Die junge Kryptobranche ist reich an Betrugsfällen und mysteriösen Zahlungsausfällen. Ob der Schwindel bei FTX oder OneCoin, die nebulösen Insolvenzen von Mt. Cox und dem nicht-stabilen Stablecoin Terra/Luna immer wieder bestärken Skandale Kritiker, die Bitcoin & Co. als gigantisches Risiko sehen. Hinzu kommen Nachlässigkeiten und technische Verluste. Viel berichtet wurde über den Briten, der seinen PC, der den Zugangscode für Hunderte von Millionen in Coins enthielt, auf den Müll schmiss. Viele Investoren haben zudem schlicht ihren Private-Key zu ihrem Wallet verloren oder vergessen – auch weil der Inhaber verstorben ist – und müssen diese Kryptoguthaben abschreiben. Andere überweisen ihre Coins an ungültige oder unbenutzte Adressen und lassen die Guthaben so dauerhaft verschwinden.
Und in den Short Cuts diese Woche:
- Das Euro-Stablecoin-Projekt verdreifacht die Mitgliederzahl
- SpaceX hält Bitcoins für 1,4 Milliarden Dollar
Experten, etwa jene von Chainalysis, schätzten, dass 2,3 bis 3,8 Millionen Bitcoin der finalen Maximalmenge von 21 Millionen Bitcoin – oder bis zu 20 Prozent aller Coins - unwiederbringlich verloren sind. Von gewissen Fachleuten wird diese Menge sogar auf mindestens 20 Prozent beziffert. Mit der wachsenden Popularität der Branche erwacht auch die Aufmerksamkeit der Versicherungsindustrie. Diese unvorhersehbaren und finanziell messbaren Vorfälle sind ein potenziell einträgliches Geschäft. Das Interesse ist auf alle Fälle geweckt und erste First Movers unter den Assekuranz-Gesellschaften entdecken den Geschäftssektor.
Adoption durch Institutionelle ausschlaggebend
Liegt das auch am Kryptowinter, dem monatelangen Kriechgang der Kryptowährungen, dass das Augenmerk vermehrt auf Risiken und Verluste fällt? «Nicht primär wegen des Kryptowinters, sondern aufgrund der zunehmenden institutionellen Adoption. Krypto Investitionen sind inzwischen Mainstream. Immer mehr Banken, Asset Manager und Finanzinstitute lancieren Digital Asset-Angebote – sowohl für Retail- als auch institutionelle Kunden – und experimentieren gleichzeitig selbst mit Technologien wie Stablecoins oder tokenisierten Assets», antwortet Yannis Skiadas, Partner und Europe Insurance Lead bei Capco, auf diese Frage.
Die Versicherungen gewinnen auch an Bedeutung, weil Rückforderungen von Krypto-Guthaben rechtlich schwer durchsetzbar sind. «Ich kenne etablierte Kryptobörsen, die Guthaben angeblich aus Compliance-Gründen einfrieren, aber ich kenne auch allerlei Betrugsmaschen», sagt der Zürcher Rechtsanwalt Martin Steiger. In beiden Fällen bestehe das Problem, dass die Kryptobörsen bzw. die Täterschaft im Ausland sitze. «Ein rechtliches Vorgehen ist deshalb schwierig bis unmöglich».
Im Inland bessere Karten
Wer mit Kryptowährungen handeln möchte, nutze mit Vorteil direkt einen Anbieter in der Schweiz mit einer Bewilligung der Finma, rät der Rechtsanwalt. «So hat man bessere Karten bei einem Rechtsstreit und schützt sich zu einem hohen Grad vor Betrug». Generell sollte man sich im Zusammenhang mit Kryptowährungen den erhöhten Risiken bewusst sein, fügt Steiger an. Doch in der grenzenlosen Welt der Blockchain kommt man in der Krypto-Branche rasch in Kontakt mit nicht Finma-regulierten Anbietern.
«In dem Moment, in dem ein Dritter die Verwahrung oder das Key Management ausführt und dafür eine Dienstleistung anbietet, endet bei Krypto-Anlegern die Eigenverantwortung und beginnen versicherbare Schadenfälle. Sobald eine Bank, Börse oder Custodian Verantwortung für die sichere Aufbewahrung, Verwaltung oder Transaktionsausführung übernimmt, entstehen operationelle, technische und Governance-Risiken, die potenziell versicherbar werden», umreisst Yannis Skiadas das versicherbare Geschäft.
