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Antibiotika: die stillen Stars im Schatten der Blockbuster

Bakterielle Infektionen und insbesondere die zunehmende Ausbreitung von Antibiotikaresistenzen zählen zu den grössten Gesundheitsbedrohungen unserer Zeit. Dennoch machen Antibiotika nur einen kleinen Teil des globalen Pharmamarkts aus. Könnte sich das bald ändern?

Antibiotika: die stillen Stars im Schatten der Blockbuster
Neue Vergütungsmodelle könnten die Entwicklung dringend benötigter Antibiotika wieder wirtschaftlich attraktiver machen, erklärt Dr. Tilman Dumrese von LGT Private Banking. © Shutterstock/Light Stock

Die Entdeckung und Entwicklung von Antibiotika war einer der bedeutendsten Meilensteine der Medizin und hat unser modernes Leben erst möglich gemacht. Dennoch investieren die grossen Hersteller verschreibungspflichtiger Medikamente, oft als «Big Pharma» bezeichnet, nur zurückhaltend in diesen Bereich. Warum ist das so?

Stabile Cashflows, attraktive Dividenden und trotz Preisdruck vergleichsweise hohe Margen zählen seit jeher zu den Merkmalen von «Big Pharma». Hinzu kommt eine naturgemäss stabile Nachfrage – denn krank werden wir immer. Diese Faktoren bilden die Grundlage für den defensiven Charakter des Sektors.

Blockbuster dominieren 

Seit Jahren wird der Newsflow im Pharmasektor vor allem von Entwicklungen bei den grossen Gesundheitsbedrohungen unserer Zeit geprägt: Krebs, Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Innovative Therapien in diesen Bereichen haben häufig Blockbuster-Potenzial. Entsprechend gross ist die Aufmerksamkeit – man denke nur an Ozempic und Keytruda.

Deutlich weniger Beachtung finden Impfstoffe zur Vorbeugung oder Behandlung viraler oder bakterieller Infektionen sowie Antibiotika zur Behandlung bakterieller Infektionen. Zwar rücken Viren wie Hanta oder Ebola bei lokalen Ausbrüchen kurzfristig in den Fokus. Bleiben diese regional begrenzt, lässt das Interesse jedoch rasch wieder nach. Erst wenn sich lokale Epidemien zu einer Pandemie ausweiten, wie im Fall von Covid-19, steigt das öffentliche Interesse – und das von Anlegerinnen und Anlegern. Angesichts des dann stark wachsenden medizinischen Bedarfs ist dies nachvollziehbar.

Antibiotikaresistenzen: eine unterschätzte globale Bedrohung

Doch ein hoher weltweiter medizinischer Bedarf allein reicht offenbar nicht immer aus, um nachhaltige Aufmerksamkeit zu erzeugen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) führt Antibiotikaresistenzen in einem 2019 veröffentlichten Bericht unter den zehn grössten globalen Gesundheitsrisiken. Auf der Liste stehen unter anderem auch Luftverschmutzung und Klimawandel, nichtübertragbare Krankheiten wie Diabetes, Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie mangelhafte Lebensbedingungen.

Im selben Jahr waren bakterielle Infektionen nach koronaren Herzerkrankungen die zweithäufigste Todesursache weltweit. 33 bakterielle Erreger standen mit knapp 7.7 Millionen Todesfällen in Verbindung. Rund die Hälfte davon entfiel auf lediglich fünf Erreger. Dabei zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen einkommensschwachen und wohlhabenden Regionen. In Subsahara-Afrika starben jährlich 230 Menschen je 100'000 Einwohnerinnen und Einwohner an bakteriellen Infektionen. In westlichen Industrieländern waren es bloss 52 je 100'000.

Häufig zitierte Modellrechnungen gehen davon aus, dass bis 2050 weltweit jährlich bis zu zehn Millionen Menschen an Infektionen mit multiresistenten Erregern sterben könnten, sofern keine wirksamen Gegenmassnahmen ergriffen werden. Gleichzeitig ist die Versorgung mit wichtigen, oftmals älteren Antibiotika teilweise kritisch. Lieferengpässe, niedrige Lagerbestände und die Konzentration der Produktion auf wenige Anbieter erhöhen die Anfälligkeit der Gesundheitssysteme zusätzlich.

