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# Erst die Blockchain macht Hayeks-Vision möglich
- URL: https://www.tippinpoint.ch/erst-die-blockchain-macht-hayeks-vision-moglich/
- Published: 2026-10-30T07:55:05.000Z
- Updated: 2026-10-30T09:13:47.000Z
- Description: Schweizer Unternehmen präsentieren ihre Version von «guten Währungen», 50 Jahre nachdem der österreichische Ökonom die Grundlagen definiert hat.
- Author: Werner Grundlehner
- Tags: Digital Assets, RealUnit, #pos4

Man traf sich im MoneyMuseum in Zürich. Was nicht einer gewissen Ironie entbehrt, wenn man bedenkt, dass hier Kritiker des aktuellen Geld- und Währungswesens zusammenkamen. Anlässlich des 50-jährigen Jubiläums des Werkes von Friedrich August von Hayeks «Entnationalisierung des Geldes» stellten Schweizer Anbieter Alternativen vor, wie sie schon der österreichische Ökonom als «gutes Geld» und Option zu staatlichem Notenbankgeld beschrieben hatte – ihre privaten Währungen.

«Schuld an den Unruhen in Frankreich sind weder die Jungen noch Le Pen, sondern Mario Draghi mit seinem Whatever It Takes», sagt der Ökonom und Publizist Beat Kappeler im Eröffnungsreferat. Die Rettung des Euros durch das Fluten des Marktes mit billigem Zentralbankgeld – etwa durch den Aufkauf von Staatsanleihen durch die Europäische Zentralbank – habe die Probleme nur vertagt und noch akzentuiert. Dadurch entstehe eine Wohlstandsillusion. Kurzfristig entsteht ein Eindruck von steigendem Reichtum und Wirtschaftswachstum, während real lediglich nominale Werte aufgebläht werden. Gleichzeitig stieg die Verschuldung auf ein kaum mehr tragbares Niveau. 

Da Notenbanken zwar Geld drucken, aber keine realen Güter, Rohstoffe oder Dienstleistungen erschaffen können, führt dieser Prozess langfristig zu einer Entwertung der Kaufkraft. Der Dollar hat etwa seit der Gründung der Notenbank Federal Reserve im Jahr 1913 97 Prozent seiner Kaufkraft verloren. Im Euroraum seien durch die Aktion Draghis etwa Zombiefirmen am Leben erhalten worden und die allgemeine Produktivität sank.

### Euro im «kritischen» Alter

Die internationale Währungsordnung von Bretton Woods mit ihren festen Wechselkursen habe 27 Jahre Bestand gehabt, sagt Beat Kappeler und «der Euro kommt in sein 27\. Lebensjahr». Währungssysteme hätten ein Ablaufdatum. Die Anwesenden sind überzeugt, dass die Blockchain die Basis für ein neues Währungssystem sein könnte, wir uns in hundert Jahren aber wiederum mit anderen Strukturen für Währungssysteme beschäftigen würden. «Hayeks Ideen lassen sich dank der Blockchain erstmals umsetzen», sagt Stephan Rind, Gründer von Brickmark X, die sich auf die Tokenisierung von Immobilien spezialisiert hat.

Vier Unternehmen präsentierten an der Veranstaltung, wie private Währungen, die miteinander im Wettbewerb stehen und die Hayek in seinem Werk 1976 angeregt hatte, auf der Blockchain aussehen können. Hayek definiert in seinem Buch fünf Anforderungen an «gutes Geld». Dieses muss seine Kaufkraft erhalten, darf nicht aus dem Nichts geschöpft werden, muss sich im freien Wettbewerb behaupten können – d.h. jeder muss frei entscheiden können, ob er sie nutzen will – muss möglichst unabhängig von der Willkür des staatlichen Geldmonopols sein und zudem muss es gut übertragbar sein. Allgemein muss Geld, das einfach eingesetzt werden kann, als universelles Tauschmittel von allen Marktteilnehmern akzeptiert werden und als Zähl- und Recheneinheit genutzt werden können.

### Das Fortschreiben der alten Fehler

Der Vertreter der Frankencoin Association Johannes Kern stellte zuerst einmal klar, welche Stablecoins gute Währungen sind. CBDC (Central Bank Digital Currencies) seien von Notenbanken emittierte digitale Währungen, welche die bisherigen Fehler der Geldpolitik auf die Blockchain verlagerten. Die US-Stablecoins Tether und US-Dollar-Coin (USDC), die über 98 Prozent des Stablecoins-Volumens ausmachen, seien mit amerikanischen Schulden hinterlegt und gehörten mittlerweile zu den grössten Käufern von US-Staatsanleihen und würden deshalb von der US-Regierung auch tatkräftig unterstützt.

