Interview
Adrian Schatzmann ist CEO des Verbands Asset Management Association Switzerland. Er äussert sich zu Sinn und Unsinn von ESG und zum jüngsten Greenwashing-Skandal, den die deutsche Fondsgesellschaft DWS erschüttert.
3. Juni 2022 • Beat Schmid

In der Sustainable-Finance-Szene mehren sich hitzige Debatten. Der Leiter Responsible Investments von HSBC Asset Management, Stuart Kirk, sagte, dass die finanziellen Risiken des Klimawandels von Regulatoren und Politikern überschätzt werden und sorgte damit für einen Knall in der Branche.

Zu Erschütterungen kam es diese Woche in Frankfurt, als Beamte eine Grossrazzia bei der Deutschen Bank und ihrer Fonds-Tochter DWS durchführten wegen Verdachts auf Anlagebetrug in Zusammenhang mit Greenwashing. Ausgelöst wurden die Ermittlungen von Whistleblowerin Desiree Fixler, der früheren Sustainability-Chefin. DWS-Chef Asoka Wöhrmann musste gestern von seinem Job zurücktreten. Es ist das ersten Mal, dass ein hochrangiger Manager wie Wöhrmann seinen Posten räumen musste wegen Greenwashing.

Was ist los in der Welt von ESG, Sustainable Finance und Responsible Investment? Adrian Schatzmann, CEO der Swiss Asset Management Association, nimmt Stellung. Sein Verband vertritt Branchenschwergewichte wie Blackrock, Credit Suisse, UBS, Pictet, Lombard Odier und viele mehr.

Herr Schatzmann, der überraschende Rücktritt von Asoka Wöhrmann zeigt exemplarisch, dass Greenwashing kein Kavaliersdelikt ist. Hat die Asset-Management-Industrie Greenwashing als Risikofaktor bisher unterschätzt?

Die gehäuften Schlagzeilen zu Greenwashing vermitteln den Eindruck, dass es sich hier um ein systemisches Problem im Bereich Sustainable Finance handelt. Das ist aus meiner Sicht und insbesondere auch mit Blick auf die Schweizer Asset-Management-Industrie nicht der Fall. Das wiederum bedeutet aber nicht, dass wir als Branchenverband Greenwashing als Kavaliersdelikt betrachten. Greenwashingvorwürfe, ob begründet oder unbegründet, können die Reputation und Glaubwürdigkeit unserer Industrie angreifen und die Branche einem Generalverdacht aussetzen.

Der suspendierte HSBC-Manager Stuart Kirk löste mit seinen ESG-kritischen Aussagen eine Debatte aus. Andere prominente Ex-Banker wie Tariq Fancy äusserten sich ebenfalls kritisch zu ESG. Manche Beobachter sagen, dass die Aussagen dieser und anderer Kritiker ein Beleg dafür seien, dass es die Finanzbranche mit ihrem Engagement gegen den Klimawandel gar nicht so ernst meine. Was sagen Sie dazu?

Als Verband haben wir uns mehrfach und deutlich dazu bekannt, uns dafür zu engagieren, dass die Finanzströme möglichst klimaverträglich ausgerichtet werden, um so den Klimawandel zu bekämpfen. Wir haben aber auch gesagt, dass wir beziehungsweise die Finanzindustrie den Klimawandel nicht allein stoppen können, sondern dass dafür vor allem auch politische Lösungen gefunden werden müssen.

Sind ESG und Nachhaltigkeit nur eine schöne Fassade der Finanzindustrie?

Ein klares Nein. Das beweist allein schon die hervorragende Arbeit, welche Schweizer Asset Manager im ESG-Bereich leisten. Damit ist aber nicht gesagt, dass sich die Asset-Management-Industrie bezüglich ESG und Nachhaltigkeit nicht weiter entwickeln muss – gerade auch mit Blick auf Transparenz und Offenlegung. Letzteres manifestiert sich auch in Greenwashing-Vorwürfen an einzelne Anbieter. Grundsätzlich sind Asset Manager ihrer Kundschaft verpflichtet. ESG und Nachhaltigkeit entsprechen Kundenbedürfnissen und es obliegt dem Asset Manager zu entscheiden, ob und in welcher Breite und Tiefe er diese Kundenbedürfnisse anbieten kann und will.

Kann man heute als Asset Manager noch bestehen, wenn man ESG-Kriterien nicht integriert?

Letztlich entscheiden dies die Kunden. Es steht grundsätzlich jedem Asset Manager frei, wie er sich im Markt gegenüber den Kunden positioniert. Die Integration von ESG-Kriterien sagt per se noch nichts über die Qualität eines Asset Managers aus. Hingegen kann sich jeder Asset Manager durch seinen Anlagestil, seinen Anlageprozess oder sein spezialisiertes Research von der Konkurrenz differenzieren. Dazu kann auch die Integration von ESG-Kriterien gehören. Grundsätzlich stellen wir fest, dass ESG-Investing von Kunden – auch im institutionellen Bereich - immer stärker nachgefragt wird und die Anforderungen diesbezüglich an die Asset Manager laufend steigen.

