Geldpolitik
Die Nationalbank trennt die Veröffentlichung ihres Finanzstabilitätsberichts von der geldpolitischen Lagebeurteilung. Statt am heutigen Donnerstag erscheint das wichtige Dokument erst im Juli. Die ungewöhnliche Terminierung wirft Fragen auf.
18. Juni 2026 • Beat Schmid

Seit Jahrzehnten veröffentlicht die Schweizerische Nationalbank (SNB) ihren Bericht zur Finanzstabilität im Frühsommer – jeweils gleichzeitig mit der Bekanntgabe des geldpolitischen Entscheids. Doch nun kommt es unter Notenbankchef Martin Schlegel zu einem Bruch mit dieser dieser Tradition.

Wie auf der Website der SNB zu entnehmen ist, wird der Stabilitätsbericht nicht heute Donnerstag im Rahmen der geldpolitischen Lagebeurteilung publiziert, sondern erst am 2. Juli. Die Veröffentlichung erfolgt ohne weiteren Auftritt der SNB-Spitze, sondern im Stillen. Um 6.30 Uhr wird der Bericht online gestellt. Lediglich ein Hintergrundgespräch mit Journalisten, das allerdings off the record ist, findet in Bern statt.

Noch im vergangenen Jahr war der wichtige Diagnosebericht zur Gesundheit des Schweizer Finanzplatzes integraler Bestandteil der live übertragenen Medienkonferenz. Antoine Martin, der Chef des II. Departements der SNB, stellte die wichtigsten Befunde vor. Was wird er wohl heute auf der Bühne zu erzählen haben?

Insidergeschäfte

Warum dieser Bruch mit der Tradition? Ein Sprecher der Nationalbank wollte sich dazu nicht äussern. Man kann darüber nur spekulieren. Der Finanzstabilitätsbericht löste immer wieder Kontroversen aus. Viele Jahre wurde er vorab und unter Sperrfrist an die Medien verschickt. Das ging lange gut. Doch im Jahr 2012 kam es offenbar zu Insidergeschäften.

Im Bericht hiess es damals: «Trotz weiterer Fortschritte liegt das verlustabsorbierende Kapital der Grossbanken nach wie vor unterhalb des Niveaus, das angesichts der hohen Risiken im Umfeld eine ausreichende Widerstandskraft gewährleisten würde.» Die Notenbank empfahl der UBS eine zurückhaltende Dividendenpolitik und der Credit Suisse einen «deutlichen» Ausbau des verlustabsorbierenden Kapitals – was letztlich nichts anderes als eine Kapitalerhöhung bedeutete.

Als der Bericht um 10 Uhr öffentlich wurde, rasselte der Kurs der CS-Aktie um 10 Prozent in den Keller. Bald darauf machten in den Medien Meldungen die Runde, wonach sich einzelne Anleger mit Optionen auf einen Kurssturz positioniert hatten. Ein Jahr später war es dann vorbei mit dem Vorabversand an die Medien. «Offensichtlich war es im vergangenen Jahr zu Insiderhandel gekommen», begründete ein Sprecher damals die Entscheidung, den Bericht nicht mehr den Medien vorab zuzustellen.

Geschickter Move

Seither wird der Stabilitätsbericht zusammen mit dem geldpolitischen Entscheid für alle gleichzeitig um 9.30 Uhr, kurz nach Börsenstart, veröffentlicht. Interessant ist, dass der Bericht in diesem Jahr bereits um 6.30 Uhr publiziert wird – zu einem Zeitpunkt, an dem Unternehmen üblicherweise ihre Geschäftszahlen und andere kursrelevante Informationen bekannt geben.

Man darf also durchaus gespannt sein, was in dem Bericht steht. Die SNB lenkt damit geschickt zusätzliche Aufmerksamkeit auf das Papier. Vielleicht ist ja genau das die Absicht von Notenbankpräsident Martin Schlegel.

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