Vor fünf Jahren schrieb das mittelamerikanische Land Geschichte. Als erstes Land der Welt führte El Salvador Bitcoin als gesetzliches Zahlungsmittel ein. Präsident Nayib Bukele wollte damit die Bürger ohne Bankkonto erreichen, internationale Überweisungen günstiger machen und ausländische Investoren anziehen. Als Bitcoin 2021 eingeführt wurde, verfügten nur rund 36 Prozent der erwachsenen Bürger des Landes über ein Bankkonto.
Fünf Jahre später zeigt sich, wie schwierig die Umsetzung war. Bitcoin wurde für Millionen Salvadorianer nicht zum alltäglichen Zahlungsmittel, auch die versprochene finanzielle Teilhabe blieb weitgehend aus. Ein Grund war das Chivo-Wallet, welches jeder Bürger mit einem Guthaben von 30 Dollar in Bitcoin erhalten konnte. Das Wallet sah sich weit verbreiteter Kritik ausgesetzt, darunter Vorwürfe des Identitätsdiebstahls, technische Pannen und eingefrorene Konten. Ein weiterer Grund für den Misserfolg ist, dass El Salvador bereits zuvor keine «eigene» Landeswährung mehr hatte. Seit 2001 wird der Dollar als offizielle Währung genutzt. Geld, das von Migranten aus den USA geschickt wird, muss daher nicht umgetauscht werden. Ein Teil des möglichen Kostenvorteils von Bitcoin entfällt damit.
IWF mochte das Experiment nicht
Der Internationale Währungsfonds (IWF) stand dem Experiment von Anfang an ablehnend gegenüber. Er warnte wiederholt davor, dass die Preisschwankungen von Bitcoin Risiken für die öffentlichen Finanzen bergen, und drängte auf eine Begrenzung der staatlichen Exponierung. Ende 2024 war der IWF kurz vor dem Ziel, die Kryptowährung einzugrenzen. Um einen dringend benötigten Kredit des IWF über 1,4 Mrd. Dollar zu erhalten, stimmte das Land zu, die umstrittene Bitcoin-Politik zurückzufahren. Das Land kündigte aber an, weiter Bitcoins zu kaufen.
Vor wenigen Tagen, am fünften Jahrestag seit der Einführung von Bitcoin, hat El Salvador bekannt gegeben, dass es seinen Bitcoin-Fonds um 50 Prozent reduzieren wird. Zudem wurde die gesetzliche Verpflichtung für Händler, Bitcoin als Zahlungsmittel zu akzeptieren, aufgehoben. Die Regierung hält 7474 Bitcoin und Unternehmen können zukünftig selbst entscheiden, ob sie Bitcoin akzeptieren möchten.
Kritische Masse ist erreicht
Trotz dieses Rückschlags bleibt festzuhalten, dass das Wertversprechen von Bitcoin insofern einzigartig ist, als es hinsichtlich seines Netzwerks eine kritische Masse erreicht hat. Es wird mit einer enormen Menge an Energie betrieben, die über die ganze Welt verteilt ist. Wir sind mittlerweile an einem Punkt angelangt, an dem sogar Regierungen dies tun – entweder heimlich oder offen. Heimlich tun dies beispielsweise Länder wie Russland, China oder der Iran, während ein Land wie Bhutan mit seinem Bitcoin-Mining dies offen tut.
Aus Sicht von Phil Lojacono von der Bitcoin-Boutique Berglinde hat sich Bitcoin bisher vor allem als Vermögenswert und Wertaufbewahrungsmittel durchgesetzt und noch nicht in relevantem Umfang als alltägliche Währung bzw. Zahlungsmittel. «Das sei ein wichtiger Unterschied», fügt er an. Dass Bitcoin als Parallel- oder sogar Landeswährung wie in El Salvador bisher nicht den erhofften Durchbruch erzielt habe, liege aus Perspektive von Lojacono weniger an technischen oder ökonomischen Unzulänglichkeiten von Bitcoin selbst.
