Welche Krypto-Währung für den täglichen Gebrauch? Selecta wählt Solana

Entscheidet sich auf den windigen Perrons der Schweizer Bahnhöfe, welche Kryptowährung in der Schweiz beim Konsumenten durchsetzt? Dass der Automaten-Riese ausgerechnet auf Solana setzt, hat einen pikanten Hintergrund.

Welche Krypto-Währung für den täglichen Gebrauch? Selecta wählt Solana
Nimmt künftig auch Kryptos: Selecta-Automat. (Quelle: Claudio Schwarz / Unsplash)

Selecta, die Marktführerin im Bereich der Kaffee- und Convenience-Automaten, hat vergangene Woche angekündigt, künftig Kryptozahlungen zu akzeptieren. Selecta betreibt gemäss eigenen Angaben in der Schweiz 29’000 Automaten, in denen unter anderem Heissgetränke, Frischprodukte und Süssigkeiten angeboten werden. Europaweit verfügt das Unternehmen über 460’000 Verkaufsstellen. Die Gesellschaft mit Sitz in Kirchberg SG ist im Besitz der Private-Equity-Gesellschaft KKR – der angepeilte Börsengang ist 2019 nicht zustande gekommen.


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Die Reichweite von Selecta könnte zu einer Initialzündung für den Einsatz von Kryptowährungen im Alltag werden. Eher eine Überraschung ist aber das Selecta auf Solana-Pay setzt. Dies ist das Zahlungsnetzwerk der Solana Blockchain, deren Token im Jahr 2021 einen Höhenflug erlebte. Die Blockchain überzeugte mit einer hohen Transaktionsgeschwindigkeit und Skalierbarkeit sowie Sicherheit und Dezentralität. Das sind Faktoren, mit denen gerade die wichtigste Smart-Contract-Plattform Ethereum immer wieder zu kämpfen hat.

«Kryptos nicht gleichsetzen»

Es sind noch keine Details bekannt, welche Kryptowährungen die Selecta-Automaten annehmen werden. Es ist jedoch davon auszugehen, dass auch andere Kryptowährungen insbesondere Bitcoin akzeptiert werden. Das ist bei Solana Pay so vorgesehen. Der Bitcoin-Experte Phil Lojacono findet es falsch, dass kein Unterschied zwischen den einzelnen Kryptowährungen in der Verwendung als Zahlungsmittel gemacht wird. Auf seinem Blog coprnic.us schreibt er: «Als bekennender Bewunderer und grossem Verfechter von Bitcoin schlagen mir da jeweils zwei Herzen in der Brust. Zum einen ist es positiv für Bitcoin und dessen Bekanntheit im Markt als Zahlungsmittel.» Man müsse sich aber vor Augen halten, dass Bitcoin nicht mit den übrigen Kryptowährungen vergleichbar sei.

Es ist schwierig, eine klare Trennlinie zwischen Web3 und Zahlungskryptowährungen zu ziehen. Ob Solana, Cardano, Ethereum oder Bitcoin: alles sind Kryptowährungen mit unterschiedlichen Vor- und Nachteilen bezüglich Sicherheit, Skalierbarkeit und Dezentralität des Netzwerkes. Deshalb haben sie auch verschiedene Anwendungszwecke. Schlussendlich können aber alle als Zahlungs-Token verwendet werden. Ethereum, Solana oder Cardano sind aber eher als «Träger» von Web3-Anwendungen im Gespräch, denn als Zahlungsmittel.

Muss Selecta-Zahlung dezentral sein?

«Die Entscheidung für oder gegen spezifische Kryptoassets ist letztlich Sache der Betreiber. Problematisch sind meiner Meinung nach die Behauptungen, dass es sich hierbei um eine dezentralisierte Lösung handeln würde. Das ist faktisch falsch», sagt Fabian Schär, Professor für Distributed Ledger Technology (Blockchain) und Fintech an der Uni Basel. Zudem sei es für ihn nicht nachvollziehbar, weshalb dieser Punkt so prominent beworben werde. Eine Zahlungslösung an einem Selecta-Automaten müsse ja nicht zwingend dezentralisiert sein. «Es ist davon auszugehen, dass der Entscheid für weniger Negativschlagzeilen gesorgt hätte, wenn die beteiligten Unternehmen bei ihren Dezentralisierungsbehauptungen zurückhaltender gewesen wären», fügt Schär an.

