Digital Assets Briefing
Jahrelang galt Swift als Rückgrat des internationalen Zahlungsverkehrs. Nun setzt die Organisation selbst auf Blockchain-Technologie und könnte den Wettbewerb im grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr neu definieren.
17. Juli 2026 • Werner Grundlehner

Angriff ist die beste Verteidigung – wenn die Blockchain unser Transaktionsnetzwerk bedroht, gehen wir auch auf die Blockchain. Das dürfte sich Swift angesichts der Zahlungsinitiativen von Kryptodienstleistern und Stablecoins gedacht haben. Die Society for Worldwide Interbank Financial Telecommunication (SWIFT), der weltweit über 11’000 Finanzinstitute in mehr als 200 Ländern angehören hat einen Pilotbetrieb mit einem Blockchain-Ledger eingeführt, auf dem die Testteilnehmer rund um die Uhr grenzüberschreitende Zahlungen mit tokenisierten Einlagen vornehmen können.

Zu den 17 globalen Grossbanken, die das blockchainbasierte Hauptbuch testen, gehört auch die UBS, neben BNP Paribas, the Bank of New York Mellon, Citi, HSBC und Wells Fargo. Ziel ist es gemäss Pressemitteilung, den Banken zu ermöglichen, Gelder für Kunden über Nacht und am Wochenende zu bewegen, bevor die endgültige Abwicklung über bestehende Zahlungssysteme erfolgt. Die Banken werden die Transaktionen mit Stablecoins und tokenisierten Vermögenswerten über mehrere Blockchains hinweg abwickeln können, wobei sie neben den bestehenden Zahlungsnetzen arbeiten und diese nicht ersetzen werden. Die UBS schreibt in einem Statement, dass die Bank an einer einer Vielzahl von Brancheninitiativen beteiligt sei, die sich mit digitalen Vermögenswerten, tokenisierten Einlagen und Stablecoins befassen.

Nur ein Kommunikationsnetzwerk

Stablecoin-Emittenten bieten bereits Transfers an, die ausserhalb der Bankgeschäftszeiten abgewickelt werden können, wobei Banken regulatorische, Compliance- und Risikokontrollen als Vorbehalte gegen Stablecoins anführen und lieber tokenisierte Einlagen auf bankgeführten Infrastrukturen anführen. Swift bietet bisher kein Transaktionsnetzwerk und überweist oder verwaltet kein echtes Geld. Es ist ein globales, sicheres Kommunikationsnetzwerk der Banken. Es dient dazu, standardisierte Nachrichten für internationale Geldtransfers und Finanztransaktionen zwischen Instituten zu übermitteln. Der entscheidende Unterschied zu Stablecoins liegt in der Rechtsnatur des Geldes. Tokenisierte Einlagen sind zunächst digitale Repräsentationen realer Bankguthaben, die im regulierten Bankensystem verbleiben. Somit gelten Einlagensicherung, KYC- und AML-Prüfungen sowie die Bilanzierung bei der emittierenden Bank weiter. Stablecoins hingegen stammen meist von Drittanbietern und sind überwiegend an den US-Dollar gekoppelt.

Banken senden heute über Swift Zahlungsanweisungen, die dann über Korrespondenzbanken abgewickelt werden. Swift gibt an, dass 75 Prozent der Zahlungen im Netzwerk innerhalb von 10 Minuten die Empfängerbanken erreichen würden – häufig sogar in Sekunden. Der Blockchain-Ledger soll nun eine durchgehend verfügbare Plattform für regulierte digitale Gelder bieten und gleichzeitig die endgültige Abwicklung an bestehende Systeme binden.

Ripple ist nicht dabei

Der Ledger von Swift wird auf Linea aufgebaut, einer Ethereum Layer-2-Blockchain von ConsenSys auf der Basis von Hyperledger Besu, aber der Zugang bleibt vollständig zugangsbegrenzt. Nur das Bankenkonsortium entscheidet, wer auf dem Ledger Transaktionen durchführen darf. Diese geschlossene Struktur steht im Widerspruch zur Philosophie der offenen Blockchain-Kultur. Weil einige der Teilnehmer-Banken mit Ripple experimentieren, wurde der Ripple-Kurs durch die Swift-Ankündigung angetrieben. Doch in der Vergangenheit hatte Swift die Ripple-Blockchain kritisiert.

Ripple hat sich gemäss Markus Fehn von Chartered Investment früh als Swift-Alternative positioniert, sei im Kerngeschäft der Banken untereinander aber nie in der Breite angekommen. Die tatsächliche Nutzung konzentriere sich bis heute vor allem auf private Auslandsüberweisungen, etwa von Arbeitsmigranten in ihre Heimatländer. «Wenn Swift und die Grossbanken die Blockchain-Funktionalität nun selbst liefern, fällt das zentrale Verkaufsargument der Herausforderer weg: Warum eine Alternative nutzen, wenn das eigene Netzwerk dieselbe Leistung bietet?» fragt er rhetorisch.

