Private-Debt-Flop
Die Zürcher Privatbank gewährte Kredite über 606 Millionen Franken. 200 Millionen gingen an die insolvente Signa Holding. Als Sicherheiten erhielt die Bank Aktien, Pfandbriefe und einen Teil von Globus.
4. Dezember 2023 • Beat Schmid

Julius Bär gab vor einer Woche bekannt, dass sie einem «europäischen Konglomerat» einen Kredit von 606 Millionen Franken gewährt hat. Wie Tippinpoint berichtete, umfasst das Gesamtengagement drei Kredite zu je 200 Millionen Franken. Weitere Recherchen haben nun ergeben, wie sich die drei Tranchen zusammensetzen: Sie bestehen im Wesentlichen aus einem Mix von Aktien der Signa-Gruppe sowie Hypotheken auf Signa-Immobilien in Deutschland.

Die wackeligste Tranche: Die Bank Bär gewährte der Signa Holding einen Kredit über 200 Millionen Franken. Als Sicherheit erhielt die Bank Aktien der Tochtergesellschaft Signa Prime Selection. Zu dieser Gesellschaft gehört unter anderem das Elbtower-Projekt von Stararchitekt David Chipperfield. Der Kredit ist deshalb besonders gefährdet, weil die Signa Holding zahlungsunfähig geworden ist und letzten Mittwoch in Wien Insolvenz angemeldet hat. Der Wert der Aktien dürfte somit gegen null gehen. Zwar kann die Bank am Ende des Insolvenzverfahrens auf eine Konkursdividende hoffen. Das kann aber Jahre dauern. Eigentlich müsste Bär diese Tranche vollständig abschreiben.

Bei der zweiten Tranche über 200 Millionen handelt es sich um Finanzierungen für Gewerbeimmobilien der Signa-Gruppe in Deutschland. Um welche Immobilien es sich handelt, ist nicht bekannt. Auch ist nicht bekannt, wie hoch die Immobilien belastet sind. Teil des Geschäftsmodells von René Benko war es, Immobilien zu kaufen und deren Wert durch die Heraufsetzung der Mieten in die Höhe zu treiben.

Mieten verdoppelt

Besonders gut funktionierte dieses System bei Immobilien, die von Unternehmen vermietet wurden, die René Benko selbst kontrollierte. Ein Beispiel ist das Berliner Luxuskaufhaus KaDeWe. Die Mieten der Betreibergesellschaft sollen sich nach seinem Einstieg verdoppelt haben. Dieses System ging so lange gut, wie die Zinsen niedrig waren und die Preise für Gewerbeimmobilien stiegen. Doch der Wind hat längst gedreht. Ob Bär die Hypotheken ohne Verluste los wird, ist fraglich.

Die dritte Tranche ist mit Aktien der sogenannten Luxusgruppe besichert. Dazu gehören Luxuskaufhäuser wie das KaDeWe, die Schweizer Globus-Kette und die britische Selfridges-Gruppe. Da auch die thailändische Central Group mitbeteiligt ist, gelten die Aktien der Signa Premium als relativ sicher. Die Central Group hat sich letzte Woche zu den Kaufhäusern in Europa bekannt. Allerdings gibt es für sie keine Eile, die Anteile der Signa-Gruppe abzukaufen. Je länger sie zuwartet, desto attraktiver wird der Preis für die thailändische Gruppe.

Insidern zufolge könnte Julius Bär insgesamt bis zu 300 Millionen Franken auf den Benko-Krediten über total 606 Millionen Franken verlieren. Auch Bankanalyst Andreas Venditti von Vontobel geht von einem Abschreiber von 300 Millionen aus. Bisher hat die Bank lediglich 70 Millionen Franken für Ausfälle zurückgestellt. Die Wahrscheinlichkeit, dass Julius Bär bald weitere Rückstellungen bilden muss, ist sehr hoch. Ein Banksprecher lehnte am Samstag eine Stellungnahme ab.

Für die Privatbank gerät das Benko-Engagement zum Fiasko. Julius Bär hat sich in Geschäftsfelder vorgewagt, die nicht zur DNA einer Privatbank gehören und bekommt nun die Quittung dafür. Für Benko entwickelte die Bank strukturierte Kredite, die ein Know-how erfordern, das eher bei auf Firmenkunden spezialisierten Instituten zu finden ist. Die Börse reagierte ausgesprochen hart auf den Flop. In den letzten zwei Wochen verloren die Aktien der Bank Julius Bär über 20 Prozent an Wert. Am Freitag wurde die Bank mit 9,18 Milliarden bewertet. Vor der Krise waren es über 11 Milliarden. Rund 2 Milliarden Franken haben sich in Luft aufgelöst.

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