Der Kryptosektor ist geprägt von einem Auf und Ab, das der Bitcoin bestimmt – und von neuen Lieblingen. Auf einmal ist ein wenig bekannter Token mit einem Plus von mehreren Hundert Prozent der Top-Performer. Aber diesmal ist es etwas anderes – ist es gar eine Wachablösung? Verliert der Bitcoin, die unangefochtene Nummer eins, langfristig gar seine Position?
Und in den Short Cuts diese Woche:
• China wendet sich vom CBDC dem Stablecoin zu
• Kenneth Rogoff redet sich raus
In den vergangenen Wochen hat der Wert von Ether deutlich stärker zugelegt als jener von Bitcoin (vgl. Chart). Wobei letzterer kaum zugelegt hat, sondern nahe unter dem Höchststand oszillierte. Bemerkenswert ist dies vor allem, weil es sich bei Ethereum um die nach Wert zweitwichtigste Blockchain handelt, der in den vergangenen Monaten schon oft das Ende prophezeit wurde, weil es besser Layer-1-Blockchains gebe – etwa Solana, Avalanche oder Polkadot.
Vergleich Ether- und Bitcoin-Notierung in Dollar über einen Monat. (Quelle: Coinmarketcap.com)
Dazu eine kurze Erklärung: Layer-1-Blockchains bilden das Herzstück eines Krypto-Ökosystems. Auf der Ethereum-Blockchain bauen beispielsweise Layer-2-Projekte wie Arbitrum, Polygon und Uniswap auf. Diese sogenannten Sidechains und Rollups basieren auf der Ethereum-Blockchain übernehmen deren Sicherheit und Netzwerk, während sie gleichzeitig schnellere und kostengünstigere Transaktionen ermöglichen und so die Skalierbarkeit des Ethereum-Ökosystems erhöhen. Die Layer-1-Blockchain trägt den Konsensmechanismus, legt fest, wie sich die Knotenbetreiber im dezentral organisierten Netzwerk auf neue gültige Transaktionen einigen und ist für Sicherheit und Dezentralität verantwortlich.
Das Angebot lässt nach
Das Research-Haus Glassnode meldet, dass der Bestand von auf Krypto-Börsen gehaltenen Ether seit April von 18 auf 14,9 Millionen gesunken ist. Damit notieren die Exchange-Bestände so niedrig wie zuletzt im Jahr 2016. Der Rückgang reduziert das direkt verfügbare Marktangebot, das führt bei steigender Nachfrage zu noch stärker steigenden Notierungen.
Anleger transferieren ihre Ether-Bestände zunehmend in Selbstverwahrung, DeFi oder Staking. Grund für die zunehmende Angebotsverknappung sind aber auch die Ether-ETF und neue Treasury-Unternehmen, die Ether mit eigenen und fremden Mitteln auf die eigene Bilanz kaufen. In der vergangenen Woche habe die Zuflüsse in Ether-ETF jene in Bitcoin-Produkte übertroffen. Angesichts der unterschiedlichen Marktkapitalisierungen ist das überraschend: Bitcoin bringt mit 1,9 Billionen Dollar mehr als vier Mal so viel Gewicht wie Ethereum mit 436 Milliarden auf die Waage.
Die Beschwörung der Altcoins
Immer wieder werden am Kryptomarkt Altcoin-Seasons beschworen. Das sind Phasen, in denen Altcoin – Kryptowährungen neben dem Bitcoin – stärker ansteigen als die Ur-Kryptowährung. Vielfach sind das rein spekulative, nicht sehr langlebige Phasen, in denen Spekulanten von Bitcoin in andere Währungen umschichten.
Aus Sicht von Marc Steiner, Krypto-Experte und -Mentor, ist der Markt heute anders als noch vor ein paar Jahren: «Eine extreme Altcoin-Season wird es so wohl nicht mehr geben, da das grosse Kapital erkannt hat, dass Bitcoin der Treiber bleibt». Der aktuelle Anstieg bei Ethereum sei stark durch Treasury Companies getrieben und zusätzlich durch das Thema Stablecoins, die in den USA immer wichtiger werden und auf Ethereum laufen würden.
Im Gegensatz dazu glaubt Marc Baumann, Krypto-Experte und Gründer von FiftyOne Ventures, an einen längerfristigen Aufwärtstrend: «Die letzte Ethereum-Schwächephase war geprägt von fehlendem Marketing und kommerzieller Zurückhaltung der Ethereum Foundation – ganz im Gegensatz zu aggressiv auftretenden Layer-1-Konkurrenten». Doch aktuell erlebe Ethereum einen strukturellen Wandel, insbesondere durch das Aufkommen digitaler Treasury-Unternehmen wie Sharplink, FGNexus und Bitmine. Sie positionierten Ethereum als strategisches Asset für Kapitalmärkte.
