Sie sollen den Kopf für ein systemisches Versagen hinhalten. Dazu scheinen Mitarbeitende aus dem Wealth Management der Bank aber keine Lust zu haben. Wie Recherchen zeigen, wehren sich mehrere UBS-Kundenberater gegen ihre Entlassung. Mit Anwälten bereiten sie Klagen gegen die Grossbank vor. Insgesamt hat die UBS im Zusammenhang mit der Affäre um die Dollar-Derivate sieben Beschäftigte entlassen. Aus Sicht der Kundenberater erfolgten die Kündigungen missbräuchlich.
Vor über einem Jahr erschütterte ein Skandal um komplexe Fremdwährungskonstrukte die UBS. Die ursprünglich für professionelle Kunden positionierten Produkte wurden über mehrere Jahre auch vermögenden Kunden im Wealth Management der Bank angeboten. Die UBS versprach, dass mit den Währungsderivaten «Liquidität im Portfoliokontext attraktiv bewirtschaftet werden kann», wie es in einem inzwischen gelöschten LinkedIn-Beitrag eines UBS-Managers heisst.
Statt Cash auf den Konten schlummern zu lassen, sollten die Kunden ihr Geld in sogenannten Range Target Profit Forwards (RTPFs) anlegen. Diese Produkte werfen attraktive Erträge ab, solange sich ein Währungspaar innerhalb einer bestimmten Bandbreite bewegt. Die erheblichen Risiken, die bei starken Währungsschwankungen entstehen, durchblickten jedoch nur die wenigsten – weder bankintern noch auf Kundenseite.
Zum grossen Unfall kam es Anfang April 2025, als Donald Trump seine Zollankündigungen im Garten des Weissen Hauses machte und damit die Devisenmärkte in Aufruhr versetzte. Massenhaft rutschten die Range-Produkte der UBS aus den Bandbreiten. Zahlreiche Kunden mussten zusätzliches Geld einschiessen, das den ursprünglichen Kapitaleinsatz deutlich überstieg. Vermögende Kunden fielen aus allen Wolken, als sie von ihren Kundenberatern Margin Calls erhielten. Die Verluste fielen häufig doppelt ins Gewicht, weil die Kunden für den Kauf der FX-Produkte ihre Aktiendepots belehnten.
So schnell wie möglich vom Tisch
Nach dem Knall im April wollte die UBS das Thema so schnell wie möglich vom Tisch haben. Bereits vier Monate später sagte Sergio Ermotti anlässlich der Halbjahreskonferenz der UBS Ende Juli, eine interne Untersuchung hätte ergeben, dass rund 3000 Kundinnen und Kunden in der Schweiz diese Produkte in den letzten 12 bis 18 Monaten gehalten hatten. Bei weniger als 200 davon sei es zu Situationen gekommen, in denen sich Kundenberater nicht an die Regeln gehalten hätten. Verantwortlich sei eine Handvoll Personen an wenigen Standorten. Diese müssten mit Konsequenzen rechnen.
Ermottis Aussagen erwecken den Eindruck, als hätte die UBS die Verantwortlichen bereits identifiziert gehabt. Dabei war die interne Untersuchung zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht abgeschlossen. Wie konnte die Bank so kurz nach dem Knall und lange vor Abschluss der Untersuchung wissen, wer die vermeintlichen Schuldigen waren? Das ist nur einer von mehreren Punkten, die Betroffene an einem offenen und fairen Untersuchungsverfahren zweifeln lassen.
Stand heute ist die Affäre für die UBS noch nicht ausgestanden. Neben den entlassenen Kundenberatern, die sich juristisch wehren, laufen weiterhin Auseinandersetzungen mit Kunden, die wegen ihrer Verluste gegen die Bank vorgehen. Hinzu kommt, dass sich auch die Finma mit dem Fall beschäftigt. Allerdings hat die Aufsicht bisher keine externe und damit unabhängige Untersuchung angeordnet.
Was die Finma bisher gemacht hat: Sie hat mehrere UBS-Angestellte zu Gesprächen aufgeboten. Gemäss informierten Quellen wurden unter anderem August Hatecke und hohe Kader aus dem FX-Bereich der Investmentbank vorgeladen. Hatecke ist Chef des Wealth Managements Schweiz und ist bisher unbeschadet durch den Derivate-Skandal gekommen, obwohl er zu den treibenden Kräften beim Vertrieb der Produkte gehörte und die operative Verantwortung für das Schweizer Wealth Management trägt. Er sitzt in der Geschäftsleitung des Global Wealth Management von Iqbal Khan und rapportiert zusätzlich an Schweiz-Chefin Sabine Keller-Busse.
