In der stagnierenden Kryptobranche gehört die Tokenisierung von realen Vermögenswerten neben Stablecoins momentan zu den wenigen Wachstumsthemen. Wie oft im Blockchainbereich wird mit fantastischen Zahlen hantiert. Ein aktueller Bericht der US-Grossbank Citi mit dem Namen «Tokenization 2030: Wall Street On-Chain» prognostiziert den Markt für tokenisierte Wertpapiere bis 2030 auf 5,5 Billionen Dollar, ausgehend von heute rund 17 Milliarden – darin sind neben Aktien auch Anleihen, Schuldverschreibungen, Gold und andere Vermögenswerte berücksichtigt. Die Bandbreite reicht dabei je nach Adoptionstempo von 2,7 bis 8,2 Billionen Dollar.
Auch wenn diese Zahlen sehr hoch erscheinen, ist das aktuelle Wachstum unbestritten hoch: Der Markt für tokenisierte Aktien verzeichnete Mitte 2026 ein Rekordhoch von 2,3 Milliarden Dollar an Marktkapitalisierung. Damit hat sich der Sektor seit März 2026 mehr als verdoppelt und ist gegenüber dem Vorjahr bereits um das Fünffache gewachsen.
Tokenisierter Inflationsschutz
Wie so oft im Finanzmarkt findet die Entwicklung vor allem in den USA statt. Doch nun startet auch in der Schweiz ein Projekt. Das Zuger Fintech DFX präsentiert erstmals eine Lösung mit der vollwertige tokenisierte Aktien auf einer App per Banküberweisung erworben und verwahrt werden können. Tokenisiert werden mit dieser App die Anteilsscheine des Schweizer Unternehmens RealUnit, das ein «inflationsgeschütztes» Investment in Sachwerte wie Dividendenaktien, Edelmetalle, Immobilien und Bitcoin anbietet. Dass die Anleger den gesamten Weg vom Bankkonto bis zum selbst verwahrten Aktientoken in einer einzigen Anwendung zurücklegen können, bezeichnen die beiden Parteien in der Medienmitteilung als «Weltpremiere für eine börsenkotierte Gesellschaft».
Die Schweizer Lösung grenzt sich von den US-Anbietern ab. Produkte wie xStocks, die Aktien-Token von Robinhood, oder Ondo Global Markets sind nur Zertifikate einer Zweckgesellschaft: Der Käufer erhält einen Anspruch auf den Wert einer Aktie, die ein Dritter für ihn hält, aber er wird nicht selbst Aktionär. Im Sommer 2025 erhob die Gesellschaft OpenAI Einspruch gegen OpenAI-Token von Robinhood. Diese Token, die ohne Einwilligung der KI-Gesellschaft erstellt wurden, seien keine Aktien.
Direkter Weg zur Aktie
Bei der DFX-RealUnit-Lösung sind Eigentum, Verwahrung und Übertragung digital organisiert. Beim RealUnit Token kann man gemäss Joshua Krüger, Head of Growth der DFX, dank der hiesigen Gesetzgebund den «direkten Weg» nehmen. Der Token ist eine Namenaktie der RealUnit AG, ausgestaltet als Registerwertrecht nach dem Schweizer DLT-Gesetz auf der Ethereum-Blockchain.
«Die beste Blockchain ist die, die man gar nicht bemerkt», wird DFX-CEO Cyrill Thommen in der Pressemitteilung zitiert. «Das ist metaphorisch gemeint, weil viele Menschen sich gar nicht mit der Blockchain beschäftigen möchten. Sie wollen einfach eine Anwendung nutzen, die im Hintergrund zuverlässig funktioniert», erklärt Krüger. Mit dem DFX-Angebot sieht der Kunde die Blockchain nicht, er nützt die App. Diese ist in den gängigen App-Stores verfügbar.
Die von DFX entwickelte App verbindet mit integriertem On/Off-Ramp das Bankkonto direkt mit der Blockchain. Die Verwahrung bleibt vollständig beim Anleger — komplett bankenunabhängig. Die Kundenprüfung (KYC) sei in der Regel in Minuten erledigt, sagt der Manager.
KMU-Aktientoken floppten
Die Tokenisierung von Aktien mit Handel und Corporate Governance auf der Blockchain ist in der Schweiz nicht neu. Anbieter wie Daura und Aktionariat haben in den vergangenen Jahren bereits mit dem Handel von digitalisierten KMU-Aktien über die Blockchain begonnen – und sind auf wenig Nachfrage gestossen. Die Projekte sind mehr oder weniger sistiert. Die Technologie von Aktionariat arbeitet aber auch im Hintergrund der RealUnit-App. «Diese Angebote waren zu wenig kundenfreundlich, das ändert unsere App», sagt Krüger dazu.