Hoher Bedarf, geringe Anreize

Die Entstehung von Antibiotikaresistenzen ist ein natürlicher evolutionärer Prozess. Der Bedarf an neuen Antibiotika dürfte daher langfristig hoch bleiben. Fehlerhafte Behandlungen, etwa das zu frühe Absetzen eines Antibiotikums, könnten ihn zusätzlich erhöhen.

Dennoch bleibt die Entwicklung neuer Antibiotika im Vergleich zur Erforschung von Impfstoffen gegen virale Infektionen deutlich unterrepräsentiert. Laut einem Bericht der «Access to Medicine Foundation» sank die Anzahl der von grossen Pharmaunternehmen entwickelten antimikrobiellen Arzneimittel in den fünf Jahren seit 2021 um 35% – von 92 auf 60 Projekte.

Das Resistenzdilemma

Antibiotika werden bei akuten Infektionen eingesetzt, meist nur wenige Tage lang. Um die Entstehung weiterer Resistenzen zu vermeiden, sollen sie zudem möglichst zurückhaltend verschrieben werden. Genau dies begrenzt jedoch ihr kommerzielles Potenzial. Für Pharmaunternehmen wird es dadurch schwieriger, die hohen Forschungs- und Entwicklungskosten zu refinanzieren.

Bei Antibiotika besteht somit ein Spannungsverhältnis zwischen medizinischem Bedarf und wirtschaftlichem Anreiz. Hinzu kommt, dass sie häufig aus niedermolekularen Wirkstoffen bestehen. Nach Ablauf des Patentschutzes können daher vergleichsweise schnell Generika auf den Markt kommen, was den Preisdruck erhöht. Impfstoffe hingegen sind oft komplexe biotechnologische Produkte, die für Wettbewerber wesentlich schwieriger nachzuahmen sind.

Innovation wieder wirtschaftlich machen

Die entscheidende Frage ist: Wie lässt sich der Antibiotikamarkt für «Big Pharma» wieder attraktiver machen? Gefragt sind vor allem staatliche Akteure. Sie können wirtschaftliche Anreize schaffen, damit sich die Entwicklung neuer Antibiotika wieder stärker lohnt.

Weltweit werden dazu verschiedene Modelle diskutiert und bereits umgesetzt. Grundsätzlich lassen sie sich in zwei Kategorien einteilen: «Push»-Modelle sollen das finanzielle Risiko in frühen Forschungs- und Entwicklungsphasen vor der Marktzulassung reduzieren. «Pull»-Modelle setzen nach der Zulassung an und schaffen finanzielle Anreize für erfolgreiche Entwicklungen. Als besonders wirkungsvoll gilt eine Kombination beider Ansätze.

Ein vielversprechender «Pull»-Ansatz ist das Subskriptionsmodell. Dabei zahlt ein Staat oder Gesundheitssystem dem Hersteller eine feste jährliche Vergütung für den Zugang zu einem neuen Antibiotikum – unabhängig davon, wie häufig es tatsächlich verschrieben wird. So wird der Umsatz von der verkauften Menge entkoppelt. Gleichzeitig fördert das Modell einen zurückhaltenden und medizinisch sinnvollen Einsatz.

Grossbritannien erprobt diesen Ansatz bereits. In der Europäischen Union werden zudem marktwirtschaftliche Anreize wie übertragbare Exklusivitätsgutscheine diskutiert. Entwickelt ein Unternehmen ein dringend benötigtes Antibiotikum, könnte es damit die Marktexklusivität eines anderen, umsatzstärkeren Medikaments verlängern. Der Markteintritt günstigerer Generika würde sich dadurch verzögern - und der wirtschaftliche Anreiz zur Entwicklung neuer Antiinfektiva steigen.

Diese Initiativen greifen eine zentrale Forderung der Pharmaindustrie auf: den Übergang von einer mengenabhängigen Vergütung hin zu einer Vergütung für die verlässliche Verfügbarkeit neuer Antibiotika. Setzen sich solche Modelle auf breiter Front durch, könnten sie dazu beitragen, der wachsenden Gefahr durch bakterielle Infektionen und Antibiotikaresistenzen entgegenzuwirken.

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