Gibt es Mitglieder in Ihrem Verband, die auf ESG-Themen verzichten?

Ja, die gibt es – allein schon aufgrund unserer Mitgliederstruktur, die neben reinen Asset Managern auch Fondsleitungen, Depotbanken oder Anwaltskanzleien ausmachen.

Der suspendierte HSBC-Mann Stuart Kirk sagte auch, dass die finanziellen Risiken des Klimawandels überbewertet werden. Was ist Ihre Meinung?

Ich bin überzeugt, dass die von einem Klimawandel ausgehenden finanziellen Risiken in den Anlageprozess integriert werden müssen. Klimarisiken sind Anlagerisiken. Asset Manager kommen schlicht nicht mehr darum herum. Wie diese Risiken bewertet werden, ist aber dem Analysten überlassen und unternehmensspezifisch.

Nach der ESG-Lehre ist es ein Risiko, Öl- und Gas-Aktien zu besitzen. Und trotzdem gehen die Titel durch die Decke. Ein Beleg, dass die finanziellen Risiken des Klimawandels überschätzt werden?

Diese kurzfristigen Kursschwankungen sind primär Beleg, dass aktuell nach wie vor ein hoher Bedarf nach fossilen Energien besteht. Rund 80 Prozent des weltweiten Energiebedarfs werden weiterhin von den Energieträgern Erdöl, Kohle und Gas gedeckt. Langfristig und als Anleger müssen Sie sich aber die Frage stellen, ob das Geschäftsmodell dieser Branche zukunftsgerichtet ist. Die negativen Externalitäten der Erdöl-Produktion und des resultierenden CO₂-Ausstosses sind bei weitem noch nicht im CO₂-Preis abgebildet.

Auch der Krieg in der Ukraine fegte viele Gewissheiten weg. Waffenfirmen gelten plötzlich als nachhaltig, weil Waffen den Frieden sichern können. Selbst Öl- und Gasförderungen scheinen wieder salonfähig zu werden. Atomkraft wurde schon vor dem Krieg als nachhaltig eingestuft. Wie problematisch sind solche Umschwünge für Anbieter von ESG-Produkten? Wie geht man damit um?

Diese unterschiedlichen Sichtweisen sind Ausdruck davon, dass ESG und Nachhaltigkeit sehr stark von subjektiven Wertvorstellungen beeinflusst sind. Sie decken meiner Meinung nach auch die fundamentale Schwäche einer EU-Taxonomie auf, welche Unternehmen und ihre wirtschaftlichen Aktivitäten mit Blick auf die Nachhaltigkeit starr klassifiziert. Entscheidend ist, dass ein Asset Manager seine, sich durchaus auch unter dem Eindruck von geopolitischen Ereignissen oder ökologischen Entwicklungen verändernden Überzeugungen und Werte vollständig transparent macht. Die Anlegerinnen und Anleger müssen wissen, in welche Firmen und Sektoren der Asset Manager investiert und in welche nicht.

Sollten Asset Manager generell auf Ausschlusskriterien verzichten angesichts solcher überraschenden Wendungen?

Nein, Ausschluss ist ein Anlagestil, der weiterhin nachgefragt wird. Anlegerinnen und Anleger sollten sich aber bewusst sein, dass man mit dem Ausschluss bestimmter Industrien oder Unternehmen zwar bestimmte Wertvorstellungen abbildet, direkt aber nichts bewirkt. Das «Problem» wird bei Ausschluss in erster Linie verkauft, nicht gelöst. Investiert man jedoch in den Transitionsprozess eines Unternehmens, das sich CO2-Ziele gesetzt hat, diese nachweisbar verfolgt oder ein klimafreundlicheres Geschäftsmodell anstrebt und setzt dies mittels Engagement und Wahrnehmung der Stimmrechte auch aktiv um, so kann ein Asset Manager Wirkung erzielen. Die Devise ist: Als Asset Manager wollen wir nicht primär die Anlageportfolios dekarbonisieren, sondern die Realwirtschaft.

Tesla ist aus dem ESG-Index S&P 500 ESG herausgeflogen. Während es ExxonMobil unter die besten zehn Firmen geschafft hat. Können Sie verstehen, dass viele Menschen dies nicht nachvollziehen können?

Ja, das ist von aussen auf den ersten Blick schwer nachvollziehbar. Allerdings berücksichtigt ESG neben umweltrelevanten Kriterien auch soziale Aspekte und solche der Governance. ESG bedeutet keine Reduktion auf das Klima. Zudem unterscheiden sich die Anbieter von ESG-Ratingagenturen, was in fehlender oder erschwerter Vergleichbarkeit resultiert.

Das Interview wurde schriftlich geführt.