Der dezentral organisierte Stablecoin – die Frankencoin Association unterhält das System, ist aber nicht Emittentin – will die Geldschöpfung demokratisieren: Jeder kann gegen die Hinterlegung von tokenisierten Sicherheiten Frankencoins erhalten. Die Kreditnehmer zahlen Zinsen, woraus die Sparzinsen (3,5 Prozent) und der Ertrag des Systems finanziert werden. Die Höhe der Belehnung der Sicherheiten wird durch die Inhaber von Governance-Token festgelegt.

Frankencoin kündigt noch an, dass der eigene Coin (ZCHF) neu von der nicht-verwahrenden Krypto-Neobank ether.fi unterstützt wird. Die Kunden können so digitale Schweizer Franken direkt auf der Plattform halten, überweisen und ausgeben, während sie die Kontrolle über Ihr Vermögen behalten. Gemäss der Frankencoin Association sei dies «eine auf Schweizer Franken lautende Alternative zu Dollar-Stablecoins». Zudem könne man Kredite gegen ZCHF aufnehmen.

### Ein wichtiges Leichtgewicht

Mit 50 Millionen Dollar an hinterlegten Werten ist der Frankencoin im internationalen Stablecoin-Markt von 300 Milliarden Dollar ein Leichtgewicht, aber wegen der Dollar-Dominanz trotzdem einer der grössten Nicht-Dollar-Stablecoins. Geschäftsführer Johannes Kern nennt den Frankencoin «ein Experiment in der realen Welt». Auf einen Franken-Stablecoin eines zentralen Anbieters aus der Schweiz müssen die Nutzer wahrscheinlich noch länger warten. Dieser benötigt gemäss Finma eine Banklizenz und wäre mit hohen Betriebskosten belastet.

Mit einer Produktlancierung startet Daniel Stüssi, der CEO von RealUnit, seine Präsentation. Vor zwei Tagen habe er im Spar in Zug ein Brot mit Real Unit gekauft. Dies sei dank einer Kooperation mit Frankencoin mit der RealUnit-App möglich. Der Retailer erhalte dabei direkt Franken auf sein Konto. Der RealUnit-Coin, der einerseits an der Börse aber auch über ein eigenes Wallet mit App handelbar ist, ist mit Realwerten hinterlegt, vor allem Edelmetallen und Unternehmensbeteiligungen (Aktien, die gewisse Vorgaben erfüllen) sowie Bargeld, Kryptowährungen und Alternative Anlagen. «Hayek hätte Freude am RealUnit gehabt». Dies habe ihm der österreichisch-iranischer Ökonom und Publizist Rahim Taghizadegan gesagt, erklärte Stüssi stolz. Auch Taghizadegan war in Zürich vor Ort.

### Real-Unit-Inhaber «stimmen ab»

Der RealUnit-Coin habe in den vergangenen 25 Jahren eine durchschnittliche Nettorendite von 3,2 Prozent pro Jahr abgeworfen und damit das Ziel erreicht, nämlich das durchschnittliche Wirtschaftswachstum der Schweiz von 2,4 Prozent übertroffen. Mittlerweile sind RealUnit-Coins für 71 Millionen Franken emittiert. «Zehn Kapitalerhöhungen in den vergangenen Jahren sind wie Abstimmungen unter Kunden gewesen, die jeweils auf grosse Zustimmung gestossen sind», sagt Stüssi.

Mit Swissgrams und Brickmark X stellten sich zwei Gesellschaften vor, die mit Coins Realwerte abbilden. Erstere tokenisiert Gold. Der Käufer der Coins erhält das Eigentum am Edelmetall. Anders als andere Gold-Coins verwahre sein Unternehmen alles Gold physisch in der Schweiz in 1-Unzen-Münzen wie American Eagle oder Maple Leaf, sagt Vahan P. Roth, Gründer und CEO von Swissgrams. Im Gegensatz zu Papierforderungen bei Gold-ETF könne der Coin-Inhaber bei Pro Aurum vorbeigehen und einen Coin in eine Unzen-Münze tauschen, auch eine Auslieferung sei möglich. «Die Bevölkerung hat gemerkt, dass Politik und das Statistikamt bezüglich Inflation lügen – und diese viel höher liegt als ausgewiesen», das fördere die Nachfrage nach Gold, fügt er provokant an.

