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# Die Rally, die keine war – und was jetzt, Bitcoin?
- URL: https://www.tippinpoint.ch/die-rally-die-keine-war-und-was-jetzt-bitcoin/
- Published: 2026-09-04T05:16:00.000Z
- Updated: 2026-09-04T06:19:02.000Z
- Description: Bitcoin ist in wenigen Wochen um 27 Prozent gestiegen. Der wichtigste Treiber kam allerdings von ausserhalb des Kryptomarktes. Dennoch gibt es Anzeichen, dass die Erholung diesmal auf einem stabileren Fundament steht.
- Author: Beat Schmid
- Tags: Digital Assets, Bitcoin, Maerki-Baumann

Der Bitcoin hat in der zweiten Augusthälfte ein bemerkenswertes Comeback hingelegt. Der Wert der Kryptowährung stieg vom Tiefstand von unter 63'000 Dollar um 27 Prozent auf über 80'000 Dollar. Der Anlass dafür lag allerdings nicht im Kryptomarkt: Vielmehr waren die Ursache eine Aussage des US-Notenbankchefs und eine Initiative des US-Finanzministeriums. Ersterer kündigte am Treffen der wichtigsten Notenbankchefs in Jackson Hole an, am Inflationsziel von 2 Prozent festzuhalten, das Finanzministerium gab gleichzeitig bekannt, die Rückkäufe langfristiger Staatsanleihen zu verdoppeln. Der Ankauf länger laufender US-Staatsanleihen, finanziert über den Verkauf kurzfristiger Staatsanleihen, ähnelt den Anleihekäufen der US-Notenbank im Rahmen der quantitativen Lockerung.

Diese Umschichtungen laufen unter dem Begriff «Debasement Trade». Damit ist der Kauf von Bitcoin und Gold als Absicherung gegen die Abwertung von Fiatgeld gemeint. Die Abwertung wird durch die expansive Geldpolitik und wachsende Staatsverschuldung der USA und anderer Staaten getrieben. In den vergangenen Wochen legten Anlagen, die als Absicherung gegen Geldentwertung gelten, deutlich zu. Zeitgleich mit der Aufstockung der Anleihekäufe traf sich US-Präsident Donald Trump mit Vertretern der Krypto-Industrie und frischte so seine zuletzt scheinbar abgekühlte «Kryptoliebe» wieder auf. Der Preissprung des Bitcoins löste zudem einen Short-Squeeze aus, bei dem Short-Positionen im Wert von rund vier Milliarden Dollar liquidiert wurden.

### Verkäufe locken

Derartige kurstreibende Faktoren, die ausserhalb des Kryptosektors liegen, verleihen in der Regel nur kurz Schub. Daher stellt sich die Frage, ob die jüngste Erholung nachhaltig ist und die Nachfrage anzieht, oder ob die Rally im Wesentlichen das Ergebnis eines Short-Squeeze und einer vorübergehenden Entspannung an den Anleihemärkten war.

Für eine baldige Korrektur spricht das MVRV-Verhältnis (Market Value to Realized Value). Diese Kennzahl vergleicht den aktuellen Marktwert mit dem realisierten Wert. Der Marktwert entspricht dem Gesamtwert aller Bitcoins zum aktuellen Marktpreis, während der realisierte Wert die durchschnittlichen Anschaffungskosten des Marktes zeigt, also die Summe der Kurse, zu denen die Bitcoins zum letzten Mal auf der Blockchain bewegt – d. h. verkauft oder übertragen – wurden. Dieser Wert stieg in der zweiten Augusthälfte auf 1,5 und zeigt, dass die Inhaber im Schnitt seit ihrer letzten Bitcoin-Transaktion einen Gewinn von 50 Prozent erzielt haben. Verkäufe erscheinen so verlockend.