Monetäre Struktur ist auf Fiat-Währungen ausgerichtet
«Vielmehr ist das bestehende politische und monetäre System strukturell auf Fiat-Währungen ausgelegt. Politiker und Regierungen haben in der Regel ein starkes Interesse daran, möglichst flexibel und schnell zusätzliche Geldmengen schaffen und ausgeben zu können – ein Phänomen, das unter dem Begriff Cantillon-Effekt beschrieben wird», sagt der Experte. Sein Unternehmen Berglinde wurde im vergangenen Herbst von Blockstream gekauft und ist auf Bitcoin-Lösungen für Institutionelle und auf mit Bitcoin besicherte Kredite spezialisiert. Solange dieses Anreizsystem bestehe, fehle der politische Wille, einen echten Gegenentwurf wie Bitcoin systematisch zu etablieren. Diesen Willen finde man derzeit nahezu nirgendwo in ausreichender Stärke.

«Dasselbe gilt für die stets weiterwachsenden Staatsdefizite: Diese sind in dem beobachteten Ausmass nur durch ungedecktes Fiat-Geld möglich. Bitcoin als knappes, nicht willkürlich vermehrbares Gut steht diesem Modell fundamental entgegen», ergänzt Lojacono. Ob und wann sich daran etwas ändere, hänge seines Erachtens vor allem davon ab, ob und wann der Schmerz für die Bevölkerung durch Inflation, Währungsverfall und Vertrauensverlust in das bestehende System gross genug werde. «Bis dahin bleibt Bitcoin primär ein Vermögenswert und ein alternatives Geldsystem, das parallel existiert – und weniger eine Landeswährung im klassischen Sinne», so der Berglinde-Experte.
Es braucht nur einen Aspekt für Akzeptanz
«Der Bitcoin kann erfolgreich sein, unabhängig davon, ob er sich als Tauschmittel oder als Währung etablieren kann», ergänzt Luke Nolan, Analyst von CoinShares. Die Funktion als Wertspeicher sei stark genug. Das sei der einzige Aspekt, der sich bezüglich Akzeptanz wirklich durchsetzen müsse. Daran habe das Vorgehen von El Salvador nichts geändert. Die Regierung habe ehrgeizig beschlossen: Lasst uns diese Infrastruktur für digitale Geldbörsen aufbauen. Wir werden sie jedem zur Verfügung stellen, der sie haben möchte, und wir verteilen zu Beginn eine kleine Menge Bitcoin.

«Betrachtet man die Statistiken, so waren die Nutzer überwiegend Männer Mitte 20, die bereits über Bankkonten verfügten, wahrscheinlich schon über Bitcoin Bescheid wussten und davon ziemlich begeistert waren», erklärt Nolan. In dieser Hinsicht sei das Projekt gescheitert, insofern das ursprüngliche Ziel darin bestanden habe, Menschen ohne Bankkonto Zugang zum Bankwesen zu verschaffen. «Ob es nun an mangelnder digitaler Kompetenz, anderen Faktoren oder hohen Transaktionskosten lag – was auch immer der Grund war, es ist auf jeden Fall gescheitert», so Nolan.
El Salvador muss das Experiment mit Bitcoin als Landeswährung einstellen, doch trotzdem erreichte das Land einiges. Bitcoin kam so auf die Agenda zahlreicher Regierungen. Länder wie die Zentralafrikanische Republik versuchten sich ebenfalls mit ähnlichen Experimenten. Grosse Länder wie Russland, China und der Iran setzen Bitcoin ebenfalls als Dollar-Alternative ein, tun dies aber im «Geheimen». Und auch für das Eigenmarketing als «digitale, fortschrittliche Nation» war das Projekt hilfreich. El Salvador erlebte in den vergangenen drei Jahren einen fast 95-prozentigen Zuwachs im Tourismus: Ein Teil davon ist auf jeden Fall auf den sogenannten Bitcoin-Tourismus zurückzuführen.