Zugangsbeschränkte Systeme

Die Zentralisierungskritik an Ripple relativiere sich aber in diesem Kontext: Auch die Swift-Lösung sei eine zugangsbeschränkte Infrastruktur, betrieben von einer Genossenschaft der Banken, sagt Fehn. Im Zahlungsverkehr zwischen Banken sei das kein Mangel, sondern eine Voraussetzung, denn Aufsicht, Haftung und Governance verlangen klare Verantwortlichkeiten. «Die relevante Frage ist daher nicht dezentral oder zentral, sondern wessen Governance der Markt vertraut», fügt der Experte an.

Ripple könnte sicherlich ein Vorreiter sein bei der technischen Umsetzung, sagt Nourdine Abderrahmane, Partner bei Magpie Projects. «Der Ripple Token selbst eignet sich in heutiger Form nicht als Stablecoin, da die Tokens ja nicht nur Währung, sondern auch Firmenanteile darstellen, und somit den Zweck eines Stablecoins nicht genau umsetzen. Ripple argumentiere natürlich anders». Ripple ist wegen der Zentralisierung des Unternehmens, der Regulierungsproblematik und den häufigen Token-Verkauf durch Insider in der Kritik. Der frühere Swift-Innovationschefs Tom Zschach beendete Spekulationen über eine mögliche Integration von Ripple in das internationale Zahlungsnetzwerk auf X mit einem knappen «not happening».

Das Ende der Langsamkeit

«Für die Swift Teilnehmer ist es in erster Linie eine Erleichterung - man kann Zahlungen international konditioniert ausführen, man kann Checks wie Sanktionen, ausreichendes Guthaben bei der Korrespondenzbank präventiv prüfen Für den Kunden sollte endlich auch die Überweisungsgeschwindigkeit von bis zu drei Werktagen auf wenige Minuten heruntergehen», so Abderrahmane. Auf die Frage, wer durch die Swift-Initiative konkurrenziert werde, antwortet der Experte von Magpie Projects: «Wenn es überhaupt um Konkurrenzieren geht, dann stellt dieser Vorstoss eine Konkurrenz zu bestehenden Krypton-Tokens dar, deren Entwicklung ja unter anderem durch das lahme und zähe Korrespondenzbankensystem motiviert wurde. Ich sehe es jedoch als Vorstoss von Swift, mittels DLT einen der zentralen Nachteile zu heilen – nämlich, dass eine internationale Zahlung via Swift langsam, aufwendig und schwer nachvollziehbar ist».

«Stablecoin-Anbieter, allen voran Circle und das neu angekündigte OUSD-Konsortium. Sie werben um genau die grenzüberschreitenden Zahlungsströme, die Swift nun selbst rund um die Uhr abwickeln will», antwortet Markus Fehn auf die Frage der Konkurrenzierung. Daneben konkurrenziere das Projekt die zahlreichen Blockchain-Lösungen, die einzelne Banken oder kleinere Bankengruppen in den vergangenen Jahren für den Zahlungsverkehr untereinander aufgebaut hätten. Diese Lösungen funktionierten, erreichten aber jeweils nur einen begrenzten Teilnehmerkreis. Ein gemeinsames Netzwerk aller Banken mache viele dieser Insellösungen überflüssig. «Swift konkurrenziert damit auch Initiativen der eigenen Mitgliedsbanken», so Fehn.

Was kommt auf den Ledger?

Kann Swift zukünftig bestimmen, welche Stablecoins und welche Art von tokenisierten Assets auf der Swift-Blockchain gehandelt werden? «Faktisch ja, in seiner Rolle als Plattformbetreiber. Swift ist eine Genossenschaft der Banken und wird, wie heute schon bei den Nachrichtenstandards im Zahlungsverkehr, die Regeln setzen: welche Assets zugelassen werden, welche Anforderungen Emittenten erfüllen müssen und wie das Zusammenspiel mit anderen Netzwerken aussieht», sagt Fehn.

Das sei Stärke und Angriffsfläche zugleich. Standards schaffen Vertrauen und Skalierbarkeit, bedeuten aber auch Kontrolle über den Zugang. Die Governance-Details sind in der Pilotphase noch offen, genau hier lohnt sich gemäss Fehn in den kommenden Monaten der Blick. «Ich erwarte, dass Swift zunächst auf tokenisierte Einlagen der eigenen Mitgliedsbanken fokussiert und regulierte Assets schrittweise zulässt, statt eine offene Plattform für beliebige Token zu bauen».