### Michael Saylor beendet Sommerpause

Doch es gibt zahlreiche Hinweise, die auf eine solide Aufwärtsbewegung hindeuten. Die Kreditaufnahme für den Kryptokauf explodierte nicht wie in vergangenen Rallys. Eine Avance, hinter der weniger Verschuldung steckt, löst sich schwerer wieder auf. Während einige Anleger den Kursanstieg für Gewinnmitnahmen genutzt hätten, seien die institutionellen Käufer wieder stärker in den Markt zurückgekehrt, schreibt Pascal Hügli von der Privatbank Maerki Baumann in einer Analyse. In den vergangenen zwei Wochen seien rund 2,5 Milliarden Dollar in Bitcoin-ETF geflossen, weitere 1,5 Milliarden Dollar flossen in Ethereum-ETF. «Bemerkenswert ist, dass die Ethereum-ETFs in diesem Zeitraum an keinem einzigen Tag Nettoabflüsse verzeichneten. Das ist wichtig. Denn wenn bestehende Anleger Gewinne mitnehmen, institutionelles Kapital dies jedoch kompensiert, kann der Markt trotz des unter der Oberfläche liegenden Verkaufsdrucks potenziell stabil bleiben», schreibt Hügli.

Ein wichtiges psychologisches Zeichen für den Markt ist auch das Verhalten von Strategy. Das Bitcoin-Treasury-Unternehmen kaufte in der letzten Augustwoche 4603 Bitcoin für 370 Millionen Dollar und beendete eine rund zweimonatige Verkaufspause. Der Bestand des Unternehmens steigt damit auf 845'050 Bitcoin. Gemäss Unterlagen, die an die Börsenaufsicht eingereicht wurden, betrug der durchschnittliche Kaufpreis 80'318 Dollar. Strategy finanzierte diesen Bitcoin-Kauf vollständig über sein At-the-Market-Programm. Über dieses Instrument platziert der Konzern laufend eigene Aktien direkt im Markt, ohne eine formelle Kapitalerhöhung durchzuführen.

### Ray Dalio rät zu Bitcoin

Der bekannte Hedgefund-Manager Ray Dalio rät Anlegern, Anleihen unterzugewichten und dafür 10 bis 15 Prozent des Portfolios in Gold sowie einen kleinen Anteil in Bitcoin zu halten. Der Starinvestor erwartet eine US-Schuldenkrise, die in den nächsten drei Jahren unausweichlich werde. Der Gründer von Bridgewater Associates ist für seine Big-Cycle-Thesen zu Staatsverschuldung und Währungsordnung bekannt geworden. Diese Einschätzung ist nicht ganz neu, Dalio vertritt sie seit 2025, hat sie aber zuletzt wieder aktiv «verkauft».

«Von einem definitiven Ende des Bärenmarkts zu sprechen, wäre dennoch verfrüht», heisst es in der Maerki-Baumann-Analyse. Spannend sei nun, ob Bitcoin das Muster des viel diskutierten Vierjahreszyklus durchbrechen könne. «Bleibt der jüngste Aufwärtstrend in den kommenden rund 40 Tagen intakt und erreicht Bitcoin kein neues Tief, hätte sich der bisherige Zyklustiefpunkt erstmals im dritten statt wie in früheren Zyklen im vierten Quartal gebildet», heisst es im Bericht.

### Klarheit bei Clarity

Die grösste Gefahr für Bitcoin liegt weiterhin bei den langfristigen US-Zinsen, schreibt Jacob Lindberg, Chief Revenue Officer beim Krypto-ETP-Emittenten Valour. «Sollten die Renditen dreissigjähriger Staatsanleihen wieder deutlich steigen, würde das den jüngsten Rückenwind schnell abschwächen. Höhere Renditen machen sichere Anlagen attraktiver und setzen zugleich die Bewertungen riskanterer Investments unter Druck», fügt er an. Der Bitcoin könnte dann erneut zeigen, dass seine enge Verbindung zu den globalen Liquiditätsbedingungen in beide Richtungen wirkt.

Auch die Senatsabstimmung über den Clarity Act am 15\. September wird gemäss Lindberg die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Eine Zustimmung könnte der Branche mehr rechtliche Klarheit geben und institutionellen Anlegern den Markteintritt erleichtern, der direkte Einfluss auf den Bitcoin-Preis dürfte jedoch begrenzt sein. «Regulierung schafft zunächst einen Rahmen, sie erzeugt noch keine Nachfrage. Zudem sollten Anleger beachten, dass eine Zustimmung nicht sicher ist, Prognosemärkte schätzen die Wahrscheinlichkeit einer Zustimmung derzeit auf nur 22 Prozent», schreibt der Valour-Stratege.