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# Zu teuer, zu gross, zu expansiv – Ex-Kadermann kritisiert Finma scharf
- URL: https://www.tippinpoint.ch/zu-teuer-zu-gross-zu-expansiv-ex-kadermann-kritisiert-finma-scharf/
- Published: 2026-10-05T05:44:01.000Z
- Updated: 2026-10-05T05:44:01.000Z
- Description: Urs Zulauf war einst Spitzenmann bei der Finma. Jetzt übt er deutliche Kritik an der Finanzmarktaufsicht. Bei der Aufsicht über unabhängige Vermögensverwalter kommt er praktisch zum gleichen Schluss wie deren Branchenvertreter.
- Author: Beat Schmid
- Tags: Finma, Regulierung

Als Urs Zulauf noch bei der Eidgenössischen Bankenkommission und später bei der Finma arbeitete, gehörte er selbst zum innersten Kreis der Schweizer Finanzmarktaufsicht. Danach war er kurze Zeit bei der Credit Suisse tätig. Heute beschäftigt sich der Jurist regelmässig publizistisch mit der Regulierung des Finanzplatzes. 

Eines seiner jüngsten Papiere trägt den Titel [«Regulieren oder ‹Optimieren›?»](https://urszulauf.ch/?ref=tippinpoint.ch#kommentare). Darin nimmt Zulauf die vom Finanzdepartement eingesetzte Arbeitsgruppe zur «Optimierung der Finanzmarktregulierung» zum Anlass, um selbst gleich eine ganze Reihe von Vorschlägen zu machen. Seine Befunde dürften der aktuellen Spitze der Finma kaum gefallen. 

### Zulauf will eine Kostenbremse für die Finma

So kritisiert der frühere Finma-Mann die steigenden Kosten der Behörde. Seit ihrer Gründung im Jahr 2009 sei das Wachstum der Finma «beachtlich», bilanziert er. Zulauf merkt süffisant an: «Die Aufsichtsbehörde sollte nicht das Einzige sein, was im Finanzplatz stark wächst.»

Zulauf weist dabei auf eine Besonderheit der Finma hin: Die Behörde verfügt über Ressourcenautonomie, finanziert wird sie aber vollständig durch die Beaufsichtigten. Anders als bei einer Aktiengesellschaft gebe es in der Governance niemanden, der persönlich von steigenden Kosten betroffen sei. Der Verwaltungsrat der Finma gebe bei seinen Budget- und Personalentscheiden letztlich «fremdes Geld» aus.

Einen starren Kostendeckel lehnt Zulauf zwar ab. Er fordert aber eine Art Kostenbremse: Die Finma sollte steigende Aufsichtskosten vertieft begründen und ihre Kosten und ihren Personalbestand ins Verhältnis zur Grösse des Finanzplatzes, zu den Bruttoerträgen oder den Gewinnen der beaufsichtigten Institute setzen. Auch der Einsatz künstlicher Intelligenz müsse eigentlich zu Effizienzgewinnen und niedrigeren Personalkosten führen.

### Braucht es die Prüfgesellschaften noch?

Grundsätzlicher wird Zulauf beim Schweizer System der Aufsichtsprüfung. Bis heute kontrollieren private Prüfgesellschaften im Auftrag der Finma, ob Banken das Aufsichtsrecht einhalten. Bezahlt werden sie von den Banken selbst.

Dieses «duale Aufsichtssystem» werde international seit Jahren kritisiert, schreibt Zulauf. Internationale Organisationen wie der Internationale Währungsfonds hielten direkte Kontrollen durch die Aufsichtsbehörde für unabhängiger und effektiver.

Gleichzeitig führt die Finma selbst immer mehr Vor-Ort-Kontrollen durch. 2025 waren es laut Zulauf 156 bei grossen Banken und Versicherungen. Deshalb stellt er die naheliegende Frage: Warum bei grossen und komplexen Instituten – insbesondere systemrelevanten Banken – die Aufsichtsprüfung durch private Prüfgesellschaften nicht gleich vollständig durch direkte Finma-Kontrollen ersetzen? Zulauf hält die Vorschläge des Bundesrats zur Reform des Prüfwesens für wenig ambitioniert. Er spricht von «ein paar eher kosmetischen Vorschlägen».

### Zusätzliche Aufgaben «aufgepfropft»

Heikel ist ein weiterer Punkt. Zulauf stellt die Frage, ob die Finma ihren gesetzlichen Auftrag über die Jahre schleichend ausgeweitet hat. Das FINMAG definiert die eigentlichen Ziele der Aufsicht relativ knapp: Schutz von Gläubigern, Anlegern und Versicherten sowie die Funktionsfähigkeit der Finanzmärkte. Daraus sollen Ansehen, Wettbewerbsfähigkeit und Zukunftsfähigkeit des Finanzplatzes gestärkt werden. 