Preisausschläge lassen sich nicht versichern
Es lässt sich nicht pauschal definieren, welche Risiken versicherbar sind. Klar ist, dass die grösste Verlustquelle Markt- und Preisrisiken – also Kursverluste auf Coins und Volatilität – nicht versicherbar sind. Entscheidend ist, wie ein Unternehmen digitale Assets verwahrt und welche Sicherheits-, Governance- und Kontrollmechanismen implementiert sind. Typischerweise versicherbar sind operationelle und kriminelle Risiken wie operationelle Fehler, Insider-Kollusion, Betrug, Social Engineering, Erpressung oder physische Szenarien rund um Private Keys und Backup-Materialien.
Yannis Skiadas relativiert: «Der Markt für Versicherungen von Digital Asset Custody-Risiken ist strukturell noch unreif. In der Praxis verhält er sich eher wie ein Specialty Risk-Markt in einer frühen Entwicklungsphase als eine etablierte kommerzielle Versicherungssparte». Das erkläre auch die ungewöhnlich hohen Prämien, die begrenzten Kapazitäten, die engen Deckungsumfänge sowie die starke Konzentration rund um das Lloyd’s-Ökosystem.
Lloyd’s dominiert
Fast das gesamte europäische Geschäft wird über den Lloyd's-Markt versichert. «Die Markttiefe ist derzeit noch schlicht unzureichend, was zu sehr hohen Risikoprämien führt», sagt Siadas. Zu den frühen Marktteilnehmern im Bereich Digital Asset Insurance zählen insbesondere spezialisierte Lloyd’s-Syndikate sowie Versicherer wie Beazley (jüngst von Zurich Insurance übernommen), Canopius, Arch, Liberty, Sompo und Munich Re. Daneben haben sich spezialisierte Anbieter wie Evertas etabliert, die sich ausschliesslich auf Digital Asset-Risiken fokussieren.
Die etablierten Versicherungen halten sich noch zurück. So antwortet die Mobiliar auf Anfrage von Tippinpoint: «In der Cyberversicherung der Mobiliar – sowohl für Privatpersonen als auch für Unternehmen – sind Schadenfälle im Zusammenhang mit Kryptowährungen nicht gedeckt. Kryptowährungen gelten gemäss unseren Vertragsbedingungen nicht als Zahlungsmittel, auch wenn sie gesetzlich anerkannt sind. Im Privatkundengeschäft sind zudem Vermögenswerte und Streitigkeiten im Zusammenhang mit digitalen Werten wie Kryptowährungen, NFTs oder virtuellen Spielerrungenschaften explizit ausgeschlossen».
Schwierige Quantifizierungsfragen
Aus Sicht von Capco ist die Zurückhaltung etablierter Versicherer weniger ein Reputations- als vielmehr ein Risiko- und Transparenzthema. Viele Versicherer sähen aktuell noch Herausforderungen bei der Quantifizierung von Schadenwahrscheinlichkeiten und dem Verständnis und der Bewertung komplexer Custody-Architekturen. Entsprechend bewege sich der Markt heute noch selektiv und stark abhängig von der Qualität der jeweiligen Custody- und Kontrollumgebung, fügt Skiadas an.
In vielen Fällen bedeutet die Versicherung gemäss Capco-Experten nicht, dass «sämtliche verwahrten Vermögenswerte gegen Verlust versichert sind». Stattdessen handle es sich häufig eher um eine begrenzte Hybriddeckung aus Technologieausfall-, Crime-, Specie- und Cyberversicherung mit klar definierten und gedeckelten Schadensszenarien. Versicherer versicherten in der Regel nicht den Nominalwert aller verwahrten Assets. Versichert würden vielmehr spezifische operative Schadensereignisse im Zusammenhang mit der Kontrolle privater Schlüssel und der Custody-Infrastruktur.
Was wäre versicherbar gewesen?