Die Immobilie an der Bahnhofstrasse 52 in Zürich war 2020 das erste Objekt, das das Unternehmen Brickmark X tokenisiert hat. Wegen der Eigenheiten des Schweizer Immobilienmarktes wurde der Wert der Gesellschaft verbrieft und tokenisiert. Für die Inhaber der Coins, die ihren Einsatz fast verdoppelt hätten, sei es ein gutes Geschäft gewesen, sagt Stephan Rind. Mittlerweile sind Gewerbeimmobilien in Deutschland, Hotels in Luzern und Wälder in Brasilien tokenisiert worden. Wenn das Grundbuch auf die Blockchain kommt, wie etwa in den Arabischen Emiraten, wird sich das Geschäftsmodell für Brickmark X deutlich vereinfachen.

### Schwergewichtige Gegenspieler

Die vorgestellten Projekte vermögen den Beobachter zu überzeugen, obwohl jedes noch individuelle Schwächen aufweist: Sei es, dass man nicht den Token kauft, sondern Anteile an einem Unternehmen, sei es, dass der technische Aufbau und die Verwendung über ein Wallet anspruchsvoll sind – allgemein ist die Verbreitung noch minim. Grundsätzlich sind alle Coins im schweizerischen – und erst recht im globalen – Währungswesen noch kleine Versuchsballons. Es fragt sich, ob sie die kritische Grösse – die für die Akzeptanz einer Währung entscheidend ist – in nützlicher Frist erreichen können. Schon oft hat sich bei technischen Innovationen, was Blockchain-Währungen sind, gezeigt, dass nicht die beste Lösung am Schluss der Sieger ist, sondern sich Marketing und Marktmacht durchsetzen. Als Beispiel sei hier die Betriebssoftware von Microsoft angeführt.

Die vorgestellten Projekte vermögen den Beobachter zu überzeugen, obwohl jedes noch individuelle Schwäche aufweist: Sei es, dass man nicht den Token kauft, sondern Anteile an einem Unternehmen, sei es, dass der technische Aufbau und die Verwendung über ein Wallet anspruchsvoll ist – allgemein ist die Verbreitung noch minim. Grundsätzlich sind alle Coins im schweizerischen – und erst recht im globalen – Währungswesen noch kleine Versuchsballons. Es fragt sich, ob sie die kritische Grösse – die für die Akzeptanz einer Währung entscheidend ist – in nützlicher Frist erreichen können. Schon oft hat sich bei technischen Innovationen, was Blockchain-Währungen sind, gezeigt, dass nicht die beste Lösung am Schluss der Sieger ist, sondern sich Marketing und Marktmacht durchsetzen. Als Beispiel sei hier die Betriebssoftware von Microsoft angeführt.

Diese Privatwährungen müssen sich zudem gegen gewichtige Gegner durchsetzen: Die EU, Nationalstaaten und die Finanzindustrie. Erstere würden durch diese Blockchain-Währungen ihre Fähigkeit zur Geldpolitik und insbesondere zur Finanzierung durch Schulden verlieren. Insbesondere die EU treibt ihren digitalen Euro mit Hochdruck voran. Die Finanzindustrie würde durch Privatwährungen Zahlungsverkehr und Geldschöpfung über Kredite – zwei einträgliche Einnahmequellen – verlieren. Noch dramatischer würde es für die Finanzindustrie, wenn der Wertschriftenhandel auf die Blockchain wandert – Geschäftsfelder wie Clearing, Custody, Fondsmanagement, Securities Lending etc. gingen verloren.

### Alter Wein in neuen Schläuchen

In seinem Schlusswort wies Karl Reichmuth, Gründer der gleichnamigen Privatbank und Entwickler des Real-Unit-Konzepts darauf hin, dass durch die technologischen Entwicklungen der Umbruch im Finanzwesen weitergehen werde. Notenbanken würden nun auch vermeintlich Stablecoin-Angebote propagieren, aber das sei nur alter Wein in neuen Schläuchen und würde die historisch immer wieder aufkommenden Gefahren im Nominalgeldsystem nicht bannen. «Freie Märkte sind der Garant für Wohlstand im breiten Volk», schloss der Bankier. Und forderte die anwesenden Journalisten auf, den Wettbewerb im Währungswesen auch in den Medien zu thematisieren.

P.S. Es ist keine Ironie, dass sich die Gegner des staatlichen Geldmonopols im MoneyMuseum unterhalb des Rigiblicks treffen. Dieses wurde durch die Sunflower Foundation des Unternehmers und Finanzexperten Jürg R. Conzett gegründet. Es beschäftigt sich mit der gesellschaftlichen Rolle und der Geschichte des Geldes – und damit auch dem Scheitern zahlreicher Währungssysteme im Laufe der Zeit.