Doch über die Jahre hätten sich «zusätzliche versteckte Ziele eingeschlichen», schreibt Zulauf. Diese seien der Finma entweder «aufgepfropft» worden – oder sie habe sie sich selbst aufgepfropft. Als Beispiele nennt er ausländisches Sanktions-, Geldwäscherei- und Steuerrecht, Reputationsrisiken sowie die Transparenz über Klima- und naturbezogene Finanzrisiken. 

Mit Blick auf die Arbeitsgruppe schreibt Zulauf: «Es könnte wohl nicht schaden zu prüfen, ob die Finma in der Zwischenzeit da nicht etwas übertreibt, und ob sich die Aufsicht nicht durch die Hintertüre neue Ziele gibt.» Indirekt wirft Zulauf der Finma vor, möglicherweise «Mission Creep» zu betreiben. Das heisst, sie nutzt weit gefasste Aufsichtsnormen, um Themen in ihre Aufsicht hineinzunehmen, für die ihr das Gesetz keinen expliziten Auftrag gibt.

Dass die Finma insbesondere ausländische Rechtsrisiken stärker in den Fokus nahm, sei nach 2010 angesichts der damaligen Probleme des Finanzplatzes sinnvoll gewesen. Heute könne man sich aber fragen, «ob die Finma in der Zwischenzeit da nicht etwas übertreibt» und sich «durch die Hintertüre neue Ziele gibt». 

Auch die nachhaltige Entwicklung des Finanzplatzes nimmt Zulauf ins Visier. Gegen Nachhaltigkeit sei nichts einzuwenden. Aber: «Soll ihre Förderung wirklich ein strategisches Ziel der Finma sein mit allem, was daraus an Regulierung und Aufsicht folgt?»

### Bussenkompetenz wirklich nötig?

Bekannt ist, dass die Finma ihren Werkzeugkasten ausbauen möchte. Zulauf stellt grundsätzlich infrage, ob jede zusätzliche Kompetenz tatsächlich ein Problem löst. Bei der geplanten Reform fordert er, zunächst genauer zu definieren, welches konkrete Problem mit einer neuen Regel überhaupt beseitigt werden soll. Danach müsse empirisch geprüft werden, ob die Massnahme tatsächlich wirkt. 

Als Beispiel nennt er die vorgesehene Bussenkompetenz: Lasse sich empirisch belegen, dass hohe Bussen gegen Finanzinstitute deren Compliance tatsächlich erhöhten? Oder bleibe es bei «Glauben und Hoffnung»?

Auch mögliche Nebenwirkungen müssten stärker berücksichtigt werden. Zulauf bringt dabei ein pikantes Beispiel: Finanzinstitute könnten künftig versucht sein, Mitarbeitende nach lediglich summarischen Abklärungen zu entlassen, um gegenüber der Finma als besonders kooperativ zu gelten und so in den Genuss einer «gütlichen Einigung» zu kommen.

Nur weil viele ausländische Aufsichtsbehörden Bussen verhängen könnten, müsse die Schweiz dieses Instrument nicht automatisch übernehmen. Internationale Standards seien darauf zu prüfen, ob sie wirklich nötig und wirksam seien und keine schädlichen Nebenwirkungen hätten.

### «Etwas abenteuerlich»

Urs Zulauf kritisiert auch die Regulierung der Vermögensverwalter, die seit Einführung des Finanzinstitutsgesetzes FINIG auf mehrere Stellen verteilt ist. Die Finma erteilt die Bewilligung. Die laufende Überwachung übernehmen vier Aufsichtsorganisationen. Kommt es zu einem Enforcementverfahren oder muss eine Bewilligung entzogen werden, ist wiederum die Finma zuständig.

Zulauf hält wenig von dieser Konstruktion. Er bezeichnet die «Staffettenaufsicht mit Übergabe des Aufsichtsstabes hin- und zurück» als «etwas abenteuerlich». Dem Vernehmen nach, schreibt er weiter, «knarrt es auch etwas im Getriebe» zwischen den Vermögensverwaltern, den vier Aufsichtsorganisationen und der Finma. Seine Lösung ist radikal einfach: «Bewilligung, Aufsicht und Enforcement in einer Hand, entweder bei der Finma oder den Aufsichtsorganisationen? Wäre doch einfacher.»

Damit gibt der frühere Spitzenmann der Finma den Vermögensverwaltern zumindest in einem zentralen Kritikpunkt recht. Im Interview mit [Tippinpoint hatte VSV-Geschäftsführerin Vivien Jain](https://www.tippinpoint.ch/die-aufsicht-der-vermogensverwalter-ist-extrem-ineffizient/) die heutige Aufsicht kürzlich als «extrem ineffizient» bezeichnet. Ihre Kritik zielte ebenfalls auf die Mehrspurigkeit des Systems: Finma, Aufsichtsorganisationen und Prüfgesellschaften beschäftigten sich mit denselben Instituten, was Kosten und administrativen Aufwand in die Höhe treibe.

Zulauf formuliert es zurückhaltender. Doch die Diagnose ist erstaunlich ähnlich: Zu viele Schnittstellen, zu komplizierte Zuständigkeiten – und ein System, bei dem der Aufsichtsstab laufend weitergereicht wird.