Handeln konnte man den RealUnit-Token bisher über die Website der Gesellschaft, die Aktien der Gesellschaft sind zudem an der BX Swiss kotiert. Bei RealUnit selbst sei der Token kein Nischenphänomen mehr: Rund zehn Prozent aller Aktien der Gesellschaft werden bereits als Token gehalten, Tendenz steigend. In der überzeichneten Kapitalerhöhung vom Februar 2026 entschied sich mehr als jeder achte Zeichner für die Token-Form. Was bisher fehlte, war der durchgängige Weg für Anleger ohne Krypto-Vorerfahrung: vom Bankkonto zur selbst verwahrten Aktie, ohne Umwege über Börsenkonten.
Einfacher Zugang zu Sachwertstrategie
«DFX will zeigen, was mit tokenisierten Aktien möglich ist, gleichzeitig wollen wir daraus ein nachhaltiges Geschäftsmodell entwickeln», sagt Krüger. Ziel sei es, zukünftig weitere Aktien von Gesellschaften zu tokenisieren, die nach Schweizer Recht emittiert sind, sowie die RealUnit-App, um weitere Funktionen zu erweitern. Das Kerngeschäft von DFC ist das On-/Off-Ramping von Kryptowährungen. Gemäss Krüger bedient das Unternehmen 30’000 Kunden und generiert im Jahr ein Handelsvolumen von 100 Millionen Franken.
Der CEO von RealUnit, Daniel Stüssi, sieht keinen Boom in der Tokenisierung von Aktien: «Das Bedürfnis der Schweizer KMU ihre Aktien zu tokenisieren und dadurch einfacher handelbar zu machen, scheint gering». RealUnit spreche mit dem Aktientoken dagegen Personen an, welche aufgrund der weltweit noch nie dagewesenen Staatsverschuldung eine Systemkrise befürchteten und wie Bitcoiner eine Unabhängigkeit vom Bankensystem suchten. Zudem hätten immer mehr Deutsche Mühe in der Schweiz ein Bankkonto zu eröffnen. Mit dem RealUnit-Aktientoken und eigenem Wallet werde ein einfacher Zugang zu einer breit diversifizierten Sachwertstrategie in Form einer Aktie einer Schweizer Investmentgesellschaft eröffnet.
Das Volumen des RealUnit entwickle sie erfreulich. «Die geopolitischen Veränderungen, der Krieg im Iran und die Angst vor einer neuen Inflationswelle stärken die Nachfrage nach unserer Sachwertstrategie. So konnten wir im März eine Kapitalerhöhung mit einer Überzeichnung erfolgreich abschliessen und dadurch wurden uns 14,2 Millionen Franken anvertraut», sagt Stüssi. Per 30. Juni 2026 hätte das Handelsvolumen von RealUnit bereits mehr als 84 Prozent des vorjährigen Handelsvolumens erreicht. Die Mehrheit des Volumens mache die an der BX Swiss gelistete klassische Aktie aus, die Nachfrage nach den Aktientoken nehme jedoch ebenfalls stetig zu.
Wallet-Zugang für Personen mit wenig Tech-Verständnis
«Mit der Lancierung unserer eigenen Mobile Wallet haben wir den Kreis geschlossen und bieten damit unseren Aktionären die Möglichkeit an, unsere Aktientoken bankenunabhängig und kostenfrei selbst zu verwahren. Das Wallet ist jedoch ausschliesslich für unseren Aktientoken konzipiert. Man sieht die Vermögensentwicklung, Anzahl Aktien, den aktuellen Kurs und kann sich den Steuerausweis per Mail zusenden lassen», ergänzt der RealUnit-CEO. Der Handel der Token sei 24/7 per Überweisung vom Iban-Konto her möglich. Die RealUnit Schweiz AG ist dabei die Gegenpartei für den Kauf oder Verkauf. Der Handelskurs sei der Mittelkurs des Börsenkurses, deshalb sei keine Handelslizenz nötig. RealUnit verdiene nichts am Handel. Durch diese Organisation reduziere sich die Abhängigkeit von Gegenparteien, was bei der nächsten Finanzkrise ein wichtiges Thema sein werde.
Stüssi erklärt, auf wen die neue App zielt: «Die systemkritischen Personen, welche sich mit der Blockchain auskennen und bereits Wallets besitzen, verwenden weiterhin den Brokerbot von Aktionariat auf unserer Website. Die neue RealUnit-Mobile-Wallet richtet sich ebenfalls an systemkritische Menschen über 45 Jahre, welche aber noch keine oder wenig Erfahrungen mit der Blockchain haben. Wir haben bei der Entwicklung grossen Wert auf die einfache Benutzerführung gelegt, dass sogar meine Mutter einfach ein eigenes Wallet einrichten könnte». Die zahlreichen Rückmeldungen würden bestätigen, dass dies gut gelungen sei.