Gelder bleiben Bankeinlagen

Der Unterschied zu anderen Systemen und Stablecoins liegt gemäss Fehn nicht in der Geschwindigkeit, sondern im Instrument. Tokenisierte Einlagen bleiben Bankeinlagen: mit Einlagensicherung, Verzinsungsmöglichkeit und voller Bankenregulierung. Stablecoins sind dagegen ein Anspruch auf einen Reservepool, in den USA nach dem Genius Act mit ausdrücklichem Zinsverbot für Halter, in Europa gilt unter MiCAR dasselbe für E-Geld-Token.

«Für die Banken ist der entscheidende Punkt: Fliessen Kundengelder in Stablecoins, verlassen Einlagen die Bankbilanz und fehlen in der Kreditvergabe. Tokenisierte Einlagen halten das Geld im Bankensystem. Für Unternehmen wiederum entfällt der Tausch in ein Dritt-Asset und damit das Risiko, dass dieses von seinem festen Wert abweicht», erklärt Fehn. Sein Fazit: Stablecoins und tokenisierte Einlagen konkurrierten nur an der Oberfläche um denselben Anwendungsfall. Strukturell seien es unterschiedliche Instrumente: Stablecoins dort, wo freie Übertragbarkeit gefragt ist, tokenisierte Einlagen dort, wo Geld im regulierten Bankenkreislauf bleiben soll.

Tokenisierung boomt

Welchen Impact Swift dereinst auf die dezentrale Transaktionsabwicklung haben wird, ist noch schwer abzuschätzen. Zwei Tatsachen sind aber unbestritten: Einerseits hat die Organisation mit ihrem bereits riesigen Netzwerk gute Chancen, den Markt zu dominieren, wenn eine attraktive Blockchain-Lösung aufgesetzt wird. Andererseits ist der Trend hin zu tokenisierten Wertschriften und Geld unumkehrbar. So hat sich etwa das monatliche Handelsvolumen von tokenisierten Aktien im Juni mit 3,86 Mrd. Dollar ein Allzeithoch erreicht – ein Anstieg von 145 Prozent innerhalb eines Monats. Um Handel und Abrechnung streiten sich dabei schon eine Vielzahl von Anbietern und Systemen wie Circle, Qivalis, Ripple, OpenUSD etc. Dabei gilt jedoch zu beachten, dass die Blockchains Solana, Ethereum etc. über welche dieser Boom läuft zu Kursen von vor drei Jahren bewertet werden.

Abderrahmane weist darauf hin, dass Stablecoins nur einen Teil des Bedürfnisses erfüllen. Eine Überweisung an das studierende Kind in Fiat Währung von hier nach Neuseeland würde in der heutigen Welt ein Einwechseln an einer Kryptobörse voraussetzen und beim Empfänger wieder umgekehrt. «Das macht die Überweisung schneller, jedoch sind die Transaktionsgebühren vergleichsweise hoch. Die Swift-Überweisung geht günstiger, dauert aber länger», so der Magpie-Projects-Experte.

Die Landschaft wird komplexer

Wer sich schlussendlich durchsetzen werde und ob es unübersichtlich werde, sei nicht einfach zu beantworten. «Vor nicht allzu langer Zeit gab es ja auch mehrere Kartengeld-Standards und verblieben sind nur wenige. Die Treiber sind jedoch vielschichtig: kommerziell, User-Freundlichkeit, aber auch organisatorische Gründe wie Bankenverbunde können einen Einfluss haben. Sogar geopolitische Faktoren spielen eine Rolle», fügt Abderrahmane an.

«Die Landschaft wird komplexer, nicht einfacher: Stablecoins, tokenisierte Einlagen, der digitale Euro, dazu diverse Blockchain-Lösungen einzelner Banken und Bankengruppen und jetzt der Swift-Ledger. Jede Initiative ist für sich schlüssig, die eigentliche Frage ist ihre Koexistenz», bestätigt Fehn. Einen einzelnen Gewinner werde es aus seiner Sicht nicht geben: «Wir bewegen uns auf eine Welt zu, in der mehrere Zahlungsnetzwerke dauerhaft nebeneinander bestehen. Durchsetzen werden sich jene, auf denen sich die Liquidität konzentriert und deren Standards anschlussfähig sind». Die Entwicklung von Märkten verlaufe erfahrungsgemäss in Zyklen: Eine Konsolidierung werde kommen, ihr Zeitpunkt sei schwer zu prognostizieren.

Für Finanzinstitute verschiebe sich damit die strategische Frage. Sie laute nicht mehr: Welche Technologie wähle ich? Sondern: Wie bleibe ich über mehrere Netzwerke hinweg anschluss- und handlungsfähig, so Fehn. «Wer heute alles auf ein einziges System setzt, geht eine Wette ein. Die Diskussion dreht sich immer weniger um digitale Assets selbst und immer mehr um Marktstruktur», fügt er an.

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