ihren 50 grössten Gläubigern nach eigenen Angaben fast 3,1 Milliarden Dollar. Allein auf die zehn grössten Geldgeber würden etwa 1,45 Milliarden entfallen. Insgesamt sollen von der spektakulären Pleite eine Million Kunden betroffen sein.

In Miami wurde inzwischen eine Sammelklage gegen Sam Bankman-Fried eingereicht. Die von FTX angebotenen verzinsten Kryptowährungskonten hätten gemäss Klageschrift wegen fehlenden Lizenzen in den USA nicht angeboten werden dürfen. Neben dem FTX-Gründer fordern die Kläger auch von Football-Superstar Tom Brady und Tennisspielerin Naomi Osaka Schadenersatz. Die beiden hätten FTX als Werbebotschafter unterstützt.

Update: Gemäss neuesten Unterlagen, die heute eingereicht wurden, sind die Sachwalter bei ihren Untersuchungen inzwischen auf neuen Barmittel gestossen. Demnach verfügen FTX und mit ihr verbundene Unternehmen über einen Cash-Gesamtbestand von 1,24 Milliarden Dollar. Keine neuen Barmitteln wurden in Schweizer FTX-Gesellschaften gefunden.

Insbesondere wurden Mittel bei der Eigenhandels-Gesellschaft Alameda Research und weiteren ihr nahestehenden Firmen gefunden. Gemäss dem eingesetzten Beratungsunternehmen Alvarez & Marsal sollen die Bargeldbestände in diesen Firmen fast 401 Millionen Dollar betragen, wobei der Löwenanteil von 364 Millionen Dollar bei Alameda Research verbucht ist. Zudem stiessen sie bei FTX Japan über ein Cashvolumen von 171,7 Millionen Dollar.