Ganze 2 Prozent des Wettvolumens, das auf den neuen Fussballweltmeister tippt, setzt auf der Krypto-Wettplattform Polymarket auf die Schweizer Nationalmannschaft. Das ist doch für jeden hiesigen Fussballfan ein Affront und eine himmelschreiende Fehleinschätzung. Oder wenn man ein überzeugter Anhänger von Granit, Gregor und Johan ist, eine exzellente Chance viel Geld zu machen. Ganz humorlos ist dagegen 32 Prozent des Wetteinsatzes auf Frankreich und 20 Prozent auf Spanien verteilt.
Die laufende Fussballweltmeisterschaft hat bei der dezentralen Prognoseplattform Polymarket zu einem Rekordvolumen von über 4,3 Milliarden Dollar geführt. Damit wurden bisherige Spitzenresultate wie beim Super Bowl oder den US-Präsidentschaftswahlen deutlich überflügelt. Auch andere Handelsplätze wie Zoomex und Kalshi boomen dank Soccer-Wetten – wobei Kalshi keine Blockchain-Plattform mit Smart-Contracts ist. Nicht nur die Wettvolumen auch die Verluste bei einzelnen Kunden erreichen Rekordhöhen. Ein Polymarket-Konto mit dem Namen «Coldsway» hat in nur 10 Tagen 11,6 Millionen Dollar in Sportwetten verloren.
2 Cent für einen Dollar
Wer jetzt (wir schreiben diese Zeilen am späten Donnerstagabend) darauf wettet, dass die Mannschaft von Murat Yakin am Ende den goldenen Pokal in den Himmel stemmt, der drückt auf der Polymarket-Seite auf «Yes» für die Schweiz und kauft eine sogenannte Yes-Share. So kauft man für 2 Cent im Fall eines Schweizer Weltmeistertitels einen Dollar (Gewinnchance: 4900 Prozent). Da wird selbst der Nvidia-Investor neidisch. Die Schweiz hat zusammen mit Belgien übrigens die schlechteste Quote. Für das Spiel gegen Argentinien kauft der Schweizer Fan einen «Sieges Token» für 16,75 Cents, während der Gaucho für einen Sieg-Dollar 57 Cent bezahlen muss. 27 Cent kostet der Unentschieden-Dollar – das mögliche Penaltyschiessen, dass ja reines Glückspiel ist, wird vom Wettanbieter ignoriert.
Der Schweizer Fan muss seine Wette nicht bis zum Schlusspfiff halten. Wenn die Nati durch einen Schlenzer von Okafor in der 17. Minute gegen Argentinien in Führung geht, steigt der Preis der gekauften «Yes»-Anteile und der Supporter kann sie vorzeitig auf der Plattform verkaufen, um seinen Gewinn abzusichern.
Auf Polymarket kann man auf vielerlei Entwicklungen wetten – viele im Zusammenhang mit der Fussballweltmeisterschaft. Beispielsweise als Favorit für den goldenen Fussballschuh wird auf Polymarket Lionel Messi mit einem Preis für die Yes-Share von 42,1 Cents geführt. Jene von Kylian Mbappe kostet 38 Cents. Wir Schweizer, die auf einen Weltmeistertitel der Nati setzen, wissen aber, dass dieses Verhältnis am Sonntagmorgen nach dem Ausscheiden der Argentinier nochmals auf den Kopf gestellt wird.
Technische und regulatorische Hürden
Ganz so einfach, wie es bis jetzt scheint, ist die Wette auf Polymarket aber nicht. Es stehen einige Hürden im Weg. Weil Polymarket eine Krypto-Wettplattform ist, laufen die Wetten mit Kryptowährungen. Entweder authentifiziert man sich über die Website von Polymarket und eröffnet im Hintergrund ein eigenes Wallet oder man registriert sich mit einem bereits bestehenden Krypto-Wallet – etwa einem von Coinbase. In erster Linie nutzt der Wettanbieter den Stablecoin USD-Coin (USDC), diese können mit Banküberweisung oder Kreditkarte in der integrierten Bezahlfunktion erworben werden. Man kann die USDC auch direkt von einer Kryptobörse an Polymarket überweisen. Wer sich hier aber mit der Deposit-Adresse vertippt, erleidet bereits einen Totalverlust.
Jenseits der Grenze locken oft höhere Gewinnchancen bei Wettanbietern, doch wegen des hiesigen Geldspielgesetzes, dass seit 2019 in Kraft ist, sind Sportwetten aus der Schweiz bei ausländischen Anbietern untersagt. Aufgrund dieser regulatorischen Vorgaben sperrt Polymarket den direkten Zugriff aus der Schweiz. Wer seine Schweizer Herkunft mit Hilfe eines Virtual Private Network (VPN) verschleiert und die IP-Adresse in ein nichtblockiertes Land verlegt und von Polymarket dabei entdeckt wird, wird automatisch gesperrt und verliert sein Guthaben. Auch wer unerkannt bei einem ausländischen Wettanbieter gewinnt, ist noch nicht sicher, dass er das Geld auch erhält, denn rechtlich durchsetzen lässt sich das nicht und der Schweizer Steuerfreibetrag – 1 Million bei Sportwetten – gilt auf Gewinnen, die auf ausländischen Plattformen erzielt werden, ebenfalls nicht.
Disclaimer: Dieser Text wurde am Donnerstagabend geschrieben. Die Quoten haben sich durch das Nachtspiel nochmal verändert. Panta Rhei.

