Zollstatistik
(Update) Zwar sagen die meisten Verarbeiter, sie würden kein Gold mehr aus Russland importieren, doch es geschieht weiterhin. Haben sich Schweizer Goldhändler kurz vor Inkrafttreten eines Importverbots nochmals eingedeckt?
22. September 2022 • Beat Schmid

In den Sommermonaten Juni und Juli wurden 284 beziehungsweise 261 Kilogramm Gold aus russischen Quellen in die Schweiz importiert. Im August schnellten die Importe auf 5,6 Tonnen hoch. Das geht aus der jüngsten Statistik des Bundesamts für Zoll und Grenzsicherheit (BAZG) hervor.

Dass überhaupt noch Gold aus Russland in die Schweiz eingeführt wird, ist insofern überraschend, als die wichtigsten Schweizer Verarbeiter bekannt gaben, auf russische Importe zu verzichten. Beim Grossteil der im August importierten Menge (4,9 Tonnen) handelt es sich gemäss Zoll um Gold, das nicht zur Raffination oder Weiterverarbeitung bestimmt ist. Das Gold hat einen Marktwert von über 300 Millionen Franken.

Als im Mai drei Tonnen russisches Gold in die Schweiz importiert wurden, sorgte dies für internationale Schlagzeilen. Damals betonten die vier grössten Schweizer Goldverarbeiter – MKS Pamp, Metalor Technologies, Argor-Heraeus and Valcambi –, sie hätten kein russisches Gold importiert.

Wer jetzt das russische Gold eingeführt hat, darüber macht der Zoll keine Angaben. Der Import von russischem Gold war bis am 3. August 2022 mit gewissen Einschränkungen legal. Seither ist es verboten, Gold aus Russland zu kaufen, einzuführen oder zu transportieren.

Der Bundesrat schloss sich den damals verschärften Sanktionen der EU an. Bis dahin war nur der Export von Gold nach Russland verboten. Die EU hatte das Importverbot im Rahmen ihres siebten Sanktionspakets bereits am 21. Juli beschlossen.

Möglich ist, dass Schweizer Goldhändler kurz vor Inkrafttreten des Importverbots sich mit russischem Gold eingedeckt haben. Das könnte den enormen Anstieg im August erklären.

Auffallend ist, dass seit Ausbruch der Kriegshandlungen in der Ukraine zu verarbeitendes Gold vor allem aus zwei Quellen stammt: den Vereinigten Arabischen Emiraten und den USA. Waren die Importe aus den Emiraten (Dubai) in den Monaten März und April dominant, sind es in den drauffolgenden Monaten diejenigen aus den USA.

Im Juni und im Juli führten Schweizer Goldraffinerien 38 beziehungsweise 33 Tonnen Gold aus den USA in die Schweiz ein – so viel wie nie seit Anfang 2021. Was die Gründe für diesen starken Anstieg sind, darüber wird in Insiderkreisen gerätselt.

Gold mag zwar ein schweres Metall sein, doch es lässt sich relativ leicht von einem Land zum nächsten verfrachten – wo es raffiniert oder umgeschmolzen werden kann. So lässt sich die ursprüngliche Herkunft des Edelmetalls verschleiern.

In den Monaten März und April importierte die Schweiz 36 beziehungsweise 20 Tonnen Gold aus den Emiraten. Der Grossteil davon stammt mutmasslich aus afrikanischen Exportländern. Aus welchen Ländern das Gold kommt, darüber macht die Zollstatistik keine Angaben. Das Gleiche gilt für Importe aus den USA. Die 65 Tonnen Gold, die im Juni und Juli in die Schweiz gelangten, dürfte zu einem grossen Teil in anderen Ländern geschürft worden sein.

Gold aus den USA, das aus Südamerika stammt

Die jährliche Produktion von amerikanischen Goldminen ist seit Jahren rückläufig. Im Jahr 2021 betrug die produzierte Menge 186 Tonnen Gold. Die Schweiz hätte also allein im Juni und Juli mehr als ein Drittel der US-Jahresproduktion abgenommen. Das ist unwahrscheinlich.

Wahrscheinlicher ist, dass der Grossteil der importierten 65 Tonnen ursprünglich aus südamerikanischen Minen stammt, der in Goldraffinerien in Miami umgeschmolzen wurde. Und von dort als amerikanisch deklariertes Gold in die Schweiz exportiert wurde.

Die fünf Schweizer Goldraffinerien im Tessin und der Westschweiz verarbeiten je nach Schätzung bis zu 70 Prozent des weltweit geschürften Goldes. Sie gehören zu den grössten Goldraffinerien der Welt. Valcambi, die sich als weltgrösste Goldraffinerie bezeichnet, verfügt über eine Tochtergesellschaft in den USA. Diese befindet sich in Fort Lauderdale, Florida.