Phil Lojacono weist darauf hin, dass Solana umstritten sei. Neben mehreren technischen Aussetzern sei insbesondere die Nähe zum verurteilten Krypto-Betrüger Sam Bankman Fried (SBF) problematisch. Jahrelang haben dieser und sein Unternehmen Solana unterstützt und in die Kryptowährung investiert. Im Sommer 2022 bezeichnete SBF die Kryptowährung als die am stärksten unterbewertete Kryptowährung an. Mit dem Auffliegen des von SBF betriebenen Schneeballsystem und dem Kollabieren der Kryptobörse FTX verlor Solana über 90 Prozent des Wertes und hat sich seither nur leicht erholt. Mehrere Kryptowährungsprojekte verliessen in der Folge das Solana-Ökosystem und wechselten zu Ethereum und Polygon.

«Aufgrund der Tatsache, dass die Implementierung in der Fläche noch nicht weiter vorangeschritten ist, besteht auch noch keine Klarheit, welche Blockchain sich etablieren wird», sagt Gregor von Bergen, Kryptospezialist bei Capco. Mögliche Optionen seien zurzeit Bitcoin Lightning (Vorstadium), Ethereum, Solana, Cardano und Polygon. Ethereum sei jedoch zu teuer für Kleinsttransaktionen. Alle anderen erscheinen gemäss von Bergen als machbare Optionen.

Und der Interessenskonflikt?

«Solana gilt als Blockchain mit hoher Leistung. Hat jedoch im Jahr 2022 häufiger negative Schlagzeilen erzeugt, da einige Ausfälle zu verzeichnen waren. Das macht Händler skeptisch und könnte bei Kunden als Manko wahrgenommen werden», ergänzt der Capco-Experte. Derzeit sei ferner das Onboarding auf Solana nicht gerade einfach. Es gebe nicht viele Börsen, welche einen direkten Transfer unterstützten. Solana hatte bereits 2022 ein eigenes Smartphone kommuniziert – und im Mai 2023 lanciert – mit direkt integriertem Solana Pay. Fraglich ist gemäss von Bergen jedoch, welche Verbreitung hier realistisch sein kann.

Bisher scheint sich auch niemand an Interessenskonflikten zu stören. Christian Schmitz, CEO von Selecta, und Lily Liu, die Präsidentin von Solana, blicken auf eine gemeinsame berufliche Vergangenheit bei KKR zurück. Zudem ergibt die Internet-Recherche, dass die beiden zusammen ein Haus in San Francisco besitzen. Das Privatleben der beiden geht die Öffentlichkeit nichts an, es müsste aber bei der Legitimation, die ein solches Projekt einer Kryptowährung gibt, offengelegt werden.

Es geht langsam voran

Vielleicht sind die Schweizer Bahnhöfe auch nicht der Ort, wo die Zukunft des Kryptozahlens in der Schweiz begründet wird. Der Bitcoin-Bezug über die Billett-Automaten der SBB erwies sich jedenfalls für die Anwender als teure Luftnummer.

«Die Zahlung mit digitalen Währungen am POS und im Retail steckt zurzeit noch in den Kinderschuhen und hat sich noch nicht stark etablieren können. Schon seit einigen Jahren bieten einige Player, darunter auch Firmen Kryptozahlungen an – zum Beispiel Digitec», sagt von Bergen. Dies sei inzwischen mehr als ein reiner PR-Stunt und werde als Pionierarbeit betrachtet. Da die Schweizerische Nationalbank keinen digitalen Franken (CBDC) für Privatanwender liefern werde, seien private Anbieter gefragt, das Thema voranzutreiben und Möglichkeiten zu schaffen. Dabei gehe es auch darum, die Schweiz als progressiven Markt für die Kryptoindustrie zu promoten.

Einige Anbieter, wie etwa das Zahlungsabwicklungs-Schwergewicht Worldline offeriert seit einiger Zeit ein Offering für den Detailhandel. Die Verbreitung ist jedoch noch bescheiden. Einzig Lugano konnte gemäss von Bergen mit aktuell 300 Geschäften dank der Unterstützung des Stablecoin-Anbieters Tether eine grössere Einführung für den Einsatz von Kryptos im Detailhandel erreichen.

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