Pierin Vincenz und Beat Stocker sind Finanzprofis, die es gewohnt sind, mit Millionen zu jonglieren. Ein Private-Equity-Vehikel da, ein gehebeltes Aktienportfolio hier. Auch ein gemeinsames Beteiligungsvehikel, die I-Finance Management AG, haben sie professionell aufgesetzt. Zur Verschleierung ihrer Beteiligung setzten sie einen Anwalt als einzigen Verwaltungsrat ein.
Interessant ist, dass eine wichtige Transaktion zwischen Beat Stocker und Pierin Vincenz dagegen erstaunlich unprofessionell abgewickelt wurde. Dabei geht es um die ominöse Überweisung von 2,9 Millionen Franken im Jahr 2015. Gemäss Verteidigung handelte es sich dabei um ein echtes, rechtlich bindendes Darlehen. Der Verwendungszweck des Geldes sei der Kauf einer privaten Villa durch Pierin Vincenz in Morcote gewesen.
Für die Zürcher Staatsanwaltschaft war der Darlehensvertrag allerdings ein konstruiertes Tarnmittel, um heimliche Zahlungen und Gewinnbeteiligungen aus den gemeinsamen Firmentransaktionen im Zusammenhang mit Investnet zu verschleiern. Sie wies darauf hin, dass innerhalb von nur drei Tagen zwei unterschiedliche Verträge über denselben Millionenbetrag unterzeichnet wurden.
Die Parteien stritten im Prozess am Zürcher Obergericht stundenlang über diese Transaktion. Was interessanterweise nicht thematisiert wurde, sind folgende Punkte.
Gesetzt den Fall, die Version der Verteidigung stimmt, dann kann man sich fragen:
Warum beharrte Privatinvestor Beat Stocker nicht auf einer hypothekarischen Absicherung seines Kredits? Jeder Investor mit Verstand würde das tun – insbesondere, wenn man weiss, dass die Gegenpartei oftmals knapp bei Kasse ist wie Pierin Vincenz. Wenn es wirklich ein Darlehen war, hätte Stocker gesagt: «Ich gebe dir das Geld, aber dafür will ich eine Grundpfandsicherheit, und zwar im ersten Rang.»
Zweitens: Warum war das Darlehen zinslos? Wenn es sich tatsächlich um einen Immobilienkredit handelte, hätte Beat Stocker wenigstens den Marktzins verlangen müssen. Das zumindest würde ein normaler Kreditgeber tun. Zudem hätte es einen Profiinvestor stutzig gemacht, dass der Chef der damals drittgrössten Bankengruppe nicht bei seiner eigenen Bank, sondern bei einer Privatperson nach einem Immobilienkredit nachfragt.
Drittens: Warum erfolgte die Auszahlung des Kredits kurz nachdem Stocker die doppelte Summe aus seiner Investnet-Beteiligung erhalten hatte? Die Verteidigung argumentiert, dass Vincenz im fraglichen Zeitraum einen akuten Liquiditätsengpass gehabt habe. Da Stocker durch seinen eigenen Erlös über entsprechende Barmittel verfügte, habe er seinem Geschäftspartner schlicht ein privates Darlehen gewähren können. Allerdings, und das ist der Punkt, dürfte Beat Stocker bereits zum damaligen Zeitpunkt über sehr hohe finanzielle Mittel verfügt haben. Es ist davon auszugehen, dass er zu jedem Zeitpunkt den Kredit hätte geben können. Schon im Prozess am Bezirksgericht im Jahre 2022 gab er an, nach Abzug von Schulden ein Vermögen von 30 Millionen Franken zu haben. Wenige Jahre zuvor habe dieses laut Steuerrechnung «erst» bei 25 Millionen gelegen.
Zum Abschluss der Verhandlung am Mittwoch ergriff Pierin Vincenz nochmals das Wort. Er sagte: «Ich bin mir durchaus bewusst, dass ich auch ein paar Sachen hätte besser machen können. Ich kann aber betonen, dass ich immer die Interessen der beiden Gesellschaften Raiffeisen und Aduno vor Augen hatte und sie nie, nie schädigen wollte. Darum ersuche ich um einen Freispruch.»
Auch Beat Stocker äusserte sich nochmals. «Es ging nie ums Geld», sagte er. Er beteuerte seine Unschuld und wies darauf hin, dass er gerne eine Stiftung mit seinem Vermögen gegründet hätte. Allerdings habe nach seiner Verhaftung keine Bank mehr mit ihm Geschäfte machen wollen.