Es ist davon auszugehen, dass sowohl Keller-Busse als auch Iqbal Khan stets über den Vertrieb der Produkte informiert waren. Sie stehen weit oben in einer langen Kette, die bei den einzelnen Kundenberatern und Investment Advisors beginnt und über sogenannte Desk Heads und Regionschefs bis zu August Hatecke führt. Eine ähnlich lange Kette zieht sich im Bereich Risk von unten bis nach oben. Alle wichtigen Daten werden durch das Controlling erfasst, auf Monatsbasis werden detaillierte Reports erstellt, in denen die Zahl der Abschlüsse, die Telefongespräche mit Kunden, die verschickten E-Mails und so weiter erfasst werden.
Weekly Sales Calls im Grünenhof
Intern ein grosses Thema waren die sogenannten Weekly Sales Calls, die August Hatecke initiierte. Jeweils am Montagmorgen um acht Uhr fand eine Art Rütlirapport statt. Kundenberater und Investment Advisors von der Front hatten sich im Grünenhof in Zürich zu versammeln, wo die Truppe auf die neuesten Produkte eingeschworen wurde. Die Teilnahme galt als Pflichttermin für das Schweizer Wealth Management. Rund 200 Personen nahmen jeweils physisch teil, gleichzeitig wurde die Veranstaltung über UBS TV übertragen.
Besonders erfolgreiche Berater präsentierten auf der Bühne ihre «Success Story». Produktspezialisten der Investmentbank, des Fremdwährungsbereichs und der Abteilung für strukturierte Produkte traten ebenfalls auf. Auch UBS-CIO Daniel Kalt und später sein Nachfolger traten auf.

Unter dem Motto «Play the Range» wurden von August Hatecke insbesondere die Rage-Produkte stark gepusht. Quartalsweise wurden die Teams mit den besten Verkaufszahlen ausgezeichnet. Als Geschenk erhielten sie Champagner fürs Team oder Eishockey-Trikots. Teilnehmer berichten rückblickend von einer Atmosphäre, die sich wie eine Sekte angefühlt habe. Nach dem Knall im April 2025 wurden die Weekly-Sales-Call-Veranstaltungen umbenannt. Sie heissen heute Weekly Market Update.
Keine unabhängige Untersuchung
Die entlassenen Berater kritisieren die Art und Weise, wie die UBS die interne Untersuchung durchführte. Gemäss Quellen wurden einzelne Mitarbeitende ohne Vorankündigung nach Zürich beordert und bis zu eineinhalb Tage befragt. Erst am Ende der Befragungen seien konkrete Vorwürfe erhoben worden. Das Ergebnis der Untersuchung habe sich danach mehrfach verzögert. Anfang 2026 wurden dann Kündigungen ausgesprochen, wegen nicht näher definierten disziplinarischen Verstössen. Welche internen Richtlinien sie konkret verletzt haben sollen, wurden den Betroffenen offenbar nicht mitgeteilt. Manche sollen bis heute auf die Protokolle warten.
Andere Kundenberater und Vorgesetzte wurden später, teilweise lediglich per Teams, befragt. Zudem sollen sie vorgängig informiert worden sein, Einsicht in ihre Protokolle erhalten und sich entsprechend vorbereitet haben können. Zudem seien längst nicht alle Berater untersucht worden, welche die Range-Produkte verkauft hätten.
Die Betroffenen sehen darin ein Indiz dafür, dass von einem systemischen Versagen ablecken wolle. Schliesslich seien, wie oben beschrieben, auch Desk Heads und Region Heads für die Kontrolle des Geschäfts verantwortlich gewesen. Gleichzeitig hätten interne Audits die entsprechenden Bereiche über Jahre positiv beurteilt, obwohl das Geschäft mit den Devisenderivaten stark gewachsen sei.
Hinzu kommt, dass es bereits in der Vergangenheit ähnliche Fälle gegeben hatte. So kam es nach der Aufhebung des Euro-Mindestkurses 2015 zu erheblichen Verlusten bei vergleichbaren Produkten. Auch beim Einbruch des britischen Pfunds nach dem Brexit sowie bei Gold-Derivaten sollen Kunden teilweise entschädigt worden sein.
Die UBS lehnte eine Stellungnahme ab.