Auf die Frage, welche vergangenen Krypto-Schadensfälle versicherbar gewesen wären, antwortet Skiadas: «Die Insolvenz von FTX ist primär ein Fall von Betrug, Governance- und Kontrollversagen und nicht spezifisch ein Thema der Digital Asset Custody Insurance. Vergleichbare Fälle existieren auch ausserhalb des Kryptobereichs». Bei Angriffen auf Cross Chain Bridges oder Stablecoins handle es sich hingegen um DeFi- bzw. Smart Contract-Risiken. Für gewisse Szenarien existierten bereits spezialisierte Lösungen, beispielsweise parametrische oder protokollspezifische Versicherungsmodelle wie bei Nexus Mutual.
«Grundsätzlich gilt jedoch: Je komplexer oder weniger verständlich ein Risiko ist, desto schwieriger wird klassische Versicherbarkeit», so der Capco-Experte. Bei Digital Asset Custody Insurance gehe es typischerweise um «Assets at rest» – also um die sichere Verwahrung von Private Keys sowie die Prozesse rund um autorisierte Transaktionen. Die Prämie bei einem Verlust des Private Key oder einem Hackerangriff basiert demnach nicht nur auf Assets under Custody selbst, sondern auch auf der Qualität der Custody-Architektur und des Kontrollumfelds.
Bewertet werden gemäss dem Capco-Experten unter anderem Key Management, Governance, Zugriffskontrollen, operative Prozesse, Netzwerkarchitektur sowie potenzielle Schadenszenarien. Versicherer arbeiten dabei typischerweise mit Szenarioanalysen, Wahrscheinlichkeitsmodellen und Exposure-Betrachtungen.
Short cuts: News aus der digitalen Welt
Das Euro-Stablecoin-Projekt verdreifacht die Mitgliederzahl
Am 8. Mai berichteten wir an dieser Stelle über das rasch wachsende Netzwerk des Euro-Stablecoins von Qivalis. Damals wies das Gemeinschaftsprojekt von grossen EU-Banken 12 Mitglieder auf, darunter ING, Unicredit, BBVA und BNP Paribas. Nun erfolgt ein Wachstumsschub. Diese Woche meldete das Konsortium den Beitritt von 25 weiteren europäischen Banken – darunter etwa ABN AMRO, Banco Sabadell, Bank of Ireland, Erste Group, Handelsbanken, National Bank of Greece und Rabobank. Damit verdreifacht sich die Mitgliederzahl und es werden die Voraussetzung für ein paneuropäisches Euro-Netzwerk auf der Blockchain weiter verbessert. Auch der Antrag, einen MiCA-konformen Euro-Stablecoin unter der Aufsicht der De Nederlandsche Bank (DNB) auszugeben, erhält markant mehr Gewicht. «Diese Erweiterung ist ein entscheidender Schritt hin zu einem offenen und regulierten digitalen Ökosystem für den Euro. Sie zeigt zudem, dass die Mehrheit der europäischen Finanzinstitute der direkten Euro-Abwicklung auf der Blockchain bereits hohe Priorität in ihrer Digital-Asset-Strategie eingeräumt hat», gibt Qivalis-CEO Oliver Sell in der Pressemitteilung zu Protokoll.
SpaceX bringt auch Bitcoins ins All
Michael Saylor aufgehorcht! Elon Musk beherrscht die Kunst des Bitcoin Thesaurierens ebenfalls. Im aktuellen S-1-Registrierungsdokument für die US-Börsenaufsicht weist das Raumfahrtunternehmen von Elon Musk Bestände von 18’712 Bitcoins aus – das entspricht einem aktuellen Gegenwert von rund 1,45 Milliarden Dollar. SpaceX hat diese Unterlagen anlässlich des für den 12. Juni geplanten Börsengangs eingereicht. Damit sind die Bitcoin-Bestände des Unternehmens deutlich höher als angenommen – Schätzungen gingen maximal von etwa der Hälfte aus. Mit diesen Bitcoin-Vermögen würde SpaceX im Ranking börsennotierter Unternehmen mit Bitcoin in der Bilanz auf Platz sieben landen. Würde man die 11'509 Bitcoins von Tesla dazurechnen, würde das «Treasury-Unternehmen Elon Musk» noch weiter nach vorne rücken. SpaceX hat bereits 2021 mit der Akkumulationsstrategie begonnen und weist mit 35’320 Dollar pro Bitcoin einen deutlich tieferen Durchschnittspreis als das Strategy-Portfolio auf. Das Unternehmen von Michael Saylor kontrolliert mittlerweile einen Bestand 843’738 Coins, die im Schnitt für 66'390 Dollar gekauft wurden.