Treasury-Unternehmen mit Yield
Diese Firmen würden auf Ethereum bauen, kauften Ether in grossen Mengen und öffneten institutionellen Investoren den Zugang zu ETH-Yield-Produkten. Das führe zur Repositionierung von Ethereum als monetäre und Settlement-Infrastruktur der On-Chain-Ökonomie. «Und: Ethereum bleibt eines der letzten grossen Public Goods im Blockchain-Sektor – offen, dezentral, glaubwürdig. Diese Kombination macht es für Unternehmen, Entwickler und Staaten attraktiv – und hebt es klar von zentralisierten Ethereum-Klonen ab», fügt Baumann an. Die aktuelle Bewegung sei nicht kurzfristig. Sie sei strukturell, narrativ stark verankert und institutionell getragen.
Meistens wird Ethereum nicht an Bitcoin gemessen, sondern an anderen Layer-1-Blockchains. Bitcoin habe seinen Platz als Wertaufbewahrungsmittel, als digitales Gold gefunden, sagt ein Kryptoexperte. Auch der globale Schuldenexzess der Regierungen habe die Nachfrage nach Bitcoin gestützt. Nach Verabschiedung des Genius-Acts in den USA habe der Markt jedoch angenommen, dass vor allem Blockchain-Infrastrukturen für dezentrale Anwendungen – wie eben Ethereum – von diesen regulatorischen Entlastungen profitieren würden. Deshalb hätten viele Altcoins jüngst angezogen.
Zwei digitale Reserve-Assets
Nach Ansicht von Marc Baumann, ist es durchaus angebracht, Bitcoin und Ethereum zu vergleichen. «Die Beiden sind in vielerlei Hinsicht unterschiedlich, aber inzwischen auch sehr ähnlich. Bitcoin ist heute ein digitales Reserve-Asset mit geopolitischer Relevanz. Staaten wie die USA, Unternehmen wie Strategy und institutionelle Investoren nutzen es als strategischen Wertspeicher. Ethereum hingegen wurde als Weltcomputer konzipiert und ist heute die kritischste Infrastruktur im digitalen Finanzsystem». Über 60 Prozent des Stablecoin-Volumens würden über Ethereum laufen, rund 50 Prozent der Tether-Marktkapitalisierung lägen dort, ebenso 55 bis 60 Prozent der tokenisierten Real-World Assets. «Es ist die aktivste Chain, mit der stärksten On-Chain-Nutzung, dem größten Entwickler-Ökosystem und institutionellen Anwendungen», erläutert Baumann.
In den vergangenen Monaten habe sich etwas Grundlegendes verändert: Ethereum entwickle sich selbst zu einem Reserve-Asset. Unternehmen wie Sharplink, FGNexus und Bitmine akkumulieren Ether in grossem Stil und würden Kapitalmarktinvestoren Zugang zu Ether-basiertem Yield bieten – was mit ETF nicht möglich sei. «Ethereum ermöglicht produktive Cashflows durch Staking, tokenisierte Assets und DeFi – Bitcoin ist viel beschränkter», sagt Baumann.
Trotzdem seien Bitcoin und Ethereum heute trotz unterschiedlicher Ursprünge vergleichbar. «Beide sind zentrale Pfeiler des digitalen Asset-Markts, beide haben systemische Relevanz. Bitcoin ist digitales Gold, Ethereum ist digitale Infrastruktur mit Rendite und inzwischen auch ein strategisches Reserve-Asset», so Baumann.
Eher wie Apple und Android
Marc Steiner räumt aber ein: «Es ist nicht sinnvoll, die beiden direkt miteinander zu vergleichen. Sie verfolgen unterschiedliche Ziele und Anwendungsfälle. Bitcoin ist eher wie Apple: ein geschlossenes, stabiles Premium-System. Ethereum ist vergleichbar mit Android/Google: offener, flexibler, manchmal auch experimenteller, da geht auch mal etwas kaputt». Beide hätten ihre Berechtigung, aber eben für unterschiedliche Use Cases.
Thematisiert wird deshalb meist nicht der Wettstreit zwischen Bitcoin und Ethereum. Sondern jener zwischen Ethereum und Solana – und anderen Layer-1-Blockchains – im Wettstreit darum die führende Blockchain für dezentrale Anwendungen zu werden. Entscheidende Faktoren sind dabei Transaktionsgeschwindigkeiten und niedrige Kosten. Ethereum, als Pionier in diesem Bereich, hat ein umfangreiches Ökosystem aufgebaut, während Solana mit seiner überlegenen Performance in bestimmten Bereichen als potenzieller Ethereum-Killer gilt. Solana hat sich insbesondere durch die führende Rolle im dezentralen Handelsvolumen auf ebensolchen Marktplätzen und beim Handel von Memecoins hervorgetan.